Gleichberechtigung Norwegen zwingt Frauen an die Macht

Den Norwegern geht es nicht schnell genug mit der Gleichstellung von Mann und Frau. Jetzt erzwingt die Regierung per Gesetz eine 40-prozentige Frauenquote in den Aufsichtsräten. Unternehmen, die bis zum 1. Januar 2008 noch zu männlich sind, droht eine drakonische Bestrafung.

Von Susanne Schulz, Stockholm


Stockholm - Das Projekt "Female Future" des Norwegischen Unternehmerverbands NHO hat sich zur echten Kaderschmiede entwickelt. Bilanzen lesen und Aktienrecht stehen hier auf dem Lehrplan – und wie man sich in der rauen Männerwelt durchsetzt. Denn die Kursbesucher sind ausschließlich Frauen, die sich auf ihre neue Rolle als Aufsichtsrätin vorbereiten. 500 Frauen hat der Verband bereits ausgebildet, rund die Hälfte davon hat einen Vertrag in der Tasche. Doch auch die übrigen Absolventinnen müssen sich keine Sorgen machen.

Nachholbedarf: Anteil der Frauen in norwegischen Top-Positionen
Hans-Bökler-Stiftung

Nachholbedarf: Anteil der Frauen in norwegischen Top-Positionen

Denn als erstes Land der Welt hat Norwegen eine verbindliche Frauenquote für Aufsichtsräte eingeführt. Anfang 2006 machten die staatlichen Unternehmen den Anfang, doch das genügte dem damaligen Wirtschaftsminister Ansgar Gabrielsen nicht. Der Konservative peitschte 2006 ein Gesetz durchs Parlament, das auch die Privatunternehmen zwingt, 40 Prozent der Aufsichtsratsposten mit Frauen zu besetzen.

Das Parlament gewährte den etwa 500 betroffenen Unternehmen aber eine Gnadenfrist. Zwei Jahre hatten sie Zeit, um ihre Aufsichtsräte mit mindestens 40 Prozent Frauen zu besetzen. Nun läuft die Frist ab, in knapp zwei Monaten wird es ernst.

Das kann man getrost wörtlich nehmen, denn die Sanktionen, die denjenigen drohen, die das Gesetz ignorieren, sind drakonisch. "Das Gesetz verlangt eine Zwangsauflösung der Unternehmen, die sich nicht daran halten", sagt Tom Hugo-Sørensen vom norwegischen Wirtschaftsministerium.

Ölindustrie und Finanzsektor betroffen

Wer sich nicht fügt, muss also damit rechnen, dass sein Unternehmen zwangsaufgelöst wird. Von der Abmahnung an bleiben den betreffenden Firmen allenfalls noch zwei Monate, dann wird die Sache dem Tingrett, dem zuständigen Gerichtshof, übergeben. "Der Vorgang ist aber nichts Besonderes", sagt Tone Ofstad vom norwegischen Justizministerium. Die Auflösung sei auch Folge anderer Gesetzesmissachtungen. Bei börsennotierten Unternehmen sei die Liquidierung ihres Wissens nach bislang allerdings noch nicht vorgekommen. "Ich glaube auch nicht, dass es jetzt so weit kommen wird", sagt sie.

Von dem Quotengesetz sind vor allem Unternehmen der Ölindustrie und aus dem Finanzsektor betroffen. Beispiel Det Norske Oljeselskap (DNO). Bis vor kurzem galt die Ölfirma, eine der größten Norwegens, als reine Männergesellschaft. Vor kurzem schließlich berief der Vorstand eigens eine außerordentliche Hauptversammlung ein, um die Erweiterung des Aufsichtsrats um zwei Frauen absegnen zu lassen.

Es gibt allerdings laut des Osloer Center for Corporate Diversity (CCD) noch insgesamt acht börsennotierte Gesellschaften, in denen die Männer ihre Entmachtung noch hinausschieben. Zu ihnen gehört der Förderplattformbetreiber Ocean Rig. "Es ist noch nichts geplant", sagt Finanzvorstand Anders Kvam. Man wolle jedoch noch vor dem 1. Januar dafür sorgen, dass dem Gesetz Genüge getan werde. Wie, wollte er nicht sagen.

Unternehmer unzufrieden

Denkbar wäre ein juristischer Winkelzug: die Umwandlung des Unternehmens in eine AS, der einfachen "aksjeselskap". Das Gesetz gilt nämlich nur für börsenfähige Aktiengesellschaften, die das Kürzel "ASA" im Namen tragen und am ehesten mit der deutschen AG vergleichbar sind. "Das ist ein Hintertürchen für Unternehmen, die nicht an der Börse notiert sind", erklärt Marit Hoel, Leiterin des CCD.

Theoretisch wäre dieser Ausweg für ungefähr 300 der 500 ASA-Unternehmen gangbar, da sie nicht an der Börse notiert sind. Es sind allerdings nur noch rund 70 von ihnen übrig, die keine Frau im Aufsichtsrat sitzen haben. Eine weitere Möglichkeit wäre der "Ausnahmeparagraf" des Gesetzes, so Hoel weiter. "Wenn ein Unternehmen nachweisen kann, dass es gegen substanzielles öffentliches Interesse spräche, wenn es dem Gesetz Folge leisten würde, dann kann die Regierung eine Ausnahme machen."

Insgesamt sind Norwegens Unternehmer eher unzufrieden mit der rabiaten Entmachtung durch die Politik. Interessanterweise bezieht auch der NHO, der das "Female Projekt" angestoßen hat, eindeutig Position: "Wir sind gegen dieses Gesetz." Man sei eher für eine freiwillige Lösung, erklärt Kari Mæland vom NHO.

Statistik belegt: Ohne Zwang geht's nicht

Dass jedoch allein die Debatte um das Gesetz die Verhältnisse in den Unternehmen bereits drastisch verändert hat, räumt auch der NHO ein. In Norwegen habe sich eine ganz neue Familienorientierung etabliert, räumt Mæland ein. Es sei inzwischen normal, dass Männer und Frauen, die Kinder haben, ihren Arbeitsplatz spätestens um 17 Uhr verließen, um diese vom Hort abzuholen. Notwendige Arbeiten würden spätabends nachgeholt

Die Statistiken des CCD liefern jedoch den Beleg dafür, dass es nur mit Zwang geht. Allein zwischen März und November des Jahres stieg der Frauenanteil in den Aufsichtsräten von 24 auf 33 Prozent. Bis Mitte 2005 hatte es die Regierung dagegen bei Appellen belassen. Doch nur etwa 13 Prozent der Unternehmen erfüllten bis dahin die Auflage. Unter Zwang waren es dafür im Juni 2007 schon 55 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland sind nach einer Erhebung des DIW gerade einmal 7,5 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder Frauen.

Einen anderen Grund für das Gleichstellungsgesetz als die gerechte Machtbeteiligung von Mann und Frau gibt es laut Gleichstellungsministerium nicht. Ob Frauen in Führungsetagen für eine höhere wirtschaftliche Effizienz sorgen, ist den Skandinaviern letzen Endes egal. Oder besser: Diese Frage stellt sich für die Norweger überhaupt nicht. Es wird fast schon als unschicklich angesehen, danach zu fragen, wer eventuell kompetenter sei. "Es geht um Demokratie", erklärt Siri Wolland vom norwegischen Gleichstellungsministerium. "Wir wollen die Ressourcen unserer gesamten Bevölkerung nutzen, und nicht nur der Hälfte."

Dem Charme dieses großen gesellschaftlichen Gleichberechtigungskonsenses in Norwegen kann sich selbst der NHO nicht entziehen. Und so kann es nur in Norwegen geschehen, dass eine Vertreterin eines Unternehmerverbandes sagt: "Letzten Endes ist ja nicht wichtig, wie die Frauen in die Führungsposition gekommen sind, sondern was sie dort leisten."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.