Internet in Deutschland Da können Sie lange warten

Das WLAN lahmt, die Verbindung ruckelt: Wenn es ums Internet geht, ist Deutschland ein Entwicklungsland. Die Politik hat das Thema zu lange nur den Unternehmen überlassen. Das rächt sich.

Deutschland wartet.
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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Gast aus Kalifornien ist nur beinahe begeistert vom "Ahlbecker Hof" auf Usedom. "Das Personal ist exzellent, Sauna und Spa sind sehr gut, das Frühstück ist herausragend", schreibt er auf dem Bewertungsportal tripadvisor. Allerdings habe das Fünf-Sterne-Hotel auf der Insel eine unverzeihliche Schwäche, "das armselige WLAN, das wirklich unakzeptabel für ein Hotel dieser Qualität ist".

Jenes armselige WLAN hat Rolf Seelige-Steinhoff wohl schon manchen Kunden gekostet. Die Gäste seines "Ahlbecker Hofs" mit fast 100 Zimmern schwärmen von den luxuriösen Suiten, vom Hausdiener, dem Wellness-Spa mit Vitaltrainer, der Lage vorm Ostseestrand, direkt neben der Heringsdorfer Seebrücke. Aber ihre Kommentare zum Internetempfang? Von "eher unbefriedigend" über "sehr schlecht" bis "unbrauchbar".

Gutes Internet? Glückssache

Der Hotelier gibt seiner Kundschaft recht. "Wenn drei Gäste gleichzeitig Videos herunterladen, ist die Leitung zu. Dann kann man nicht mal größere Mailanhänge öffnen", sagt Seelige-Steinhoff. Er kann sich nur entschuldigen, wieder und wieder: "Wir können nichts dagegen tun." Allerhöchstens 50 Megabit (MBit) pro Sekunde überträgt die Leitung zum "Ahlbecker Hof"; eine bessere Verbindung stellt die Telekom nicht bereit. Und bei den anderen Häusern des Hoteliers auf Usedom sieht es kaum besser aus. Eine Ferienwohnung etwa hatte bis vor Kurzem gar nur einen 1,2 MBit-Zugang. "Das ist geschäftsschädigend", empört sich Seelige-Steinhoff. "Es ist ungerecht: Ländliche Gebiete werden benachteiligt."

Man braucht Glück in Deutschland, um ordentliches Internet zu haben. Während Bewohner vieler Ballungsgebiete über Breitband-DSL-Anschlüsse mit passablen Übertragungsraten oft ruckelfrei ins Netz kommen, ist der ländliche Raum stellenweise digitale Provinz. Knapp ein Viertel der deutschen Haushalte kriegt nicht einmal die 50 MBit pro Sekunde, die der "Ahlbecker Hof" bekommt. In Regionen wie dem östlichen Bayern, Thüringens Südwesten oder Sachsens Südosten sind es weniger als die Hälfte.

Beim Ausbau der weitaus schnelleren Glasfaserleitungen mit Übertragungsgeschwindigkeiten bis in den Gigabit-Bereich ist Deutschland sowieso vielen anderen Industriestaaten weit hinterher. Das lähmt vor allem moderne Unternehmen, die vernetzt produzieren und große Datenmengen hin- und herschicken müssen. Kritiker sagen: Die digitale Unterversorgung, gerade auf dem Land, wird immer mehr zum Standortnachteil für Deutschland.

Die Politik hat sich zu lange rausgehalten

"Wir haben ein Problem bei der digitalen Infrastruktur", sagt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Die jetzigen Anbindungen, die vor allem auf Kupferleitungen basieren und vielleicht 50 oder 100 MBit pro Sekunde liefern, sind keine Zukunftstechnologie. Eine solche Infrastruktur wird modernen Unternehmen in spätestens fünf bis zehn Jahren nicht annähernd erlauben, im internationalen Wettbewerb zu bestehen."

Lange hat die Berliner Politik sich eher rausgehalten aus dem Breitbandausbau. Anders als etwa die Baltenrepubliken hat der deutsche Staat die Versorgung maßgeblich den Telekommunikationsbetreibern überlassen. Diese investieren - verständlich - bevorzugt in dicht bevölkerten Regionen, wo sie mehr Geschäft machen. In dünnbesiedelten Landstrichen rentiert sich das oft nicht.

Ergebnis: Manche Regionen sind digitale Diaspora.

Selbst das Minimalziel der Großen Koalition - eine flächendeckende 50MBit-Grundversorgung bis 2018 - ist zwischenzeitlich ins Wanken geraten. So sehr, dass Angela Merkel höchstpersönlich Ende Juni versprechen musste, die 50MBit für alle würden bis Ende 2018 ganz bestimmt kommen. Zugleich kündigte die Kanzlerin an, Deutschland werde bis 2025 nicht weniger als 100 Milliarden Euro investieren "und in den Gigabit-Bereich vorrücken".

Gigabit? 100 Milliarden? Die heutige Realität sieht ganz anders aus. Dies zeigen die Beschwerden, die beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) eingehen.

  • Da ist der Freiburger Industriebetrieb, der während der Arbeitszeit keine Software-Updates durchführen kann, weil dann kein normales Arbeiten mehr möglich ist. Größere Datenmengen in die Cloud zu überspielen, ist für das Unternehmen völlig illusorisch.
  • Da ist der Filmemacher in Norddeutschland, der seine Videos auf USB-Sticks ziehen, zu seiner Wohnung fahren und die Daten von seinem privaten Anschluss aus übertragen muss. Denn die Leitung im Büro ist zu lahm.
  • Da ist der Möbelhersteller Vario aus dem Taunus, anderthalb Kilometer vor der Stadtgrenze von Frankfurt. Hier steht das firmeneigene Internet schon mal still, wenn ein einziger Händler Prospekte von der Homepage herunterlädt. Vario hat rund 100 Mitarbeiter. Die Telekom hat dem Unternehmen eine Glasfaserverbindung angeboten. Kosten: mehr als 100.000 Euro. Dauer bis zum Anschluss ans Netz: 22 Monate.

Lahme Kupferkabel gegen schnelle Glasfaser

Die digitale Infrastruktur ist die Schwäche des Standorts Deutschland. Dies belegen auch wissenschaftliche Untersuchungen - allen voran der "Innovationsindikator" des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung.

In der Gesamtwertung belegt Deutschland dabei zwar einen guten vierten Rang unter 35 führenden Industrienationen. Im Teilbereich Digitalisierung schafft es die Bundesrepublik aber nur auf Platz 17. "Vor allem beim Ausbau der Glasfaserinfrastruktur bleibt Deutschland im internationalen Vergleich deutlich zurück", sagt der Studienautor Rainer Frietsch. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung haben nicht einmal sieben Prozent der deutschen Haushalte einen Zugang zu einer Glasfaserleitung, auf dem Land weniger als zwei Prozent. Zum Vergleich: In Estland sind es 73 Prozent, in Spanien 53 Prozent.

Viele deutsche Netzanbieter setzen weiter auf das Kupferkabel. Sie scheuen den Aufwand und die Kosten, um Genehmigungen einzuholen, Straßen aufzureißen und überall Glasfaserkabel zu verlegen. Die Telekom etwa peppt ihre alten Leitungen bevorzugt mit der sogenannten "Vectoring"-Technik auf. Nach Unternehmensangaben lassen sich so heute Geschwindigkeiten von bis zu 100 MBit pro Sekunde erreichen; das ab Mitte 2018 geplante "Super-Vectoring" soll bis zu 250 MBit bringen. Nutzer indes klagen bereits über Störungen der getunten Drähte. Und Glasfaserleitungen können ein Vielfaches schaffen.

"Bei einigen Anbietern herrscht noch die Einstellung vor: Zurzeit reicht das, was man hat", sagt Fraunhofer-Forscher Frietsch. "Aber für die Zukunft brauchen wir flächendeckend Glasfasernetze." Sonst drohe der deutschen Wirtschaft ein Wettbewerbsnachteil.

Der Digitalexperte Ralph Sonnenschein vom Deutschen Städte- und Gemeindebund hält die Fixierung auf diese eine Technologie allerdings für falsch: "Es wäre sozial ungerecht, wenn wir grundsätzlich nur die Glasfaser ausbauen würden. Damit würden wir bestimmte Regionen über Jahrzehnte lang hinten anstellen, weil Glasfaser zu teuer ist." Um eine digitale Spaltung des Landes zu verhindern, müsse der Bund viel mehr Geld ausgeben.

Beim Unternehmen ebm-papst in Mulfingen können sie nicht länger auf Versprechen warten. Der Weltmarktführer für Industrieventilatoren aus Schwaben hat sich in der Not selbst ein internes Glasfasernetz gebaut. Es verlinkt vier Werke miteinander - und garantiert, dass ebm-papst hochautomatisch seine Produktionsabläufe steuern und der Computer die Qualität kontrollieren kann. "Wenn die Maschinen miteinander kommunizieren, entstehen enorme Datenmengen", sagt IT-Chef Oliver Kühnle. "Bei uns verdoppelt sich das Datenvolumen alle 18 Monate."

Anbieter scheuen Investitionen auf dem Land

Noch vor fünf Jahren hatte das Unternehmen nur einen 100-MBit-Anschluss. Wieder und wieder verhandelte es mit Netzbetreibern über bessere Leitungen. "Aber die Anbieter haben kein wirtschaftliches Interesse, Millionen oder Milliarden im ländlichen Raum zu investieren", sagt Kühnle. Also nutzte ebm-papst die Gelegenheit, als 2015 in der Region Gasleitungen verlegt wurden, und zog Leitungsrohre in den Untergrund ein.

Jetzt funktioniert die Kommunikation - zwischen den Werken. Mit der Außenwelt ist es noch immer schwierig. Die 600-MBit-Leitung nach draußen reicht nicht für mehr als 14.000 Mitarbeiter der Unternehmensgruppe. In Stoßzeiten, wenn viele mailen, lahmt das Netz immer wieder.

"Wir sind ein Glasfaser-Entwicklungsland", sagt Kühnle. Er könne nachvollziehen, dass Telekommunikationsanbieter die hohen Kosten für die Versorgung dünnbesiedelter ländlicher Regionen scheuen. "Aber dann muss der Staat mehr Geld in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass Unternehmen und Menschen einen vernünftigen Zugang zur Welt da draußen kriegen."

In und um Mulfingen klappt noch nicht mal das Telefonieren richtig. "Wenn man zu uns fährt, brechen immer wieder die Handyverbindungen ab", erzählt Kühnle. Ebm-papst hat daher vor dem Hauptquartier eigene Mobilfunkantennen aufgestellt.

Zusammengefasst: In Deutschland ist der ländliche Raum stellenweise digitale Provinz. Viele deutsche Netzanbieter setzen weiter auf das Kupferkabel. Sie scheuen den Aufwand und die Kosten für den Ausbau der schnelleren Glasfaserleitungen. Vielen Industriestaaten hinkt man so hinterher. Das lähmt vor allem moderne Unternehmen.



insgesamt 301 Beiträge
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Seite 1
orthonormalbürger 19.09.2017
1. Sofort Glasfaser
Ohne wenn und aber sollte der Bund beginnen überall im gesamten Land Glasfaser zu verlegen. Teleanbieter zur Kasse bieten und bei der Versteigerung der Frequenzen kräftig erhöhten. Die Anbieter sahnen eh genug ab. In 20 Jahren werden wir dann dankbar sein das Deutschland endlich zu anderen Ländern in Europa aufgeschlossen hat.
blabla55 19.09.2017
2. Jahrzehnte
Das ist die digitale Zukunft die seit Jahrzehnten versprochen wird.
sikasuu 19.09.2017
3. Knapp ein Viertel der deutschen Haushalte kriegt nicht einmal....
.... die 50 MBit pro Sekunde, auf dem Land! Auf dem Land.... . ... 500m von der nächsten Ortsvermittlungsstelle weg, gibt es hier "bis zu 25Mbit". IN DER STADT mitten im Ballungsraum Ruhrgebiet! . Schwedische Freunde auf dem Land im Wald am See, 30km vom nächsten Dorf weg, haben NUR einen 100Mbit Anschluß, weil sie mehr nicht brauchen, das auch zu teuer wäre (ging mehr) mit LTE Backbone ind Telefon usw für umgerechnet ca 30 €. . IT Wüste&Neuland BRD!
isegrimm48 19.09.2017
4. Internet lahmt ...
Wir lesen also, die Unternehmen haben da versagt. Ich kann jedenfalls aus eigener Erfahrung sagen, dass es auf SPIEGEL TV und SPON oft so ruckelt, dass man keinen Film zuende schauen möchte. Liegt dann wahrscheinlich gar nicht so sehr am Internet selber, weils ja bei anderen Streaming-Diensten gut klappt.
touri 19.09.2017
5.
Das Problem besteht nicht nur auf dem Land. Ich wohne im 12 km Umkreis um Frankfurt, definitiv nicht auf dem Dorf. Zu frühen Morgenstunden komme ich auf einen download von max 10 Mbit/s. Abends, sprich wenn ich von der Arbeit heimkomme und gegessen habe, geht es Stellenweise auf unter 1 Mbit/s. Nachfrage beim Provider ergab, mehr ist nicht drinnen.
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