Globale Finanzkrise Warum die Wall Street ein schlechtes Vorbild ist

Wall Street – ein Mythos zerbricht: Binnen acht Jahren produzierte das Zentrum der Hochfinanz zwei Mega-Crashs. Wann endlich macht der Rest der Welt sich unabhängiger von den amerikanischen Finanzjongleuren?

Von Wolfgang Kaden


In einem Interview wurde Warren Buffett kürzlich gefragt, ob das aktuelle Bankendesaster die Schlagkraft der amerikanischen Finanzmärkte beschädigt habe. Der legendäre Großinvestor, angeblich der reichste Mann der Welt, antwortete: "Ich glaube, dass wir in unserem Land fabelhafte Kapitalmärkte haben. Sie wurden oft genug verbessert, um sie noch fabelhafter zu machen."

Fabelhafte Kapitalmärkte in den USA? Hat der gute Warren Buffett auf die alten Tage womöglich sein Urteilsvermögen eingebüßt?

Händler an der Wall Street: Amerika ist das größte Sicherheitsrisiko für die globalen Finanzmärkte
AP

Händler an der Wall Street: Amerika ist das größte Sicherheitsrisiko für die globalen Finanzmärkte

Noch ist die Finanzkrise nicht ausgestanden, auch wenn die schlimmsten Verluste inzwischen offengelegt scheinen. Aber es ist Zeit, die Verantwortlichkeiten klar zu markieren, um die richtigen Lehren aus diesem Mega-Desaster ziehen zu können.

Der Befund ist eindeutig: Für diesen Finanzcrash, der die Welt des Geldes nun seit fast einem Jahr durcheinanderwirbelt, der ohne sündhaft teures Eingreifen von Notenbanken und Regierungen die Weltwirtschaft in die Katastrophe geführt hätte – für diesen Crash zeichnet in erster Linie Buffetts Amerika verantwortlich. Genauer: die dortige Notenbank, die das Geld viel zu billig machte, und die Finanzindustrie der USA, die wieder mal die Bodenhaftung verloren hatte.

Wütender, billiger Anti-Amerikanismus? Nein, nur nüchterne Faktenaufnahme verbunden mit der nachhaltigen Empfehlung, zukünftig mehr Distanz zu halten zum Wildwest-Treiben der Wall Street. Amerika ist das größte Sicherheitsrisiko für die globalen Finanzmärkte.

Und vielfacher Wiederholungstäter. Ende der Neunziger und Anfang dieses Jahrzehnts war es vor allem die Wall Street, die der Welt mit einer absurden Überbewertung von Internet- und Technologieaktien erst eine riesige Börsenblase und dann einen der heftigsten Aktiencrashs aller Zeiten beschert hatte.

Zwei Jahre zuvor war es mit LTCM ein Hedgefonds der Wall Street, der mit seinem Zusammenbruch die Geldwelt an den Rand einer das Gesamtsystem erschütternden Krise gebracht hatte; nur eine konzertierte Rettungsaktion der US-Notenbank und der Wall-Street-Banken konnte das Unheil abwenden. Alles ganz fabelhaft.

Warum nur immer wieder die Wall Street? Gut, rund um diese Straße am südlichen Ende von Manhattan sind noch immer die meisten und einflussreichsten Geldhäuser der Welt versammelt. Wenn dort die Geschäfte aus der Spur geraten, geht es stets um beeindruckende Dimensionen, dann wackelt auch der Rest der Finanzwelt. Aber die schiere Größe der amerikanischen Geldindustrie liefert keine hinreichende Erklärung, warum Crashs in der Regel dort ihren Ursprung haben.

Erfindungsreichtum aus Geldgier

Da kommt wohl auch noch die amerikanische Mentalität ins Spiel. Die Freude am Wagnis, am immer wieder Neuen, die Amerikaner einerseits auszeichnet und ihre Unternehmen zu großen Innovatoren der Weltwirtschaft werden ließ – die aber andererseits im hochsensiblen Geldgeschäft, in dem ein Mindestmaß an Solidität zwingend ist, brandgefährlich werden kann. Zumal dann, wenn der Erfindungsreichtum und die Risikobereitschaft begleitet werden von banaler Geldgier. Wenn die wichtigste Regel des Bankkaufmanns außer Kraft gesetzt wird: dass hohe Renditen einhergehen mit hohen Risiken.

"Excessive debt and excessive pay" - exzessive Schulden und exzessive Bezahlung – das war dieses Mal die Zauberformel, mit der die Wall-Street-Banker ihr Riesenrad drehten. An der Schaltstelle saßen die Gurus der Big Five, der großen amerikanischen Investmentbanken: Goldman Sachs Chart zeigen, Merrill Lynch Chart zeigen, Morgan Stanley Chart zeigen, Lehman Brothers Chart zeigen und Bear Stearns.

Sie waren die Hauptgewinner des gigantischen Monopolys, von 2002 auf 2006 verdreifachten sie ihre Gewinne. Dass dies nur mit extrem hohen Risiken gelang, haben die heißen Jungs von den Investmentfirmen locker in Kauf genommen: Von 2002 bis 2007 stieg das Verhältnis von Ausleihungen zu haftendem Kapital bei den großen Fünf von 30:1 auf 41:1. Soll heißen: 41 Dollar Schulden waren mit einem Dollar eigenem Geld gesichert.

Den Gewinn allerdings strichen nicht in erster Linie die Aktionäre ein, den griffen sich die Akteure in den Geldhäusern. Bei Lehman, so das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune", sackten die sechs Top-Manager im Jahr 2006 deftige 150 Millionen Dollar ein. Der damalige Chef von Bear Stearns, James Cayne, ließ sich fürs gleiche Jahr obszöne 40 Millionen Dollar überweisen. Das Institut schrammte, wie bekannt, im Februar am Bankrott vorbei; die Bank konnte nur mit der Garantie der US-Notenbank gerettet werden.

Anders als bei haftenden Unternehmern, die im Fall des Fehlschlags mit dem Verlust ihres eingesetzten Kapitals bestraft werden, laufen die Investmentbanker keinerlei persönliches Risiko. Sie sind nur für die Prämien zuständig, nicht für den Einsatz. Wenn, wie im Fall von Bear Stearns und Merrill Lynch, die Bank im folgenden Jahr oder in späteren Jahren dank der Zockerei falliert, muss das die leitenden Angestellten nicht sonderlich kümmern. Cayne wird keinen seiner vielen Dollar zurückzahlen.

"Investmentbanken unterscheiden sich von Fußballvereinen nur unwesentlich. Letzten Endes wird alles an die Spieler verteilt, und für den Verein bleibt nichts." Das schrieb der Würzburger Betriebswirtschaftsprofessor Ekkehard Wenger als Begründung für den Antrag an die Hauptversammlung der Deutschen Bank Chart zeigen, das Investmentbanking vom übrigen Geschäft abzutrennen. (Der Antrag wird sicherlich abgelehnt, mit den Depotstimmen der Banken.)

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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Frank Wagner, 19.05.2008
1. Stop !
Moment mal, war nicht auch der Spiegel immer ganz vorn mit dabei wenn es galt uns "wachstumsstarke" amerikanische Wirtschaft mit ihren "innovativen" Finanzprodukten als Beispiel für eine erfolgreiche Volkswirtschaft zu verkaufen ? Das die primär davon leben anderen für ihren Konsum zahlen zu lassen war doch auch damals schon klar.
acitapple 19.05.2008
2. leider wahr !
kredite werden verbrieft, mit wenig kapital gedeckt, eine sehr gefährliche risikopyramide gesschaffen, hohe zinserträge angeblich ohne risiko erwirtschaftet, ratings manipuliert usw... ich frage mich jedoch die ganze zeit schon, wie leute, die das finanzwesen studiert und jahrzehntelange erfahrung gesammmelt haben, auf so einen schrott reinfallen konnten. zumindest hätten sie genug mumm haben müssen, rechtzeitig auszusteigen. dass ein triple-a-rating mit so hohen zinssätzen im grunde nicht zu vereinen war, hätte doch jedem auffallen müssen. da die zinsen ja geflossen sind, konnte also nur das rating manipuliert sein. zumindest war es den fondsmanagern z.b. nur so möglich, an diese anleihen ranzukommen. viele hätte eine b-anleihe erst gar nicht ins portfolio aufnehmen dürfen. und plötzlich sind alle schockiert und überrascht, kassieren aber weiterhin fürstlich. der anleger, den sie angeblich so verehren, guckt in den nächsten jahren erstmal in die röhre. ich kann mich noch eine eine tv-sendung erinnern, in der kostolany den neuen markt als betrug am anleger bezeichnete. die übrigen herren in der runde lachten ihn einfach nur aus. wie es ausging wissen wir ja alle.
Zuul, 19.05.2008
3. Da passiert nichts mehr
Zitat SPON: "Wann endlich macht der Rest der Welt sich unabhängiger von den amerikanischen Finanzjongleuren?" Solange man innerhalb von 4,5 Tagen mittels bloßem Einsatz von geliehenem Kapital dutzendfacher Millionär werden kann, wird sich nichts ändern. Das Wachstum der letzten Jahre war defacto ein substantielles Nullwachstum. Die paar Prozente Wachstum der letzten Jahre waren kurz gesagt Kapitalakkumulationseffekte in Verbund mit kreativen Abschreibungs- und Verlustvortragsmodalitäten. Das lässt sich empirisch belegen und betrifft nicht nur Deutschland. Solange also diese Mentalität des unkomplizierten Geldverdienens durch Zins, Dividende, Boni und Optionsscheinausgaben anhält, wird sich nichts ändern. Denn eine Frage steht zurecht im Raum: Wieso sollte jemand Abstand von diesem Verhalten nehmen, wenn rundherum so viele Leute das Spiel spielen? Wieso zum Wohle Aller arbeiten, wenn man sich in einer sektenartigen peer group des Bezuges zur Realität der Anderen auf angenehme Weise entledigen kann?
Baikal 19.05.2008
4. Dumme SPD
Zitat von ZuulZitat SPON: "Wann endlich macht der Rest der Welt sich unabhängiger von den amerikanischen Finanzjongleuren?" Solange man innerhalb von 4,5 Tagen mittels bloßem Einsatz von geliehenem Kapital dutzendfacher Millionär werden kann, wird sich nichts ändern. Das Wachstum der letzten Jahre war defacto ein substantielles Nullwachstum. Die paar Prozente Wachstum der letzten Jahre waren kurz gesagt Kapitalakkumulationseffekte in Verbund mit kreativen Abschreibungs- und Verlustvortragsmodalitäten. Das lässt sich empirisch belegen und betrifft nicht nur Deutschland. Solange also diese Mentalität des unkomplizierten Geldverdienens durch Zins, Dividende, Boni und Optionsscheinausgaben anhält, wird sich nichts ändern. Denn eine Frage steht zurecht im Raum: Wieso sollte jemand Abstand von diesem Verhalten nehmen, wenn rundherum so viele Leute das Spiel spielen? Wieso zum Wohle Aller arbeiten, wenn man sich in einer sektenartigen peer group des Bezuges zur Realität der Anderen auf angenehme Weise entledigen kann?
Und wenn dann auch noch Regierungen wie das Katastropen-Duo Schröder/Fischer den Run beschleunigt durch die Steuerfreistellung der Veräußerungserlöse bei Kapitalbeteiligungen etwa, ein Steinbrück im 4. Finanzmarktförderungsgesetz die Hedge-Fonds zuläßt, Reits einführt and so on - da war doch die dumme Tante SPD mal wider so ganz auf der Höhe der wirtschaftlichen Entwicklung.
Wolfgang Jung 19.05.2008
5. Einfach ignorieren!
Ich frage mich schon seit Jahren, warum die Welt (6,2 Milliarden Einwohner minus USA) die infantilen Monopoly-Spielchen dieser "Minination" (gerade mal 305 Millionen Einwohner) nicht einfach ignoriert. Was juckt es "uns", wenn ein drittrangiger Klorollenhersteller aus Kentucky schlechte Quartalszahlen vorlegt? Das mal auf den überspitzten Punkt gebracht. Der Spuk würde sofort aufhören, wenn für 4 Wochen an der Rezeption eines jeden größeren Hotels in der Welt stehen würde: Sorry, we accept only Euros, Yens, British Pounds and Australian Dollars.
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