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Geschönte Firmenberichte: Forscher entlarven Lügenmuster von Managern

Wer "Wir" sagt, lügt öfter - zumindest, wenn er gerade seine Unternehmenszahlen vorstellt. US-Forscher haben Präsentationen gefälschter Geschäftsberichte analysiert und so verdächtige Manager-Floskeln entlarvt.

Lehman-Banker am Tag der Insolvenz (15. September 2008): 14-mal das Wort "großartig" Zur Großansicht
DPA

Lehman-Banker am Tag der Insolvenz (15. September 2008): 14-mal das Wort "großartig"

Washington - Hypo Real Estate, Lehman Brothers, Enron - bei all diesen Pleiteunternehmen schien die Welt noch kurz zuvor vollkommen in Ordnung. Bei der Präsentation der Geschäftsberichte taten die Manager so, als wäre nichts. Doch bald wird es vielleicht möglich sein, geschönte Unternehmenszahlen dennoch zu erkennen: US-Wissenschaftler haben anhand Zehntausender Präsentationen von Unternehmenszahlen bestimmte Muster aufgespürt, mit denen lügende Firmenvorstände besser entlarvt werden können:

  • So benutzen die Führungskräfte von Konzernen in den Telefonkonferenzen zur Vorlage ihrer Quartalszahlen sehr oft das Wort "Wir" statt "Ich", wenn sie unwahre oder ungenaue Angaben zum Abschneiden des Unternehmens machen. Auf diese Weise entledigten sich die Vorstände des Unternehmens ein Stück weit der persönlichen Verantwortung für das Vorgetragene. Das geht aus der Studie von zwei Professoren der US-Eliteuniversität Stanford hervor.
  • Ein weiteres Zeichen für unwahre Äußerungen sei es, wenn Konzernverantwortliche bei der Vorlage der Zahlen besonders viele Wörter verwendeten, die stark mit Gefühlen aufgeladen seien. Als Beispiel nannten die Wissenschaftler die Vorlage der Zahlen der Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008, wenige Monate vor deren Zusammenbruch. Lehman-Finanzvorstand Erin Callan habe damals 14-mal das Wort "großartig", 24-mal das Wort "stark" und achtmal das Wort "unglaublich" verwendet. Besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit falscher Angaben der Studie zufolge, wenn die emotional gefärbten Wörter kaum von tatsächlichen starken Zahlen begleitet seien - was bei Lehman der Fall war.
  • Auch die Verwendung von Allgemeinplätzen wie "Jeder von uns weiß" ist der Studie zufolge ein Zeichen, dass die folgenden Aussagen zweifelhaft sind.

Für ihre Forschungsarbeit werteten die Stanford-Wirtschaftsprofessoren David Larcker und Anastasia Zakolyukina vor allem die Mitschriften von knapp 30.000 Telefonkonferenzen von Unternehmen in den Jahren 2003 bis 2007 aus. Sie entwickelten daraus auf linguistischen Kriterien beruhende Modelle, mit denen der Wahrheitsgehalt einer Präsentation vorhergesagt werden kann. Um zu prüfen, wie gut ihr Modell funktioniert, analysierten sie auch, welche Aussagen und Erwartungen die Unternehmen wenig später korrigieren mussten.

In diesen Fällen unterstellten die Wissenschaftler, dass die Vorstände schon zum Zeitpunkt der Telefonkonferenz wussten, dass die tatsächlichen Zahlen ihrer Firma eigentlich weniger rosig aussahen. Die Forschungsarbeit mit dem Titel "Über das Aufspüren von täuschenden Aussagen in Telefonkonferenzen" ist bisher noch unveröffentlicht. Die Studie soll Analysten helfen, Gefahren für die Anleger auch dann vorauszusehen, wenn Zahlen einer Firma gefälscht worden sind.

fdi/AFP

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insgesamt 68 Beiträge
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1. gürtel
zynik 20.10.2010
Zitat von sysopWer "wir" sagt, lügt öfter - zumindest, wenn er gerade seine Unternehmenszahlen vorstellt. Forscher haben Präsentationen gefälschter Geschäftsberichte analysiert und so verdächtige Manager-Floskeln entlarvt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,724179,00.html
Hehe, ich sag nur: "WIR müssen den Gürtel enger schnallen!" ;-)
2. wir
dr_gisela_v._kerf-binsing 20.10.2010
Zitat von sysopWer "wir" sagt, lügt öfter - zumindest, wenn er gerade seine Unternehmenszahlen vorstellt. Forscher haben Präsentationen gefälschter Geschäftsberichte analysiert und so verdächtige Manager-Floskeln entlarvt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,724179,00.html
Ich würde noch weiter gehen. Wer "wir" sagt, lügt allgemein in den allermeisten Fällen. Die "wir"-Krankheit muß gesellschaftlich geächtet werden.
3. Dem beschönigenden, verharmlosenden, täuschenden
sic tacuisses 20.10.2010
Zitat von sysopWer "wir" sagt, lügt öfter - zumindest, wenn er gerade seine Unternehmenszahlen vorstellt. Forscher haben Präsentationen gefälschter Geschäftsberichte analysiert und so verdächtige Manager-Floskeln entlarvt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,724179,00.html
Vorstandssprech ist nur beizukommen, wenn der AR in die Pflicht genommen wird und strafrechtliche Folgen bei Versagen drohen. Unwissenheit in diesen Gremien ist gang und gäbe. Völlige Überforderung mangels Sachkenntnis ebenso. Proporzentscheidungen wie "verdiente" Politiker kurz vor der Abschiebung aufs Altenteil noch mal schnell zu "loben" sind kontraproduktiv. Vorstände könnten bei weitem nicht so agieren, würden sie tatsächlich vom AR kontrolliert.
4. Forscher entlarven Lügenmuster von Managern
Hilfskraft 20.10.2010
Zitat von sysopWer "wir" sagt, lügt öfter - zumindest, wenn er gerade seine Unternehmenszahlen vorstellt. Forscher haben Präsentationen gefälschter Geschäftsberichte analysiert und so verdächtige Manager-Floskeln entlarvt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,724179,00.html
Sorry! Auch hier stellt sich mir die Frage: Wat soll dat? Wenn Manager lügen und betrügen, gehören sie bestraft und das kräftig. Vielleicht sind es, wie beim Saufen, auch die Gene. Na und? Den Etat für den Bereich Forschung brauchen wir jedenfalls nicht erhöhen, wenn sowas dabei rauskommt. H.
5. hmmmpf
Tom der Dino 20.10.2010
---Zitat--- Ein weiteres Zeichen für unwahre Äußerungen sei es, wenn Konzernverantwortliche bei der Vorlage der Zahlen besonders viele Wörter verwendeten, die stark mit Gefühlen aufgeladen seien. ---Zitatende--- In den Erläuterungen zur Gesundheitsreform kommt ziemlich häufig das Wort "gerecht" vor. Erwischt! Herr Rösler
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