Globale Rezession Spitzenmanager fürchten umfassende Wirtschaftskrise

Die Rezession erschüttert die globale Wirtschaftselite. Eine neue Studie zum Davos-Gipfel zeigt, wie tief die Sorge der Unternehmenschefs in aller Welt inzwischen geht - nur 21 Prozent glauben noch an Wirtschaftswachstum in diesem Jahr. Überraschend: Die Deutschen sind relativ optimistisch.


Hamburg - Ruhige Täler, tief verschneite Berge - die Kulisse für eines der exklusivsten Treffen der globalen Wirtschaftselite könnte schöner nicht sein. Und doch: Wenn sich ab diesem Mittwoch Staatschefs und Unternehmensbosse aus aller Welt im schweizerischen Davos zum jährlichen Weltwirtschaftsgipfel treffen, dann ist die Stimmung alles andere als gelöst und entspannt. Denn der Kollaps der Bankenwelt und eine sich dramatisch verschlechternde Weltwirtschaftslage hinterlassen ihre Spuren - auch bei den betroffenen Akteuren.

Davos hinter Absperrzäunen: Getrübte Stimmung bei der Manager-Elite
REUTERS

Davos hinter Absperrzäunen: Getrübte Stimmung bei der Manager-Elite

Nach dem verheerenden Wirtschaftsjahr 2008 hat die Krisenstimmung auch die globale Wirtschaftselite erfasst. Das geht aus dem 12th Annual Global CEO Survey 2009 hervor, den die Wirtschafts- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums veröffentlichte. "Die Schnelligkeit und Intensität der globalen Rezession hat die Psyche der Vorstandschefs erschüttert und zu einer weltweiten Vertrauenskrise geführt", sagte PwC-Chef Samuel A. DiPiazza.

Tatsächlich haben die kurzfristigen Wachstumserwartungen der Vorstandsvorsitzenden den tiefsten Stand seit der ersten Befragung im Jahr 2003 erreicht. "Nur knapp 21 Prozent der CEOs sind 'sehr zuversichtlich', den Umsatz ihres Unternehmens 2009 steigern zu können", heißt es in der Studie.

Wie ernst die Unternehmenschefs die Krise nehmen, zeigten auch die mittelfristigen Prognosen: "Nur 34 Prozent der Befragten prognostizieren auf Sicht der kommenden drei Jahre Erlössteigerungen, vor einem Jahr waren davon noch 42 Prozent überzeugt."

Und dieser Pessimismus beschränkt sich nicht auf die westlichen Industrieländer - auch in den Schwellenländern hat sich die Stimmung rapide verschlechtert. So erwarten in China nur noch 29 Prozent der CEOs mit großer Sicherheit eine Umsatzsteigerung für das laufende Jahr. Im Jahr davor waren es 73 Prozent. In Russland brach der Anteil der "sehr zuversichtlichen" Vorstandsvorsitzenden von 73 auf 30 Prozent ein, in Mexiko sank er sogar von 77 auf 13 Prozent.

"Die deutliche Verschlechterung ist ein Beleg dafür, dass sich die gegenwärtige Rezession anders als frühere Krisen nicht auf einige Wirtschaftsregionen beschränkt, sondern eine globale Herausforderung ist", sagte Hans Wagener, Sprecher des Vorstandes von PwC Deutschland.

Erstaunliche Ausnahme ist da allerdings Deutschland. Während sich die Geschäftserwartungen der Vorstandschefs aus etablierten Industriestaaten gegenüber der Vorjahresumfrage weiter verschlechtert haben, geben sich die deutschen CEOs vergleichsweise optimistisch. Immerhin 17 Prozent gehen fest von einem Umsatzwachstum aus, während das nur für 13 Prozent der Chefs von US-Unternehmen gilt.

In Großbritannien ist der Anteil der "sehr zuversichtlichen" CEOs von 43 auf 12 Prozent gefallen, in Frankreich sogar von 26 auf nur noch 5 Prozent.

Deutlich ist jedoch auch: Die Zukunftsaussichten für ihre eigenen Unternehmen schätzen die deutschen Chefs deutlich pessimistischer ein als die Gesamtaussichten. So glauben nur neun Prozent der CEOs aus Deutschland an eine positive Entwicklung ihrer Branche auf Sicht der nächsten drei Jahre - im weltweiten Mittel erwarten 20 Prozent der Befragten Erlössteigerungen in ihrem Wirtschaftszweig.

Der Grund für die düsteren Erwartungen sind laut Studie "die anhaltenden Liquiditätsprobleme im Finanz- und Bankensektor". Diese erschweren nach Meinung von fast 70 Prozent der befragten CEOs die Finanzierung geplanter Investitionen. Konkret rechneten 79 Prozent mit höheren Finanzierungskosten, 73 befürchten einen erschwerten Zugang zu Krediten und anderen Kapitalquellen.

Und das hat Folgen für die Zukunftspläne der Unternehmen: Die erschwerte Refinanzierung wird dafür sorgen, dass Allianzen und Joint Ventures in den nächsten drei Jahren eine größere Rolle spielen werden als direkte Zusammenschlüsse - das glauben vor allem CEOs aus Westeuropa und Lateinamerika. Nur noch 28 Prozent der Befragten setzen außerdem darauf, anstehende Investitionen über Kredite zu finanzieren. Die große Mehrheit setzt auf den Cashflow und lediglich 17 Prozent darauf, sich an der Börse Kapital zu beschaffen.

Trotz ihres Pessimismus sind sich die Unternehmer aber in einem erstaunlich einig: Die Mehrzahl plant keine Einschnitte beim Personal. Weltweit erwarten der Studie zufolge nur 26 Prozent der Konzernchefs einen Stellenabbau. 35 Prozent gehen von einer unveränderten, 37 Prozent sogar von einer steigenden Beschäftigtenzahl aus. Von den deutschen Befragten wollen 36 Prozent mehr Personal einstellen - 17 Prozent denken an Stellenkürzungen.

"Diese Personalplanung der CEOs überrascht nur auf den ersten Blick", sagt PwC-Sprecher Wagener. "Angesichts des latenten Fachkräftemangels wird verständlich, dass die Unternehmen qualifiziertes Personal nach Möglichkeit auch in Krisenzeiten an sich binden wollen."

Für die Studie hat PwC im vierten Quartal weltweit mehr als tausend Vorstandsvorsitzende von Unternehmen aus 50 Ländern befragt. Rund 30 Prozent der Unternehmen erzielen einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro, knapp jedes zweite Unternehmen ist eine börsennotierte Aktiengesellschaft.

sam



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