Gewerkschaftsstudie: Jeder Dritte findet seine Arbeit schrecklich

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Miese Bezahlung, schlechte Arbeitsbedingungen und kaum Aufstiegschancen: Jeder dritte Beschäftigte in Deutschland ist laut einer Gewerkschaftsstudie unzufrieden mit seiner Firma. Vor allem Zeitarbeiter sind frustriert.

Hamburg - "Gut ist eine Arbeit, die den Ansprüchen der Beschäftigten gerecht wird", lautet die Definition des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Für seine Studie befragte er mehr als 6000 Arbeitnehmer und erstellte den "DGB-Index Gute Arbeit", der heute in Berlin vorgestellt wurde. Künftig soll dieser Index einmal im Jahr veröffentlicht werden.

Zimmermann (in Frankfurt am Main): Zeitarbeiter bewerten ihre Jobsituation besonders schlecht
DPA

Zimmermann (in Frankfurt am Main): Zeitarbeiter bewerten ihre Jobsituation besonders schlecht

"Wer kann die Arbeitsbedingungen in Deutschland am besten beurteilen, wenn nicht die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer selbst?", fragt DGB-Chef Michael Sommer im Vorwort der ersten Studie. Das Ergebnis der repräsentativen Umfrage ist ernüchternd: Die Beschäftigten vermissen die Wertschätzung ihrer Arbeit, bemängeln fehlende Kollegialität, sehen kaum berufliche Entwicklungschancen und fühlen sich von Vorgesetzten alleingelassen.

Sozialforscher des DGB sowie externe Experten erstellten einen Index von 0 bis 100 Punkten. Bewertungen von 80 bis 100 Punkten sprechen für "gute Arbeit", Werte zwischen 50 und 80 Punkten werden als "mittelmäßige Arbeit" qualifiziert und Werte unter 50 Punkte machen "schlechte Arbeit" aus. In die Bewertung flossen unterschiedliche Faktoren ein wie Qualifizierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten, Chancen, die eigene Kreativität einzubringen, Informationsfluss, Führungsqualität der Vorgesetzten und Kollegialität, aber auch körperliche und emotionale Anforderungen sowie Arbeitsplatzsicherheit und das Einkommen.

"Sie leben in großer Unzufriedenheit über ihre Zukunft"

Gut ein Drittel, 34 Prozent der Beschäftigten, stuften ihre Arbeitssituation als schlecht ein. "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die dieser Gruppe angehören, haben in der Regel hohe Belastungen (wie Mangel an Respekt, körperliche Schwerarbeit, einseitige Belastungen oder emotionale Überforderung) auszuhalten, dabei aber kaum Entwicklungsmöglichkeiten in ihrer Arbeit", heißt es in der Studie. "Sie erhalten ein Einkommen, das weder ihren Leistungen angemessen ist noch ihren Bedürfnissen gerecht wird, und leben häufig in großer Unsicherheit über ihre berufliche Zukunft."

Mehr als die Hälfte, nämlich 54 Prozent, bewerten ihre berufliche Lage als mittelmäßig. "Häufig sind den Einflussmöglichkeiten der Beschäftigten enge Grenzen gezogen, dafür sind sie etlichen belastenden körperlichen und emotionalen Anforderungen ausgesetzt. Die Arbeitsbedingungen bergen wenig Entwicklungs- und Lernförderliches, es fehlt an einem unterstützenden Führungsstil, die Einkommensbedingungen sind unzureichend, auch die Ungewissheit über ihre berufliche Zukunft belastet die Beschäftigten", schreiben die Wissenschaftler.

Nur zwölf Prozent sind zufrieden mit ihrer Arbeit - einer unter acht Beschäftigten. Hier kommt die Studie zu dem Schluss, dass diese Menschen ein "hohes Maß an Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten, eine sinnhaltige Arbeit, wenige körperliche und emotionale Belastungen, ein angemessenes Einkommen samt einem hohen Grad beruflicher Zukunftssicherheit, ein unterstützendes, entwicklungs- und lernförderliches Arbeitsorganisations-Umfeld" haben.

"Geprägt von Zeitdruck und schweren Belastungen"

Insgesamt erreicht der Index einen Durchschnittswert von 58 Punkten - nur acht Punkte oberhalb der Grenze zur schlechten Arbeit, aber 22 Punkte von der Messlatte für gute Arbeit entfernt. Dies sei ein Ergebnis, das "große Defizite und ein erhebliches Verbesserungspotential signalisiert", heißt es in dem Papier.

Fazit der Forscher: "Die Arbeitswelt der abhängig Beschäftigten in Deutschland ist eine Welt großer Unterschiede. Dieser Befund ergibt sich aus der großen Spannbreite der Wertungen, mit denen die Beschäftigten ihre Arbeitssituation beschreiben." Besorgniserregend sei das Ergebnis, heißt es aus dem DGB, weil die Gruppe, die unter schlechten Arbeitsbedingungen zu arbeiten habe, dreimal so groß sei wie die derjenigen, die zufrieden sind mit ihrem Job.

Vor allem Zeitarbeiter gaben ihrer Arbeitssituation schlechte Noten. Sie fühlten sich schlecht in den Betrieb integriert und sahen kaum eine Chance, sich weiterzuentwickeln. Auffällig ist auch, dass niedrige Einkommen und schlechte Arbeitsbedingungen häufig zusammenfallen. "Die Schlechtbezahltesten haben ihre Arbeit auch unter den schlechtesten Arbeitsbedingungen auszuführen", heißt es.

"Der berufliche Alltag ist geprägt von Arbeits- und Zeitdruck, körperlich einseitiger oder schwerer Arbeit oder schweren emotionalen Belastungen", sagte DGB-Chef Sommer heute bei der Vorstellung des Index. "Für jede Tätigkeit lassen sich Bedingungen schaffen, durch die sie zu einer guten Arbeit wird", mahnte er an. Die Befragung belege außerdem "miese Bedingungen im Niedriglohnsektor". Sommer, der den Index gemeinsam mit IG-Metall-Chef Jürgen Peters und Ver.di-Chef Frank Bsirske präsentierte, forderte, die Entlohnung müsse sich durch einen gesetzlichen Mindestlohn ebenso verbessern wie die Arbeitsbedingungen insgesamt.

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Forum - Hassen Sie Ihren Job?
insgesamt 199 Beiträge
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1.
P.Löbel 11.09.2007
Zitat von sysopMögen Sie Ihre Arbeit?
Sehr!
2.
Ludibunda 11.09.2007
Zitat von sysopDer "DGB-Index 'Gute Arbeit'" bringt zu Tage, dass die Hälfte aller Beschäftigten ihre Arbeit als "mittelmäßig" einstufen. Ein gutes Drittel findet seine Arbeit gar schlecht. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Arbeitssituation?
Meine Arbeit mag ich. Meinen Telearbeitsplatz auch. Das Team und die Projektleitung sind auch ok. Die Entscheidungen, die das Konzernmanagement mittlerweile trifft und die mangelnde Wertschätzung, die es seinen Mitarbeitern entgegenbringt (den "Kostenfaktoren") finde ich zum K.....
3.
M@ESW 11.09.2007
Also wenn es mir finanziel möglich wäre, dann würde ich natürlich lieber gestern als heute aufhören zu arbeiten. Ich fände schon was um meine Zeit totzuschlagen. Aber da ich leider arbeiten muss um mir die Sachen zu leisten die ich mir leisten will halte ich meine jetzige Arbeitssituation für ganz OK. Zitat Homer Simpson: *wütende Stimme* "Ich darf nicht um Geld betteln, ich darf nicht mein eigenes Geld drucken," *weinerliche Stimme* "es wird von mir verlangt für mein Geld zu arbeiten." *verzweifelte/anklagende Stimme* "In was für einer Welt leben wir?!"
4.
T. Wagner 11.09.2007
Zitat von sysopWie zufrieden sind Sie mit Ihrer Arbeitssituation?
Ohne den Job möchte ich - im Moment jedenfalls - nicht leben. Nicht nur wegen des Geldes. Es macht meistens ziemlich viel Freude, man kommt in Kontakt zu häufig netten Menschen und ich wüßte nicht, was ich den ganzen Tag sonst anstellen sollte. Die DGB-Fragestellung greift aber zu kurz. Ich glaube, wenn ich mich morgens um kurz nach 5 für gut 1 Stunde und länger im Berufsverkehr rumquälen müsste, wäre ich heilfroh, wenn ich Zuhause bleiben könnte. Toller Job hin oder her.
5.
Triakel 11.09.2007
Ich möchte ohne meine Arbeit nicht leben. Wir hier Diskutierenden sollten mehrheitlich sowieso in der Regel zufrieden mit unserer Arbeit sein, lässt sie uns doch immerhin Zeit, auch mal ein Posting für das Spiegel-Forum zu schreiben. Das unterscheidet uns immerhin zum Beispiel vom Malocher im Bergwerk oder vom Wanderarbeiter in Shenzen, der für seine 60-Stunden-Woche ein paar Euro bekommt. Und auch von der niedrig bezahlten Friseuse oder Altenpflegerin. Keine Frage - wir sind priviligiert und haben allen Grund, unsere Arbeit zu schätzen (vorrausgesetzt, sie ist auch sinvoll).
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