Gesundheit Die verwirrende neue Welt der Krankenversicherung

Strukturreformen heißt das Zauberwort in der neuen Gesundheitsreform. Die Kassen sollen dadurch Geld sparen, für die Versicherten aber wird's kompliziert: Sie müssen sich einstellen auf Wahltarife, Hausarzttarife, Bonustarife, Chronikertarife - und das ist erst der Anfang.


Berlin - Kommt das Barmer-Mitglied Meyer in die Apotheke und will auf Rezept seine üblichen Blutdrucksenker holen. Kostet acht Euro Zuzahlung, sagt die Apothekerin. AOK-Mitglied Müller steht daneben, will das gleiche Medikament und zahlt dafür nur sechs Euro fünfzig zu.

Apothekerin (in Hannover): Patienten, die sparen wollen, müssen auf Freiheiten verzichten
AP

Apothekerin (in Hannover): Patienten, die sparen wollen, müssen auf Freiheiten verzichten

Diese Vision soll nach der anstehenden Gesundheitsreform Realität werden. Sie ist eines der Elemente, die die Politik mit dem wohlklingenden Wort "Strukturreformen" beschreibt.

"Durch die vielfältigen Möglichkeiten für Verträge zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern werden wir die Strukturen im System stärker aufbrechen", sagt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt dazu. Damit entsteht - so stellen sich das die Reformer zumindest vor - eine schöne neue Welt auch für die Versicherten.

Eine verwirrende neue Welt.

Hinter den künftig denkbaren unterschiedlichen Zuzahlungen steckt die neue Möglichkeit für Kassen, Preise bis zu einer Höchstgrenze mit den Pharmaanbietern auszuhandeln. Und so könnte es sein, dass die AOK künftig nur noch 65 Euro für den Blutdrucksenker zahlt, während die Barmer 80 Euro dafür ausgeben muss. Entsprechend unterschiedlich würden die zehnprozentigen Zuzahlungen ausfallen.

Den Überblick wahren

Das aber ist erst der Anfang. Wahltarife, Hausarzttarife, Bonustarife, Chronikertarife, Preferred-Provider-Tarife und noch viel mehr dürfen sich die Krankenkassen künftig ausdenken, um ihre Kunden zu hofieren. Zwar soll der Standard-Leistungskatalog der Kassen gleich bleiben. Die Mitglieder sollen aber Möglichkeiten bekommen, nach Bedarf und Geldbeutel weniger zu zahlen und dafür Einschränkungen in Kauf zu nehmen.

Im System des neuen Gesundheitsfonds, das Regierungskreise am Freitag erläuterten, soll der entscheidende Hebel dafür der mögliche Zusatzbeitrag sein. In den großen Geldtopf hinein sollen ja ab 2008 dieselben Mittel fließen wie bisher in die gesetzliche Krankenversicherung: Nach Einkommen bemessene Beiträge, allerdings zu einem bundesweit gesetzlich festgeschriebenen Einheitssatz, und ein kleiner Steueranteil von 1,5 Milliarden Euro.

Im Gegensatz zu heute kommt das Geld aber nicht direkt bei den Kassen an. Sie bekommen vielmehr aus dem Fonds Einheitsbeträge zugeteilt. Für Alte und Kranke gibt es Zuschläge. Falls die Summe aber nicht reicht, können sich die Kassen kein zusätzliches Geld aus dem Fonds besorgen, sondern nur direkt beim Kassenmitglied: Das ist der viel diskutierte Zusatzbeitrag, der nun mangels Einigung zwischen Union und SPD entweder als Pauschale oder als prozentualer Zusatzbeitrag eingefordert werden kann.

Sondertarife schränken die Wahl ein

Die Kassen würden alles tun, diesen Zusatzbeitrag zu vermeiden, um ihre Mitglieder nicht zu vergraulen, lautet die Theorie der Reformer. Deshalb würden sie versuchen, die Leistungen für ihre Versicherten so billig wie möglich einzukaufen, nämlich über Sonder- und Rabattverträge mit Pharmaherstellern, Krankenhäusern oder Ärzten.

Und sie würden Sondertarife anbieten, die für sie und ihre Versicherten billiger sind, nach dem Motto: Bevor du 15 Euro im Monat Sonderbeitrag zahlst, komm' doch lieber in unseren Hausarzttarif. Die meisten dieser Spezialtarife, die es - wenn auch nicht flächendeckend - heute schon gibt, funktionieren über Einschränkung der Wahlmöglichkeit. Der Versicherte muss sich festlegen, nur oder zuerst zu bestimmten Ärzten, in bestimmte Krankenhäuser und in bestimmte Apotheken zu gehen.

Kassen und Ärzte sind schon bei früheren Versuchen der Gesetzgeber, Rabattverträgen und Sondertarifen den Weg zu ebnen, häufig als Mahner und Warner aufgetreten. Wenn beispielsweise einzelne Kassen für einen häufig verschriebenen Blutdrucksenker mit dem Hersteller Sonderkonditionen aushandelt, dann müssen Ärzte in der Praxis schon sehr genau den Überblick wahren, wo ihr Patient versichert ist.

Letztlich kann es auch passieren, dass ein Patient einen bestimmten Arzt nicht wählen kann, weil dieser keinen Vertrag mit seiner Kasse hat. Andererseits sollen die Sondertarife freiwillig bleiben. Und bisher sind keine gravierenden Probleme der Versicherten etwa in den bestehenden Hausarztmodellen bekannt geworden. Versicherte sollten sich jedoch vor einem Tarifwechsel genau informieren. Für die künftig noch vielfältigeren Wahlmöglichkeiten gibt es ja vielleicht an Volkshochschulen bald "Die kleine Einführung in die Wahltarifkunde".

Verena Schmitt-Roschmann, AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.