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GfK-Index: Warum das Konsumklima besser ist als die Realität

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Deutschland kämpft mit der Rezession: Aufträge bleiben aus, Exporte brechen ein, bei vielen Menschen schrumpft wegen Kurzarbeit das Einkommen. Nur der private Verbrauch bleibt laut GfK stabil. Kann das sein?

Hamburg - Erst neulich erhielt Rolf Bürkl wieder so einen Anruf. Diesmal aus dem Chiemgau. Ein Lebensmittelhändler beschimpfte ihn, bei ihm gingen bald die Lichter aus, nur Bürkl verkünde unverdrossen, das Konsumklima in Deutschland sei in Ordnung. Ähnliche Telefonate führte Bürkl schon mit Möbelhändlern aus dem Ruhrgebiet oder den Verfassern des Armutsatlas. Sympathisanten aus der linksautonomen Szene halten ihn in E-Mails für "einen Handlanger des Neokonservatismus", der die Wahrheit verschleiere und die Interessen der Konzerne verfolge.

Einkaufskorb im Supermarkt: "Handlanger des Neokonservatismus" Zur Großansicht
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Einkaufskorb im Supermarkt: "Handlanger des Neokonservatismus"

Bürkl ist Wissenschaftler bei der GfK, der Gesellschaft für Konsumforschung im fränkischen Nürnberg. Er fühlt den Bürgern in fast allen Belangen des tägliches Lebens den Puls. Welche Butter essen Sie? Wie hat sich Ihre Einkommenssituation entwickelt? Schauen Sie lieber "Wetten, dass... ?" oder "TV total?". Wohin geht es im kommenden Jahr in den Urlaub? Tragen Sie Tattoos oder Piercings?

Bürkl wird beschimpft und ist gefürchtet und in dieser Woche steht er wieder einmal im Rampenlicht. Am Montagmorgen veröffentlichte er zum siebten Mal in diesem Jahr den GfK-Konsumklimaindex, der erneut positiv ausfiel. Bürkl wusste schon vorher, was danach kommen würde: Er wird wieder ins Frühstücksfernsehen eingeladen und in Talkshows. Und er wird wieder erklären, dass mit der Binnenkonjunktur alles in Ordnung sei. Es gibt wohl niemanden in Deutschland, der genauer über die Konsumgewohnheiten der Deutschen Bescheid weiß - und doch trügt sein Bild.

GfK als Herzrhythmus-Indikator

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges gilt Bürkls Unternehmen, die GfK, als das zentrale Umfrageinstitut der Bundesrepublik. Kaum ein Bereich des Alltags bleibt von den Konsumexperten unerforscht. Auf jede Frage - und sei sie noch so abwegig - finden die Franken eine Antwort. Entsprechend großen Widerhall finden die Analysen der Konsumforscher in den Unternehmen, bei Wirtschaftsverbänden und in den Medien.

Besonders dem GfK-Konsumklimaindex wird dabei jedes Mal am Ende eines Monats entgegengefiebert, als erwarte man die Neuinterpretation der Bibel. Sinkt der Index, ist schnell von "erschüttertem Grundvertrauen" die Rede und vom "Absturz der Binnenkonjunktur". Steigt er, sieht man in ihm einen "Silberstreif am Horizont" oder die "langerwartete Rückkehr des Optimismus." Der GfK-Konsumklimaindex ist für die Wirtschaft so etwas wie ein Herzrhythmus-Indikator: Braucht man schon Beruhigungsmittel, schlägt der Puls normal oder muss bereits reanimiert werden?

Zurzeit schlägt der Puls normal. Der Index hat kaum Ausschläge - und wenn, dann eher nach oben. Seit Monaten schon schwankt er nur minimal zwischen 2,4 und 2,6 Punkten. Für Juli wird er gar mit 3,0 Punkten ausgewiesen und die Prognose für August liegt bei 3,5 Punkten. "Die Bürger lassen sich die Laune nicht verderben", kommentiert der GfK-Vorstandschef Klaus Wübbenhorst.

Das erstaunt - denn rundherum bricht alles zusammen: Die Auftragseingänge in der Industrie gehen in einem nie gekannten Ausmaß zurück, die Arbeitslosigkeit ist deutlich höher als im vergangenen Jahr, die Einzelhandelsumsätze sinken im Sturzflug - so sehr, dass Branchenriesen wie Hertie und Arcandor Insolvenz anmelden mussten.

Nur der Index bleibt stabil. Ein Phänomen.

Bürkl lächelt. "Das Problem ist wohl, das von dem Index zu viel erwartet und in ihn zu viel reininterpretiert wird", sagt er. Es fange schon mal damit an, dass es ein Konsumklimaindex sei und kein Einzelhandelsindex. Das sei keine Haarspalterei, sondern ein elementarer Unterschied.

Espressomaschine, iPod oder Auto?

Im GfK-Index werden nämlich nicht nur die Einzelhandelsausgaben erfasst, sondern sämtliche Ausgaben des privaten Konsums - also auch die Kosten für Reisen, Energie, Miete oder Versicherungen. Erhöht beispielsweise der Energieanbieter die Kosten für Gas oder Strom oder steigen die Steuern für Versicherungen, steigt auch der GfK-Konsumklimaindex, weil die Leute dafür mehr Geld ausgeben - obwohl die Einzelhändler gleichzeitig über Umsatzeinbußen klagen. In den sechziger Jahren betrug der Anteil der Ausgaben für den Einzelhandel noch mehr als 50 Prozent, heute sind es nur noch zwischen 30 und 35 Prozent. Entsprechend groß ist die Hebelwirkung der übrigen Ausgaben auf den Index.

Die GfK-Leute wollen zudem wissen, wie sich die finanzielle Lages im Haushalt innerhalb der letzten zwölf Monate entwickelt hat und wie sie sich in den kommenden zwölf Monaten wohl entwickeln wird. Oder es wird gefragt, wie sich die Wirtschaftslage in Deutschland wohl generell entwickeln würde. Ob man davon ausgehe, dass die Arbeitslosigkeit steigt oder sinkt, ob man gedenke zu sparen, oder sich größere Gegenstände anzuschaffen.

Nur, was sind größere Gegenstände? Gehören eine Espressomaschine oder ein iPod schon dazu oder muss es ein Kühlschrank oder gar ein Auto sein? Die GfK will es so genau gar nicht wissen. Das Muster der zwölf vorgegebenen Fragen ist eher grob als präzise. Entsprechend vage fallen die Antworten aus. Irgend eine Ausgabe für einen größeren Gegenstand wird man wohl demnächst tätigen - und zack: Der Index bleibt positiv.

Ebenso wenig präzise sind auch die Antworten auf die Frage, wie die derzeitige finanzielle Lage des Haushaltes sei. Wer gibt gegenüber dem Interviewer eines Marktforschungsinstitutes freiwillig zu, dass seine Konten dick im Minus sind? Also wird mit "gut" geantwortet und folglich ist auch der GfK-Konsumklimaindex "gut".

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