Gesundheitsreform Die Vollversicherung blutet aus

Noch wird über die Gesundheitsreform gestritten, doch sicher ist: Für den Versicherten wird es am Ende teurer bei niedrigeren Leistungen. Wer mehr als den Basisschutz will, muss sich extra absichern. Die großen Gewinner der Reform werden die Anbieter von Zusatzversicherungen sein.

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Hamburg - Noch wird an der Reform herumgedoktert, versuchen zahlreiche Interessenverbände bis zum offiziellen Start im April 2007 Einfluss zu nehmen. Dennoch ist bereits klar: Der Staat wird sich aus der Finanzierung des Gesundheitssystems weiter zurückziehen, und der Versicherte wird die Risiken und Kosten dieses Systems künftig stärker tragen müssen als bisher - etwa durch erhöhte Beiträge und private Zusatzversicherungen. Nach einer Studie der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) werden die Anbieter privater Zusatzversicherungen die "großen Gewinner" der Gesundheitsreform sein.

Nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge werden die Reformvorschläge der Bundesregierung zu einer allmählichen Angleichung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der privaten Krankenversicherung (PKV) führen, wenn nicht sogar in einer "Einheitskrankenkasse" münden, urteilen die Analysten.

Zum einen soll sich die PKV auch für sogenannte Risikopatienten öffnen und ihnen einen Tarif zu vertretbaren Konditionen mit in der GKV vergleichbaren Leistungen anbieten. Zudem sollen ab dem Jahr 2008 alle bestehenden und zukünftigen Vollversicherungstarife der PKV in einen Basis- und einen Zusatztarif aufgespaltet werden. Der Basistarif ist mit einem Verbot der Risikoprüfung ausgestattet, soll dem Leistungsumfang der GKV entsprechen und nur zu diesem soll der Arbeitgeber einen Zuschuss zahlen.

Zusatzversicherungen als Wachstumstreiber

Darüber hinaus sollen Privatversicherte künftig innerhalb der PKV ihren Anbieter wechseln und ihre Altersrückstellungen zu dem neuen Anbieter mitnehmen können. Dies dürfte allerdings, sowie der geplante Risikostrukturausgleich auch, innerhalb der privaten Krankenkassen die Tarife für junge Neuversicherte deutlich verteuern und - so die Befürchtung der privaten Kassen - den Zustrom an neuen Mitgliedern allmählich versiegen lassen.

Nach Einschätzung der LRP-Analysten werden diese Reformvorschläge - soweit sie sich politisch durchsetzen lassen - "zu einem langsamen Ausbluten der PKV-Vollversicherung zugunsten der privaten Zusatzversicherungen führen". Letzteren sagen die Analysten einen "stark wachsenden Markt" voraus. Für die Assekuranz werde sich das Geschäft mit Zusatzversicherungen neben der privaten Altersvorsorge zu einem zweiten Wachstumstreiber entwickeln.

Damit stellt sich die Frage, welche Assekuranzen von dem erwarteten starken Bedarf an privaten Zusatz-Krankenversicherungen besonders profitieren werden.

Die Analysten der LRP sehen hier derzeit die Münchener Rück Chart zeigen am besten aufgestellt. Mit der DKV (Deutsche Krankenversicherung) verfügt der Konzern über den zweitgrößten deutschen privaten Krankenversicherer hinter der Debeka. Gemessen an dem Prämienvolumen belegt die Allianz Chart zeigen Platz drei und die AMB Generali Chart zeigen mit ihrer Tochter Central Krankenversicherungen Platz fünf.

Bei den zur Rede stehenden Zusatz-Krankenversicherungen nimmt die DKV mit rund 15 Prozent Marktanteil den Spitzenplatz unter den deutschen Anbietern ein. Der Konkurrent Allianz kommt auf etwa 12 Prozent Marktanteil bei den Zusatzversicherungen.

Und auch ein zweiter Vergleich unterstreicht, warum die Münchener-Rück-Gruppe Entwicklungen im Gesundheitswesen deutlich stärker ausgesetzt ist als die Konkurrenten. Der LRP-Vergleich der Erstversicherungssparten Lebens-, Kranken- und Sachversicherung zeigt: Das Krankenversicherungsgeschäft der Münchener Rück macht rund 33 Prozent der gezeichneten Bruttoprämien aller drei Sparten aus. Bei der Allianz beträgt dieser Anteil 11 Prozent, bei der AMB Generali 12,5 Prozent.

Dabei hat die Münchener Rück im vergangenen Jahr die größten Zuwächse bei den Bruttobeiträgen und dem Jahresüberschuss des Segments Gesundheit erzielt. Zur Begründung führen die Analysten die Fokussierung auf Zusatzversicherungen, Beitragserhöhungen in der Vollversicherung und ein deutlich gestiegenes Kapitalanlageergebnis an. Mit einer Nettomarge von 4,7 Prozent habe sich die Münchener Rück an die Spitze des Trios gesetzt. Zwar habe auch die Allianz ihre Profitabilität im Bereich Gesundheit verbessert, blieb mit einer Nettomarge von 3,1 Prozent aber hinter den beiden anderen Konkurrenten zurück.

Größter Wachstumstreiber für den Gesamtmarkt der Zusatzversicherungen war der LRP-Studie zufolge bislang die Absicherung zusätzlicher ambulanter Dienstleistungen bei Ärzten und Zahnärzten. So wuchs etwa im Jahr 2004 die Zahl der Kunden, die eine ambulante Zusatzversicherung abgeschlossen hatten, um 21 Prozent auf knapp 6,2 Millionen Menschen. Dieser Erfolg resultierte laut LRP aus der verstärkten Kooperation mit den gesetzlichen Krankenkassen. Die Analysten der Landesbank Rheinland-Pfalz gehen davon aus, dass Münchener Rück Chart zeigen und AMB Generali Chart zeigen mehr von diesem Branchentrend profitieren könnten als die Allianz Chart zeigen.



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