Globale Kreditklemme Hunderttausenden Familien droht Zwangsversteigerung

Hausbesitzer in Sorge, Börsen in Aufruhr: Die Krise an den Finanzmärkten geht in die zweite Runde - und die könnte schlimmer werden als die erste. In Großbritannien fürchten Zehntausende, in den USA Hunderttausende Familien die Zwangsversteigerung. Auch Aktionären blühen schwierige Wochen.


Hamburg - Arme Briten: In der Kredit- und Immobilienkrise steht Zehntausenden Hauseigentümern das Schlimmste noch bevor. Auf dem Markt für Hypothekenkredite ticke "eine Zeitbombe", diagnostizierte die Londoner "Times" am Wochenende. Der Grund: Viele Hausbesitzer mit mittlerer und schwacher Bonität müssten sich auf drastisch steigende Zinsraten einstellen.

Abstürzende Hauspreise (im US-Bundesstaat Vermont): "Wir erleben eine zweite Welle von Krisensymptomen"
AP

Abstürzende Hauspreise (im US-Bundesstaat Vermont): "Wir erleben eine zweite Welle von Krisensymptomen"

Noch 2005 köderten die Immobilienbanken auch relativ finanzschwache Kunden mit Zinsraten, die für zwei Jahre auf 6,6 Prozent fixiert waren. Diese Niedrigzinsphase ist nun vorüber: In den nächsten Monaten werden Hunderttausende Briten auf Hypothekenzinsen von gut zehn Prozent heraufgestuft werden. Bei einer 150.000-Pfund-Hypothek vermehrt sich die monatliche Zinslast damit um beinahe 300 Pfund. Vielen Familien dürfte das zum finanziellen Verhängnis werden. Letzter Ausweg: Zwangsversteigerung.

Schon jetzt sind Krisensymptome auf dem britischen Immobilienmarkt leicht zu entdecken: Die Zahl der neuen Hypotheken, die im Oktober bewilligt wurde, ist laut Daten des Bankenverbandes BBA auf 44.105 gefallen - das niedrigste Niveau seit 1997 und 37 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Die Eiszeit im Immobiliensektor dürfte auch auf den privaten Konsum durchschlagen. Immer weniger Briten nehmen Hypotheken auf, um größere Anschaffungen zu finanzieren. Viele Analysten glauben, dass die Bank of England im Dezember die Zinsen senken sollte, um die Lage zu verbessern.

US-Häuser: 2008 fast 1,5 Millionen Vollstreckungen erwartet

Auf dem amerikanischen Häusermarkt ist die Lage ähnlich: Die Fälle von Zwangsvollstreckungen und Zahlungsausfällen dürften nochmals deutlich zunehmen, da bei vielen Hypothekenkrediten schon bald automatische Zinserhöhungen anstehen. Allein im nächsten Jahr betreffe dies niedrig besicherte Kredite im Wert von rund 362 Milliarden Dollar, berichtete das "Wall Street Journal" unter Berufung auf Daten der Bank of America. Damit wäre für den gesamten Immobilien- und Kreditmarkt eine weitere Runde in der Spirale nach unten eingeläutet. Schätzungen zufolge würden allein in diesem Jahr in den USA 1,35 Millionen Häuser zwangsvollstreckt, weitere 1,44 Millionen 2008 - rund die Hälfte mehr als in den Vorjahren.

Der amerikanische Ökonom Michael Burda warnt denn auch vor einer schweren Wirtschaftskrise in den USA. "Das Land steckt in einem schweren Dilemma. Ich erwarte eine tiefgreifende Rezession", sagt der Professor der Berliner Humboldt-Universität dem SPIEGEL. "Wenn die Krise noch bis weit ins kommende Jahr hineinreicht, kann sie Ausmaße annehmen wie bei der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren."

Die Folgen der Kredit-Malaise werden auch in Mitteleuropa zu spüren sein. Auch die Schweizer Notenbank betont, die Lage an Finanzmärkten habe sich seit August erheblich verschärft. "Ich schätze die Situation als sehr ernst ein", sagte SNB-Vizepräsident Philipp Hildebrand der "Sonntagszeitung". "Wir erleben eine zweite Welle von Krisensymptomen an den Kreditmärkten". In mancherlei Hinsicht sei sie noch ausgeprägter als die erste Welle vom 9. August, als sich die US-Notenbank gezwungen sah, vorübergehend 24 Milliarden Dollar in das Bankensystem zu pumpen. "Die Krise hat sich deutlich verschärft", sagte Hildebrand.

Dax-Prognosen vorsichtig - Finanztitel unter Druck

Die Nervosität dürfte in der kommenden Woche auf den deutschen Aktienmarkt durchschlagen. "Die Stimmung hat sich deutlich eingetrübt", schreiben die Analysten der Landesbank Berlin (LBB). Es gebe eine Vielzahl von Belastungsfaktoren - daher hat die Bank ihre Prognose für den Dax zum Jahresende auf 7250 Punkte reduziert. Auch Markus Reinwand von der Helaba rechnet kurzfristig noch mit einem Auf und Ab - weitere Korrekturen seien nicht auszuschließen.

Leidtragende dürften wieder einmal die Finanztitel sein. Nachdem zahlreiche Finanzkonzerne wie zuletzt die Swiss Re immer größere Belastungen eingeräumt hatten, wächst das Misstrauen gegenüber der gesamten Branche. "Die Banken und Versicherungen stehen inzwischen alle unter Generalverdacht", sagte LBBW-Analyst Michael Köhler. In Deutschland will die in eine Schieflage geratene Mittelstandsbank IKB am Freitag ihre verschobene Halbjahresbilanz präsentieren.

Auch der steigende Euro drückt auf die Stimmung. Die Gemeinschaftswährung hat in der vergangenen Woche fast jeden Tag ein neues Rekordhoch erreicht und stand zuletzt kurz vor der wichtigen Marke von 1,50 Dollar. "Von diesem massiven Kursanstieg ist der Exportweltmeister Deutschland besonders stark betroffen", schreiben die Analysten der LBB.

itz/dpa-AFX/Reuters/dpa



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