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Gesunder Streit: Tabak-Lobbyverband löst sich auf

Dicke Luft in der Tabakindustrie: Nach wochenlangen Querelen und dem Ausstieg von Branchenführer Philip Morris hat sich der Verband der Cigarettenindustrie aufgelöst. Gesundheitspolitiker jubilieren - doch die Industrie schmiedet schon Pläne für eine neue Lobbygruppe.

Berlin - Schon lange kabbelten sich die Mitglieder des Verbands der Cigarettenindustrie (VdC) - heute kam dann der große Knall. Der Verband erklärte seine Auflösung. Damit verschwindet einer der mächtigsten und umstrittensten Lobbyverbände von der politischen Bühne in Berlin und Brüssel. Gesundheitspolitiker jubilieren. "Wir sind damit einen nervigen Lobbyisten losgeworden", sagte die Vorsitzende des Bundestags-Gesundheitsausschusses, Martina Bunge (Linke), der "Süddeutschen Zeitung".

Raucher mit Zigarette: "Wir haben ein Produkt das schädlich ist"
AP

Raucher mit Zigarette: "Wir haben ein Produkt das schädlich ist"

Hintergrund der ungewöhnlichen Selbstzerstörung sind die Querelen um das Verhalten in der Diskussion um die gesundheitlichen Folgen des Rauchens. Branchenführer Philip Morris hatte im Mai seine VdC-Mitgliedschaft aufgekündigt - mit einer überraschenden Begründung: Man wolle sich stärker einsetzen für eine gesundheitspolitisch orientierte Regulierung der Tabakwirtschaft und ein fast komplettes Tabakwerbeverbot. "Wir haben ein Produkt, das schädlich ist", hieß es in der Münchner Firmenzentrale. Tabakwerbeverbote auch auf Plakaten, höhere Preise durch größere Packungen, mehr Steuern auf Tabakprodukte zum Selberdrehen - für Philip Morris kein Problem. Der VdC habe zu wenig getan gegen die schädliche Qualmerei, hieß es.

Die anderen sechs Zigarettenhersteller staunten über den Sinneswandel beim Branchenprimus. Die von Philip Morris angeführten Gründe seien "scheinheilig", polterte der erst seit kurzem amtierende VdC-Chef Titus Wouda Kuipers. Der Reemtsma-Deutschlandchef warf dem Konkurrenten vor, reine Geschäftsinteressen zu vertreten. Die Forderung nach einer stärkeren Feinschnitt-Besteuerung etwa sei durchsichtig, da Philip Morris hier einen eher geringen Marktanteil habe. Der Konzern verkauft vor allem Filterzigaretten.

Auch die geforderte Ausweitung des Werbeverbots sei leicht zu durchschauen, argumentierte Kuipers. Damit würde die Marktstellung zementiert. Philip Morris kommt in Deutschland mit großem Abstand auf einen Marktanteil von rund 37 Prozent. Ohne Werbung, so befürchten die Konkurrenten, könnten dem Branchenprimus kaum Kunden weggeschnappt werden. Wenig konsequent sei auch, dass Philip Morris außerhalb der EU weiterhin die Formel 1 sponsere.

"Spätestens 2007 neuer Verband"

Noch vor wenigen Wochen hieß es nach dem Abtritt des Malboro-Herstellers aus der Berliner VdC-Zentrale selbstbewusst, man sei auch ohne Philip Morris schlagkräftig. Schließlich würden weiterhin gut 60 Prozent der Branche vertreten. Eigentlich sollten nur noch finanzielle Verpflichtungen für den Sechser-Verband geklärt werden.

"Die Zigarettenindustrie wird deshalb aber nicht zu Grunde gehen", sagt Gesundheitspolitikerin Bunge über das Ende des mächtigen Verbands. Laut "Financial Times Deutschland" arbeiten die Vertreter der Branche auch schon mit Feuereifer an der Gründung einer neuen Interessenvertretung - ohne Marktführer Philip Morris. "Wir rechnen damit, dass spätestens zum 1. Januar 2008 ein neuer Verband steht", sagte ein Sprecher des Branchenzweiten British American Tobacco (BAT). "Wir führen intensive Gespräche und sind uns dabei einig, dass es einen neuen Verband geben wird", wird ein Reemtsma-Sprecher zitiert.

ase/AP/dpa

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