Globale Umverteilung: Die Profiteure des Ölpreisschubs - und seine Verlierer

Seit 2002 sind die Preise für Öl um das Dreifache gestiegen. Das erlaubt Russland und rohstoffreichen Nahoststaaten, ihren Wohlstand zu mehren. Käufer im Westen büßen Kaufkraft ein - sie sind nicht die einzigen Verlierer, wie der Volkswirt Willi Semmler analysiert.

New York - Dan L. Duncan hat es rasch nach oben geschafft. Noch im Jahr 2003 war der Texaner überhaupt nicht auf die Liste der 400 reichsten Amerikaner zu finden, die das Magazin "Forbes" alljährlich erstellt. Ein Jahr später platzierte er sich zum ersten Mal. Inzwischen wird sein Privatvermögen auf rund sechs Milliarden Dollar taxiert - das genügte für Platz 34 auf der aktuellen Liste der reichsten Amerikaner.

Machtfaktor Ölförderung: Ärmeren Verbrauerstaaten droht eine Welle der Verschuldung
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Machtfaktor Ölförderung: Ärmeren Verbrauerstaaten droht eine Welle der Verschuldung

Duncan führt das Unternehmen Enterprise Product Partners, das über ein Netz von 32.500 Pipelines verfügt und darin Flüssiggas, Erdöl und andere Energieträger transportiert. Der Pipeline-Tycoon gehört zu einer großen Gruppe von nouveaux riches in den USA und weltweit, die ihr neuerworbenes Vermögen dem Geschäft mit Ressourcen wie Öl, Erdgas, Eisen und Stahl oder mit Ausrüstungen für die Erdölindustrie zu verdanken haben. Laut "Forbes" ist die Zahl der Milliardäre - auch dank der Rohstoffpreis-Hausse - in den vergangenen zwei Jahren weltweit von 476 auf 691 gestiegen.

Beispiel Rohöl: Noch Anfang 2002 war der Barrel auf den Weltmärkten für Preise um 20 Dollar zu bekommen. Die politischen Turbulenzen im Nahen Osten und das damit verknüpfte geopolitische Risiko, aber auch eine wieder gewachsene Nachfrage, haben den Preis seither um mehr als das Dreifache, auf 63 Dollar, steigen lassen. An der Zapfsäule müssen amerikanische Autofahrer für eine Tankfüllung rund doppelt so viel zahlen wie vor dem Irak-Krieg. Diese Ausschläge des Ölpreises führen zu einer globalen Umverteilung von Reichtum.

Erdölproduzierenden Staaten ist es gelungen, ihren Wohlstand zu mehren. Der neue Reichtum konzentriert sich vor allem im Nahen Osten, denn dort liegen zwei Drittel der Welterdölreserven. Die Vorkommen dort werden auch erst später zur Neige gehen als die in vielen anderen Regionen der Welt. So ist in den USA mit einer endgültigen Erschöpfung der Erdölreserven in ungefähr 30 bis 40 Jahren zu rechnen - in Nahen Osten mit Förderstaaten wie Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Irak und Iran wird dieser Zeitpunkt wohl erst in 100 bis 120 Jahren erreicht sein.

Petrodollars beleben die Aktienmärkte

Erdölquellen sind die Goldminen von heute - wer sie besitzt oder Beteiligungen daran hält, sieht sich einer einträglichen Zukunft gegenüber. Der bereits erreichte Wohlstandsgewinn lässt sich an den Aktienmärkten der Förderstaaten ablesen. So sind die Kurse der saudi-arabischen Börse - trotz jüngster Korrekturen nach unten - seit 2002 im Schnitt um 220 Prozent angestiegen.

Auch andere Börsen in der Region konnten stark zulegen, die ägyptische zum Beispiel um über 200 Prozent. Der "Financial Times" zufolge stiegen Aktienindizes in kleineren Ölförderländern gar um das Sieben- bis Zehnfache. Parallel dazu wuchsen in diesen Staaten die Immobilienwerte.

Der stark angestiegene Öl- und Gaspreis nützt auch Russland. Der Aktienmarkt dort ist seit dem vergangenen Jahr um 80 Prozent geklettert. Die Zentralbank in Moskau hat riesige Auslandsreserven zur Stabilisierung der Währung angehäuft.

Erste politische Auswirkungen dieses neuen Reichtums haben die USA jüngst selbst zu spüren bekommen. Der Hafenbetreiber Dubai Ports World, der der regierenden Königsfamilie in Dubai gehört, wollte im Rahmen einer Großakquisition auch das Management von sechs US-Hafenanlagen in New York, New Jersey, Baltimore, Philadelphia, Miami und New Orleans übernehmen. Die Bush-Regierung hatte dem Geschäft zugestimmt, das für viel politischen Wirbel sorgte und vor dem Hintergrund bevorstehender Kongresswahlen im Herbst Widerstand bei den Demokraten, aber auch bei führenden Republikanern hervorrief. Viele amerikanische Wähler fühlten sich verunsichert angesichts der Vorstellung, dass eine arabische Firma strategisch wichtige Häfen betreiben könnte.

Droht eine neue Erdölkrise?

Wegen dieser Widerstände ist das Geschäft inzwischen abgeblasen worden - erstaunlich in Anbetracht der Tatsache, dass amerikanische Präsidenten seit Ronald Reagan die Liberalisierung der Weltwirtschaft stets gepriesen und in internationalen Organisationen vorangetrieben haben. Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate werden aber sicher weiterhin versuchen, Direktinvestitionen in den USA und in Europa zu tätigen.

Denn während die US-Handelsbilanz 2005 ein Defizit von 800 Milliarden Dollar aufwies, werden diese Staaten im laufenden Jahr Außenhandelsüberschüsse von ungefähr 530 Milliarden Dollar erreichen. Es gibt für sie keinen Grund, diese Überschüsse in geringverzinsten US-Staatsschuldpapieren anzulegen, wie es zum Beispiel China bisher getan hat - denn mit Direktinvestitionen im Westen können sie spürbar höhere Renditen erzielen.

Déjà-vu in den armen Staaten

Derweil hat der Anstieg der Rohölpreise den Konsumenten im Westen in den vergangenen Jahren Kaufkraft entzogen. Fluggesellschaften, Chemiekonzerne und diverse andere Unternehmen, die auf Ölprodukte angewiesen sind, sehen sich mit gestiegenen Kosten konfrontiert.

Droht den Verbraucherstaaten eine neue Erdölkrise? Historisch gesehen wäre das nichts Neues. In den siebziger Jahren gab es zwei große Preisschocks, den ersten 1973 bis 1974, den zweiten 1978 und 1979. Damals waren die Ölpreise auf 35 Dollar pro Barrel angestiegen. Hohe Inflationsraten waren die Folge. Eine darauf reagierende, sehr restriktive Geldpolitik der Notenbank Federal Reserve trieb die Arbeitslosigkeit in den USA auf acht Prozent und das Land in eine Wirtschaftskrise. Erst das niedrigere Wirtschaftswachstums, eine geschrumpfte Nachfrage und Einsparmaßnahmen insbesondere in Europa trugen dazu bei, dass die Preise für Öl wieder fielen.

Während sich die großen Industriestaaten verhältnismäßig schnell erholten, waren viele Länder der Dritten Welt in eine längerwährende Schuldenkrise geraten. Die Staaten Lateinamerikas litten weiter an Überschuldung und Stagflation.

Die aktuelle Entwicklung wird wohl ähnlich verlaufen. Wie in den Ölkrisen der siebziger Jahre kämpfen viele Länder, die nur über ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen verfügen, mit enormen Haushalts- und Außenhandelsproblemen. Wir stehen vor einer neuen Welle der Verschuldung von Entwicklungsländern, die ihr Erdöl teuer importieren müssen.

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