Gigantischer Finanzskandal Fahnder jagen mehr als tausend Verdächtige - bis zu vier Milliarden Euro Steuern hinterzogen

Es ist ein Steuerskandal von historischen Ausmaßen: Mehr als tausend Verdächtige sollen über Liechtenstein bis zu vier Milliarden Euro am deutschen Fiskus vorbeigeschleust haben - darunter viele Prominente. Rund 125 Ermittlungsverfahren sind geplant, es gibt etwa 900 Durchsuchungsbeschlüsse.


Düsseldorf - So etwas hat die Republik noch nicht gesehen. Hinter der Steuerhinterziehungsaffäre, die gestern mit der Razzia bei Post-Chef Klaus Zumwinkel bekannt wurde, verbirgt sich ein gigantischer Skandal rund um dubiose Transaktionen nach Liechtenstein. Rund 125 Ermittlungsverfahren sollen ab kommender Woche laufen, die Rede ist von etwa 900 Durchsuchungsbeschlüssen und mehr als tausend Verdächtigen, darunter viele Prominente - die nach konservativen Schätzungen insgesamt mindestens 300 Millionen Euro am deutschen Fiskus vorbeigeschleust haben, nach anderen Angaben allerdings bis zu vier Milliarden Euro.

Burg Vaduz in Liechtenstein: Unter den Verdächtigen sind laut Bundesregierung viele "Leistungsträger"
AP

Burg Vaduz in Liechtenstein: Unter den Verdächtigen sind laut Bundesregierung viele "Leistungsträger"

Das Bundesfinanzministerium teilte heute mit, dass außer Zumwinkel gegen zahlreiche weitere Verdächtige wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird. Der Fall des bisherigen Post-Chefs sei kein Einzelfall, sagte Ministeriumssprecher Torsten Albig in Berlin.

Ermittelt werde gegen "sehr viele" bekannte und weniger bekannte "Leistungsträger" wegen Steuerflucht nach Liechtenstein. Er riet Betroffenen zur Selbstanzeige. Dieses Instrument sehe das deutsche Steuerstrafrecht vor. Regierungsinsidern zufolge handelt es sich um eine "vierstellige Zahl".

Vor allem gegen Reiche und Prominente wird ermittelt, die Kunden der Liechtensteiner LGT-Bank gewesen sein sollen. Zu den Verdächtigen gehören laut Finanzministeriumssprecher Albig "Bekannte und Unbekannte".

Er vermöge nicht zu sagen, ob es sich um "vergleichbare Personen wie Zumwinkel" handelt. Aber die Verdienste der Verdächtigen lägen in höheren Einkommensklassen.

Die Liechtensteiner LGT-Bank ist nach Angaben ihrer Internet-Seite eine "Wealth & Asset Management Gruppe des Fürstenhauses von Liechtenstein". Das Finanzinstitut will sich derzeit zu den Vorwürfen nicht äußern. Dem ZDF zufolge wurden für die verdächtigen Geldgeschäfte eine Reihe von Stiftungen gegründet.

Zumwinkel ist nach den Razzien in seinem Haus und im Post-Tower von seinen Ämtern inzwischen zurückgetreten. Er steht nach Angaben der Bochumer Staatsanwaltschaft im Verdacht, mittels Geldanlagen in liechtensteinische Stiftungen Steuern in einer Größenordnung von rund einer Million Euro hinterzogen zu haben. Gegen den 64-Jährigen wurde Haftbefehl erlassen, aber gegen Kaution außer Vollzug gesetzt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) begrüßten den Rücktritt. Wie es nun mit der Post weitergeht, ist noch unklar. Als wahrscheinlicher Nachfolger Zumwinkels, dessen Vertrag eigentlich erst Ende des Jahres ausläuft, gilt Vorstand Frank Appel. Er wurde von Zumwinkel noch selbst aufgebaut.

ase/dpa/ddp/Reuters

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achwas! 14.02.2008
1.
Zitat von sysopDer Fall Zumwinkel zeigt, dass offensichtlich noch immer immense Steuerflucht-Schlupflöcher existieren - die Staatsanwaltschaft Bochum geht offensiv dagegen vor. Müssen Steuerhinterzieher härter als bisher bekämpft werden?
Sicher ... ... es handelt sich stets um Betrug an der Gemeinschaft.
mitwisser, 14.02.2008
2.
Zitat von sysopDer Fall Zumwinkel zeigt, dass offensichtlich noch immer immense Steuerflucht-Schlupflöcher existieren - die Staatsanwaltschaft Bochum geht offensiv dagegen vor. Müssen Steuerhinterzieher härter als bisher bekämpft werden?
Hey moment mal, wenn die Steuerschlupflöcher legal sind, ist alles in Butter! Allerdings bei Steuerhinterziehung sollten wir anders mit den Kameraden umgehen. Aber das schon bei der Steuererklärung. Mit diesem Mist kann man sich tagelang abasten und auch noch bezahlen. Der Staat sollte seinen Bürgern mehr Vertrauen entgegen bringen: die Steuerschuld aus dem Einkommen, welches der Steuerbürger angibt, berechnen und einnehmen. Sollte es da zu Diskrepanzen oberhalb von Toleranzgrenzen kommen ( Bei Kontrollen ), dann sollten die Vögel auch schnell eingeknastet werden. In den USA läuft das wohl so ähnlich und das ist gut! Hier haben wir die Untertanen- und Kontroll-Mentalität aus dem 19. Jahrhundert, die nur extreme Kosten verursacht. Also mehr Vertrauen und gleichzeitig bei Mißbrauch dieses Vertrauens: Knast. Das dürfte abschreckend sein! Allerdings muß auch die Frage erlaubt sein, ob es sich angesichts von alljährlich wiederkehrenden Steuerverschwendungen in Milliarden-Höhe nicht schlicht um Notwehr handelt, wenn man nicht alles angibt. Schließlich wird dadurch das schwer verdiente Geld des Steuerzahlers in der Kanalisation versenkt....
firstart 14.02.2008
3.
Zitat von mitwisserHey moment mal, wenn die Steuerschlupflöcher legal sind, ist alles in Butter! Allerdings bei Steuerhinterziehung sollten wir anders mit den Kameraden umgehen. Aber das schon bei der Steuererklärung. Mit diesem Mist kann man sich tagelang abasten und auch noch bezahlen. Der Staat sollte seinen Bürgern mehr Vertrauen entgegen bringen: die Steuerschuld aus dem Einkommen, welches der Steuerbürger angibt, berechnen und einnehmen. Sollte es da zu Diskrepanzen oberhalb von Toleranzgrenzen kommen ( Bei Kontrollen ), dann sollten die Vögel auch schnell eingeknastet werden. In den USA läuft das wohl so ähnlich und das ist gut! Hier haben wir die Untertanen- und Kontroll-Mentalität aus dem 19. Jahrhundert, die nur extreme Kosten verursacht. Also mehr Vertrauen und gleichzeitig bei Mißbrauch dieses Vertrauens: Knast. Das dürfte abschreckend sein! Allerdings muß auch die Frage erlaubt sein, ob es sich angesichts von alljährlich wiederkehrenden Steuerverschwendungen in Milliarden-Höhe nicht schlicht um Notwehr handelt, wenn man nicht alles angibt. Schließlich wird dadurch das schwer verdiente Geld des Steuerzahlers in der Kanalisation versenkt....
Es ist nur mit ziemlicher krimineller Energier möglich viel Geld am Staat vorbei zu schleusen. Auf der anderen Seite kassiert das Finantamt derart unverschämt ab, das ich durchaus ein gewisses Verständnis dafür aufbringen kann. Zumal, wie sie selber sagen - man sein Geld auch aus dem Fenster werfen kann. So findet es vielleicht jemand der etwas damit anfangen kann. Beim Staat ist das sicherlich nicht der Fall. Zumwinkel ist für mich gestorben. Nicht weil er Millionen am Fiskus vorbei geschoben hat (zumindest der Vermutung nach), sonder weil er sich mit seinem Wissen auch noch erwischen lässt. Unfassbar!
Mule, 14.02.2008
4. Schlupflöcher? Wo?
Zitat von sysopDer Fall Zumwinkel zeigt, dass offensichtlich noch immer immense Steuerflucht-Schlupflöcher existieren - die Staatsanwaltschaft Bochum geht offensiv dagegen vor. Müssen Steuerhinterzieher härter als bisher bekämpft werden?
Die Schlupflöcher gibt es nur für die "Oberen Zehntausend". Der "Otto Normalverbraucher muß bereits 6,57€ Zinsgewinn auf seinem Girokonto versteuern und Soli dafür entrichten. Außerdem muß O.NV. jedes Jahr all seine Einkünfte in der Steuererklärung angeben, ansonsten wird die Kontoführende Bank befragt. So wird es in Niedersachsen gehandhabt - vorher ging man in Bayern und BaWü wesentlich kulanter mit uns um. Das ist Wulffi, der Lieblingsschwiegersohn aller Mütter!!!!!!!!!
Baptist 14.02.2008
5. Habe ich mir doch gedacht ...
... dass der feine Herr mehr oder weniger ungeschoren davon kommt. Jeder kleine Krauter käme wegen Verdunkelungsgefahr in U-Haft, jeder kleine A.... müsste um seinen Arbeitsplatz bangen. Es kommt anscheinend nur auf die Dimensionen an. Die Kleinen hängt man wegen den mehr oder weniger steuerlichen Kleinigkeiten, die sie begehen können, die Großen lässt man laufen. Da hilft das ganze großkotzige Gerede von der Verfolgung von Steuerflüchtlingen nichts.
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