Gescheiterter Rettungsplan US-Parlamentarier verschwinden nach dem Riesencrash in den Urlaub

Mit Angst sehen die Amerikaner den kommenden Stunden entgegen: Stürzen die Börsen nach dem Scheitern des Rettungspakets weiter ab? Die Kongressabgeordneten, die für das Debakel mitverantwortlich sind, gingen dagegen erst einmal in den Kurzurlaub. Experten sind entgeistert.

Von , New York


New York - Als wären die Szenen am Montag nicht beunruhigend genug gewesen: Der Plenarsaal des US-Repräsentantenhauses im Chaos. Die Börsen im freien Fall. Die bemerkenswerten Auftritte zweier Präsidentschaftskandidaten, die Überparteilichkeit schworen - um sich im nächsten Atemzug gegenseitig anzugreifen.

Wall Street: Zittern am Tag nach dem Crash
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Wall Street: Zittern am Tag nach dem Crash

Doch all diese surrealen Momente werden am Dienstag wohl noch übertroffen - nicht nur auf dem Parkett der Börsen, wo keiner weiß, wie die geschockten Händler und Anleger die Hiobsbotschaften weiter verarbeiten werden. Sondern auch in den Wandelgängen des US-Kapitols, dem Ground Zero dieser Katastrophe.

Nachdem die US-Abgeordneten am Montag das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die Wall Street dramatisch hatten scheitern lassen und damit den Schwarzen Montag an der Wall Street - den größten Punkte-Crash in der Geschichte des Dow-Jones-Index' - ausgelöst hatten, fuhren sie zum Kurzurlaub nach Hause in ihre Heimatbezirke. Anlass: das jüdische Neujahrsfest Rosch ha-Schana - in Washington ein Kongress-Feiertag.

Schwer zu glauben: Am Tag nach dem Desaster - dem Tag, dem nicht nur die US-Börsianer voller Zweifel und Unsicherheit entgegenbangen, dem Tag, an dem die Welt auf Washington starrt, dem Tag, an dem Führungskraft gefordert ist oder wenigstens ein Zeichen, dass jemand hier die Dinge im Griff hat - macht der US-Kongress geschlossen dicht und vertagt sich seelenruhig auf Donnerstag.

Drei Milliarden Dollar Verlust pro Minute

"Es ist völlig verständlich, dass einige Abgeordnete morgen nicht arbeiten", sagte Ex-Präsidentenberater David Gergen, der die Ablehnung des Milliardenpakets "schockierend unverantwortlich" nannte, am Montagabend auf CNN. "Aber ganze Delegationen?" Irgendeiner müsse doch die Zügel in der Hand behalten, um heute "eine totale Panik zu vermeiden".

Aber nein, die Börsen sind am Dienstag völlig auf sich gestellt, wenn sie in den nächsten ungewissen Akt dieses scheinbar endlosen Dramas gehen. Der Kongress hinterließ ihnen einen Scherbenhaufen - und suchte dann das Weite. Und das, obwohl die US-Märkte am Dienstag in nur sechseinhalb Stunden 1,2 Billionen Dollar verloren - drei Milliarden Dollar pro Minute.

Auch politisch war der Montag eine verheerende Erniedrigung für die USA. Vor allem für Präsident George W. Bush und seinen Finanzminister Henry Paulson, die sich mit aller Kraft für das Bankenpaket verwendet hatten, um insbesondere die Widerständler in der eigenen Partei umzustimmen. Paulson, den sie einst wegen seiner Härte "Hammer" genannt hatten, erlitt in den dramatischen Nachtverhandlungen zuletzt sogar einen Schwächeanfall.

Es ist eine historische Blamage: 133 Republikaner und 95 Demokraten stimmten gegen das kontroverse, bei vielen Wählern unpopuläre, doch von der Wall Street herbeigebetete Gesetzespaket. Viele punkteten mit ihrem Nein zwar in ihrem Wahlbezirk - liefern sich langfristig aber dem Vorwurf aus, das Wohl der Nation eiskalt der Angst um die Wiederwahl geopfert zu haben.

"Das Gesetz ist gescheitert", verkündete eine leichenblasse Nancy Pelosi, die demokratische Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, deren eigener Ruf ebenfalls gehörigen Schaden nahm. "Die Krise geht weiter." Sprach's - und verschwand erst mal von der Bildfläche.

Experten warnen davor, Konten umzuschichten

Wie es nun weitergehen soll, blieb auch am späten Abend weiter offen. Paulson forderte dringende Neuverhandlungen: "Wir müssen uns so schnell wie möglich an die Arbeit machen", sagte er vor einem Krisentreffen im Weißen Haus, mit sichtlich mitgenommener Miene. "Wir müssen etwas zustande bringen."

Ohne das Rettungspaket, so hatten Bush, Paulson und auch viele Demokraten in seltener Solidarität argumentiert, wären nicht nur die Finanzbranche sowie die Portfolios und Investments von Millionen von Menschen gefährdet, sondern die gesamte Wirtschaft - ein Argument, das nun auf die Probe gestellt wird: Wie halten sich die Märkte in den kommenden Tagen - ohne politische Hilfe?

Schon raten Experten den amerikanischen Bankkunden, alle Kontobestände über 100.000 Dollar umzuverteilen. Denn das ist die Höchstsumme, die die Einlagenversicherung FDIC im Fall einer US-Bankenpleite abdeckt.

Unbeantwortet bleibt auch die Frage: Wie konnte das nur geschehen? Nach all den Verhandlungen, Nachtsitzungen, Schwüren der Brüderlichkeit?

Die Abgeordneten selbst hatten den genauen Wortlaut des Gesetzes mit dem pompösen Titel "Emergency Economic Stabilization Act of 2008" erst am Sonntagnachmittag erhalten. Es war eine Version, die die erste Rohfassung des Finanzministeriums mittels zahlreicher Zusätze von drei auf 110 Seiten aufgebläht hatte.

In den Stunden darauf hatten die Spitzen beider Parteien versucht, die nötigen Stimmen zusammenzutrommeln. Am Morgen, so der Demokrat Barney Frank, der als Vorsitzender des Finanzausschusses die Verhandlungen führte, habe "Klarheit über die Stimmen" geherrscht. Beide Seiten hätten zugesichert, je die Hälfte eines Ja-Votums bereitzustellen.

Abstimmung mit Auswirkung auf politische Karriere

Ein Trugschluss: Viele konservative Abgeordneten hatten unüberwindbare ideologische Probleme mit dieser bitteren Pille - damit, dass die Wall Street auf Kosten der Main Street, des Steuerzahlers, aus dem Morast gezogen werden solle. Diesen populistisch zugespitzten Konflikt - "Wall Street gegen Main Street" - hielten die Politiker in ihren Wahlkreisen für unvertretbar. Erst recht nicht so kurz vor den Kongressneuwahlen.

Denn eine solche Abstimmung prägt Karrieren - ähnlich wie das Votum zum Irak-Krieg 2003: Jeder Abgeordnete muss sich für den Rest seiner Laufbahn vorhalten lassen, wie er sich an dieser historischen Wegscheide verhalten hat. "Dies ist die schwierigste Entscheidung, die ich in meinen 16 Jahren in diesem Gremium gefällt habe", sagte der Republikaner Spencer Bachus - bevor er dafür stimmte.

Am Ende fehlten zwölf Stimmen. Genauer gesagt: Ein Dutzend Republikaner, die die Fraktionsführung als Ja-Stimmen verbucht hatte, verweigerten sich dem Paket.

Beide Seiten machten sich gegenseitig dafür verantwortlich. Die Republikaner warfen Nancy Pelosi vor, mit einer Brandrede im Plenum unmittelbar vor der Abstimmung noch viele Abgeordnete vergrätzt und spät zur Ablehnung getrieben zu haben. "Das veranlasste eine Anzahl von Abgeordneten dazu, den Bach runterzugehen", formulierte es John Boehner, der Minderheitenführer der Republikaner.

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