Gipfel in London G20 fehlen Mittel gegen Wirtschaftsabsturz

Bei ihrem Londoner Gipfel wollen die G-20-Staaten gemeinsam gegen die globale Rezession kämpfen. Doch die konkreten Beschlüsse dürften sich auf eine langfristige Reform der Finanzmärkte beschränken. Den Absturz der Weltwirtschaft wird das kaum bremsen.

Von Sebastian Dullien


Berlin - Die Erwartungen sind groß: Wenn die Mächtigen der G20 diese Woche in London zum Gipfel zusammenkommen, hoffen Politik, Wirtschaft und die Öffentlichkeit auf Ergebnisse im Kampf gegen die globale Finanz- und Wirtschaftskrise. Nicht ohne Grund: US-Finanzminister Timothy Geithner hat bereits grundlegend "neue Spielregeln" für die Finanzmärkte versprochen, um künftige Krisen zu verhindern.

Arbeitslose in den USA: Rauchmelder für das brennende Haus
AP / The Indianapolis Star

Arbeitslose in den USA: Rauchmelder für das brennende Haus

Die Agenda sieht unter anderem vor, endlich alle "systemrelevanten" Banken zu beaufsichtigen. Alle Institutionen, die groß genug sind, um Schaden für das gesamte Finanzsystem anzurichten, sollen besonders überwacht werden. Außerdem sollen sogenannte "Schattenbanken" - also Hypothekengesellschaften, Hedgefonds oder Zweckgesellschaften, die bankähnliche Finanzgeschäfte machen - künftig besser kontrolliert werden. Bislang galten in vielen Ländern - unter anderem in den USA - für diese Institute lockerere Regeln als für traditionelle Banken. Auch gegen Steueroasen wollen die G20 härter vorgehen. Zu guter Letzt sollen die Finanzinstitute künftig gezwungen werden, mehr Eigenkapital vorzuhalten.

Allerdings rechnen viele Menschen auch mit einem koordinierten Vorgehen der Regierungen der wichtigsten Volkswirtschaften gegen die globale Wirtschaftskrise, um den Absturz schnell zu stoppen.

Diese Hoffnungen und Versprechungen werden sich vermutlich nicht erfüllen.

Zwar werden die G-20-Gipfelteilnehmer wohl so viele global koordinierte Reformen des Finanzsystems beschließen wie seit Jahren nicht. Doch diese Entscheidungen dürften weder ein schnelles Ende der Krise bringen noch künftige Krisen verhindern.

Sinnvolle Ansätze

Zum Autor
Sebastian Dullien, Jahrgang 1975, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin und Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations. Er beschäftigt sich vor allem mit der Euro-Krise.
Natürlich finden sich unter den Vorschlägen sinnvolle Ideen: Eigentlich ist es eine Selbstverständlichkeit, alle wichtigen Akteure im Finanzsektor vernünftig zu überwachen. So sollte es gar keine Frage sein, dass Hypothekengesellschaften, die sich Geld in großem Stil von anderen Banken leihen und damit Millionen von Wohnungsbaukredite vergeben, ordentlich beaufsichtigt werden. Auch ist unstrittig, dass in den vergangenen Jahren die Banken zu viele Geschäfte mit einer zu dünnen Eigenkapitalbasis gemacht haben. Kaum jemand dürfte zudem bestreiten, dass ein härteres Vorgehen gegen Steueroasen die Welt zumindest etwas gerechter macht.

Nur: Um künftige Krisen wirklich zu verhindern, dürften die Maßnahmen zu kurz greifen.

Diese Krise - wie auch die vergangenen Finanzkrisen - zeichnet sich dadurch aus, dass Notenbanken, Bankaufsichten und Regierungsbeamte die eigentlichen Sollbruchstellen nicht erkannten. Im US-Finanzministerium etwa war man im September 2008 überzeugt, die Investmentbank Lehman Brothers sei nicht systemrelevant. Heute weiß jeder, dass diese Einschätzung falsch war: Die Pleite des Instituts hat die globale Finanzkrise drastisch verschärft.

Ein bisschen mehr Überwachung hier, ein bisschen mehr Eigenkapital dort wird kaum verhindern, dass es in Zukunft neue Spekulationsblasen und Finanzkrisen gibt. Zudem bleibt ein zentrales Problem des globalen Finanzsystems ungelöst: Wie verhindert man, dass einzelne Länder die Regeln nicht doch mit der Zeit wieder aufweichen, um Großbanken dazu zu bewegen, ihren Firmensitz in diese Staaten zu verlagern? Keines der großen G-20-Länder ist wirklich bereit, seine Souveränität bei Finanzmarktregulierung und -aufsicht abzugeben.

Ratlose Beamte

Zudem sollte jeder Beobachter sich fragen, ob wirklich jetzt der richtige Zeitpunkt ist, neue umfassende Regeln für das Weltfinanzsystem schnell einzuführen. In den Ministerien der G-20-Staaten sind praktisch alle qualifizierten Finanzfachleute derzeit mit akutem Krisenmanagement beschäftigt. Da bleibt wenig Zeit, innezuhalten und wirklich durchdachte Konzepte für eine neue Weltfinanzordnung zu entwerfen.

Hinter vorgehaltener Hand räumen viele Beamte und Politiker ein, dass sie selbst relativ hilflos sind, wie sie die derzeitige Krise bekämpfen können, und nur mit der Versuch-und-Irrtum-Methode ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Doch wer die Turbulenzen nur begrenzt versteht, wird kaum langfristig tragfähige Lösungen für die Zukunft entwerfen können.

Auch von den Ökonomen an Universitäten und Forschungsinstituten sind keine fertigen Konzepte zu erwarten - wie auch? Der Großteil der Profession hat noch vor anderthalb Jahren wenig Anlass gesehen, überhaupt etwas an der Finanzmarktarchitektur zu ändern oder gar die Märkte stärker zu regulieren. Ehrlicher wäre es deshalb, sich vor der Einführung "neuer Spielregeln" mehr grundlegende Gedanken zum Weltfinanzsystem zu machen - etwa darüber, wie viele und welche internationalen Kapitalströme die Welt eigentlich braucht.

Kein globales Konjunkturprogramm

Für das akute Krisenmanagement dürfte dagegen beim G-20-Gipfel wenig beschlossen werden. Obwohl die Weltwirtschaft weiter mit rasantem Tempo abstürzt und es kaum Zeichen für ein Ende der Talfahrt gibt, wird es wohl keine neuen koordinierten Konjunkturprogramme oder Ansätze zur Stabilisierung der Finanzmärkte geben.

Zwar hatten im Vorfeld einige der asiatischen Schwellenländer wie auch die britische Regierung Ideen eines neuen globalen Konjunkturpakets diskutiert. Derzeit scheint es dazu aber unter den großen Industrieländern keine Mehrheit zu geben. Nicht zuletzt Deutschland hat sich lange gegen solche Programme gesperrt. Doch ohne neue Maßnahmen wird ein schnelles Ende der Krise auf sich warten lassen.

Damit verhalten sich die Politiker derzeit wie Bauingenieure, die nach dem Ausbruch eines fatalen Großbrandes versuchen, möglichst schnell neue Rauchmelder in dem brennenden Gebäude zu installieren, während das Feuer weiter lodert. Solche Aktionen mögen populär sein, weil sie suggerieren, dass etwas getan wird. Langfristig helfen werden sie aber kaum.

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.