Aus L'Aquila berichtet Anne Seith
Der Mann sieht nicht gerade aus, als sei er auf dem Weg zu einem hochkarätigen Mittagessen mit den vermeintlich wichtigsten Staatschefs der Welt. Es sieht eher aus, als ginge Gordon Brown zu einer Beerdigung. Langsam schreitet der britische Premier am Mittwochnachmittag durch die Kaserne der Finanzpolizei in L'Aquila, wo die Teilnehmer des G-8-Treffens untergebracht sind. Als wolle er gar nicht ankommen.
Vielleicht denkt Brown gerade daran, dass die Staatschefs der G-8-Länder gleich beim ersten Mittagessen über die Lage der Weltwirtschaft sprechen. Eine "Bestandsaufnahme" machen, wie es in deutschen Regierungskreisen heißt. Auch darüber, was im Kampf gegen die Finanzkrise bereits erreicht wurde. Großbritanniens Wirtschaft mit ihrem starken Finanzsektor hat das Beben an den Märkten besonders getroffen. Noch dazu hat sich Brown kürzlich vom deutschen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) einen Rüffel eingefangen, der ihm vorwarf, sich mit allen Kräften gegen eine schlagkräftige europäische Aufsicht zu stemmen.
José Manuel Barroso dagegen ist sichtlich zufrieden. Kurz nach Browns Erscheinen sitzt er in einem überhitzten Konferenzraum und arbeitet viel mit den Händen. Er weiß wohl, dass das Fotos gibt, die nach Dynamik aussehen. Möglichst oft streckt Barroso also den Arm nach oben, signalisiert Höhe oder er haut mit den Handkanten Schneisen in die Luft. Er redet gerade vom Klimaschutz. Der G-8-Gipfel baue "die Straße nach Kopenhagen", freut sich Barroso - in der dänischen Stadt wird bald ein Nachfolgeprotokoll für das Klimaschutzabkommen von Kyoto verhandelt.
Die beiden Episoden zeigen: Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt scheinen an diesem ersten Tag des G-8-Treffens alle Gefühlslagen vertreten. Je nachdem um welches Thema es geht. Und je nachdem, wen man fragt.
Tobias Münchmeyer etwa wirkt nur dann richtig euphorisch, wenn es den jüngsten Coup seiner Truppe geht. Rund hundert Greenpeace-Aktivisten sind am Morgen an den Schornsteinen von vier Kohlekraftwerken hochgeklettert, haben Banner entrollt und halten die Meiler seitdem besetzt. Die größte Aktion in Italien überhaupt bisher, freut sich Münchmeyer. Und lacht zufrieden, als er nach deren Ende gefragt wird. "Jetzt sind wir erst einmal da."
Formulierungen, die keinem wehtun
Kommt die Rede allerdings auf die anstehenden Beschlüsse zu sprechen, wird der Umweltschützer mit dem braunen Cord-Sakko und den schütteren Haaren schlagartig schlecht gelaunt. Natürlich wird das Dokument niemals den Ansprüchen der Nichtregierungsorganisationen gerecht - aber der aktuelle Stand der Dinge sei noch schlimmer als befürchtet, sagt Münchmeyer und sieht tatsächlich ein bisschen verzweifelt aus.
Zwei Dokumente wird es geben zu dem Thema. In dem Entwurf der G-8-Erklärung bekennen sich die USA, Kanada, Japan, Deutschland, Großbritannien, Italien, Frankreich und Russland zu dem Ziel, die Schadstoffemissionen bis 2050 zu halbieren. Die Industrieländer wollen sogar ihren C02-Ausstoß um 80 Prozent oder mehr vermindern, je nach Basisjahr. Eine Ministerrunde aus G-8-Ländern und den großen Schwellenländern (MEF) - die am Donnerstag offiziell tagt - hatte es im Vorfeld allerdings nicht geschafft, bestehende Meinungsverschiedenheiten beim Klimaschutz zu lösen und so das Ziel, den Schadstoffausstoß zu halbieren, erst einmal fallengelassen. Vielleicht lasse sich aber eine Einigung noch vor Kopenhagen erreichen, tröstet ein EU-Insider.
Auch die angereisten Politiker haben so manchen unangenehmen Punkt auf der To-Do-Liste: Irgendetwas muss man zur Finanzkrise sagen, auch um die Niederschlagung der Proteste in Iran wird man nicht herumkommen, ebenso wenig um die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Uiguren und Han-Chinesen. Substantielle Entscheidungen aber wird es wohl zu keinem dieser Punkte geben. So muss man sich in Formulierungen flüchten, die keinen verletzen, aber auch nicht zu inhaltsleer klingen.
Berlusconi unter Druck
Meistens gibt man sich deshalb einfach so wortkarg wie möglich. Der schwedische Ministerpräsident Frederik Reinfeldt, derzeit EU-Ratspräsident, sagt zu Iran, dass man die Entwicklungen "sehr intensiv" beobachte, ein Insider aus deutschen Regierungskreisen erklärt schlicht: "Ich gehe nicht davon aus, dass über konkrete Konsequenzen geredet wird." Barroso erklärt seine "Solidarität" mit allen Opfern der Tragödie. Seit kurzem ist bekannt, dass auch eine Französin in Iran in Haft sitzt. Auch ihr gelte seine Solidarität, gibt Barroso zu verstehen. Wahrscheinlich will man schlicht laufende Verhandlungen mit der iranischen Regierung nicht gefährden.
Also lenkt man auf Erfreulicheres. Auf die WTO-Verhandlungen zum weltweiten Abbau von Handelshemmnissen etwa - denen wollen die G8 in L'Aquila wieder Leben einhauchen. Was ein ziemlicher Erfolg wäre: Die aktuelle Doha-Runde stockt seit Jahren.
Das aber ist wohl nicht der Grund, warum Silvio Berlusconi auf den ersten Bildern, die von ihm in die Welt gesandt werden, reichlich angespannt aussieht. Dabei ist der Termin, auf dem der italienische Ministerpräsident und Gastgeber abgelichtet wird, ein gutes Zeichen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besichtigt mit dem Italiener noch vor Gipfel-Beginn die Trümmer in Onna, einem Ort nahe L'Aquila, den das Erdbeben vor drei Monaten besonders hart getroffen hat. 90 Prozent der Gebäude wurden zerstreut, 40 von 280 Einwohnern starben. Berlusconi will nun mit dem Gipfel in der Region für mehr internationale Unterstützung werben - vor allem finanzieller Art.
Deshalb hat man die Veranstaltung vom ursprünglichen Tagungsort, der Insel La Maddalena, in das Erdbebengebiet verlegt. Doch obwohl die Bundesregierung schon drei Millionen Euro für die Kirche in Onna versprochen hat, guckt Berlusconi mürrisch in die Kameras. Er ahnt wohl, dass der Gipfel schnell zum PR-Desaster für ihn werden kann - nachdem schon in aller Herren Länder über seine vermeintlichen Affären mit Minderjährigen und Prostituierten gelästert wird.
Peinliches Interview mit Bob Geldof
Im Radio hören die Gipfel-Gäste nun auch noch die Beschwerden von Einwohnern L'Aquilas über den schleppenden Wiederaufbau der Region und über die Diplomaten-Horden, die in die gebeutelte Region einfallen und die Straßen verstopfen. Noch dazu ist am Sonntag in der Zeitung "La Stampa" ein ziemlich peinliches Interview erschienen, in dem der Afrika-Aktivist Bob Geldof Berlusconi das Geständnis abrang, von seinen vollmundigen Zusagen für Afrika bislang kaum etwas eingehalten zu haben.
Doch damit nicht genug: Wenige Tage darauf veröffentlichte der britische "Guardian" einen Artikel, demzufolge die Vorbereitungen für den G-8-Gipfel derart chaotisch waren, dass einige Teilnehmer gar den Rausschmiss Italiens aus der Gruppe der Acht forderten. Einige Telefonkonferenzen der Sherpas, die die Abschlussdokumente schon im Vorfeld weitestgehend aushandeln, hätten die USA organisieren müssen - ein Novum in der Geschichte der Gruppe.
Am Wochenende kam es zu ersten Zusammenstößen mit Globalisierungsgegnern - für Freitag ist weiterer Protest angemeldet und Berlusconi kann nur hoffen, dass der Respekt vor der gebeutelten Region die Teilnehmer von weiterer Zerstörung abhält. Ein zweites Genua, wo 2001 am Rande des Gipfels ein Demonstrant bei blutigen Zusammenstößen mit der Polizei starb, wäre eine Katastrophe.
"Nicht nur Interesse an schönen Fotos"
Auch die Tatsache, dass Berlusconi ausgerechnet die Erdbebenregion für die Zusammenkunft aussuchte, sorgte Gerüchten zufolge bei Delegierten für Irritation. Ein erneutes Beben, bei dem Tausende angereiste Diplomaten und Journalisten evakuiert werden müssten, wäre wohl der absolute Worst Case. Das Chaos ist abzusehen.
Immerhin, nach außen hin stärken viele Delegationen Berlusconi den Rücken. Irgendwie sind eben alle auf den Erfolg des Treffens angewiesen. Ein EU-Insider berichtet also von hitzigen Diskussionen über den "Guardian"-Artikel über das vermeintliche Chaos, den man so nicht bestätigen könne. Vor allem die französischen Delegierten hätten sich hinter Berlusconi gestellt. Auch aus deutschen Regierungskreisen wird Berlusconis Mannschaft als "sehr engagiert" gelobt. Der Italiener habe nicht "nur Interesse an schönen Fotos."
Auch für den Fall einer erneuten Katastrophe habe man "volles Zutrauen in den italienischen Gastgeber", heißt es weiter. Der habe doch sicher entsprechende Vorkehrungen getroffen.
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