Globaler Automarkt China rast auf die Überholspur

Sicherheitsprobleme, verheerende Crashtests: Bisher sind chinesische Autos nicht durch Qualität aufgefallen. Doch der Staat verkündet jetzt große Pläne - und Experten halten den globalen Erfolg nur für eine Frage der Zeit: "Die VWs, Opels und Fords müssen zittern, das werden nicht alle überleben."


Hamburg – Die Namen gehen selbst Insidern noch schwer von der Zunge. Wer kennt schon Great Wall, Geely, Chery? Der Otto-Normal-Autofahrer hat von den chinesischen Herstellern im Zweifel noch nie gehört. Lediglich die Marke Brilliance erreichte in Deutschland breitere Aufmerksamkeit - wegen der verheerenden Crashtest-Ergebnisse des ersten Modells für den internationalen Markt. In Deutschland seien bisher weniger als zehn Exemplare des BS6 verkauft worden, heißt es denn auch beim Brilliance-Importpartner HSO.

Roewe 750: "Als Hyundai auf den Markt kam, haben auch alle gelacht"
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Die Limousine erlebte damit einen ähnlichen Fehlstart wie der Geländewagen Landwind, der vor zwei Jahren seinen Siegeszug in Europa antreten wollte. Nach einem katastrophalen Crashtest war die pompös angekündigte Opel-Frontera-Kopie in der Versenkung verschwunden.

Es scheint nicht gut zu stehen um die chinesischen Autobauer, die auch zu Hause mächtig zu kämpfen haben. Zwar wächst der heimische Markt jährlich um satte 35 Prozent - doch die Konkurrenz ist so groß wie nirgendwo. Allein 150 chinesische Hersteller buhlen um die Kunden. Die fahren auch noch am liebsten ein Modell der Marktführer General Motors Chart zeigen oder Volkswagen Chart zeigen, wenn sie es sich leisten können.

Peking dringt deshalb schon lange darauf, endlich schlagkräftigere Einheiten zu schmieden. Denn die chinesische Regierung hat eigentlich große Pläne für die Branche: Erst im November gab das Handelsministerium die Devise aus, die Branche solle bis 2010 Exporte im Wert von 120 Milliarden Dollar tätigen – das wären zehn Prozent der globalen Ausfuhren in diesem Bereich. Der Schulterschluss der Shanghai Automotive Industries Corporation (SAIC) und Nanjing Automobile scheint da nur ein logischer Schritt. Man plane eine "umfassende Kooperation" bei Design, Produktion und Verkauf, erklärten die Unternehmen am Wochenende. Durch die Allianz könnte Experten zufolge bis 2010 ein Konzern mit einem Absatz von zwei Millionen Autos jährlich entstehen. Das sei nur der Anfang einer breiten Konsolidierungswelle in der Branche, so die einhellige Meinung von Experten.

Ob der Zusammenschluss gleichzeitig der Startschuss für den schon lange prognostizierten internationalen Eroberungszug chinesischer Autobauer ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. "Da entsteht ein neuer Global Player", glaubt Hans Joachim Fuchs vom Münchner Beratungsunternehmen Chinabrand. "Gerade SAIC ist ein Liebling der chinesischen Regierung und bekommt dementsprechende finanzielle Unterstützung, wenn es sein muss." Auch von anderen Firmen könne man international einiges erwarten. Ähnlich sieht das Autoexperte Helmut Becker, Chef des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) - Sicherheitsprobleme hin oder her: "Als Hyundai auf den Markt kam, haben auch alle gelacht. Und sich dann später umgeguckt."

Zunächst werden sich die Chinesen auf den Markt für kleine und mittelgroße Wagen stürzen, so das Szenario der Experten. "Die Vorteile chinesischer Hersteller liegen schließlich klar im Massensegment, schon wegen der Kostenvorteile bei der Produktion", sagt Becker.

Das Chrashtest-Debakel von Brilliance hält Fuchs für "eine Dummheit", Becker spricht von "Lernschmerzen". Der Hersteller arbeite schon eifrig an den Problemen: "In einem Jahr gibt es ein neues Modell, das gut besteht", sagt Becker. "In zwei Jahren eins, das glänzend abschneidet."

"Koreaner brauchten fünf Jahre, die Chinesen drei"

Tatsächlich hat sich auch Brilliance von den peinlichen Schlagzeilen nicht einschüchtern lassen. Auf der im September anstehenden Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) will der Autokonzern sich erneut präsentieren. Zum Thema Sicherheit werde dann dazu Stellung genommen, heißt es beim Importpartner HSO. Derzeit werde daran gearbeitet. Andere Hersteller wie Great Wall und Geely lassen die Messe der Zeitschrift "Automobil Industrie" zufolge nach den Sicherheitsdebatten erst einmal ausfallen - wollen dann aber auf dem Genfer Salon 2008 groß auffahren.

Auch SAIC will bald international punkten - mit seinem neuen Roewe 750, der auf der Basis des Rover 75 hergestellt wird. Und NAC lässt im britischen Birmingham die Neuauflage des Sportwagens MG Rover montieren. Die Chinesen hatten sich nach der Pleite des britischen Traditionsherstellers die Markenrechte gesichert.

Wenn man Experten wie Fuchs und Becker glauben will, ist das nur der Anfang. Bald schon werden chinesische Autos den Markt überschwemmen, erst die USA, dann auch Europa, so ihre Prognose. "Die VWs, Opels und Fords dieser Welt müssen zittern", sagt Becker. "Das werden nicht alle überleben."

Ganz so martialisch will das aber nicht jeder sehen. "Die Chinesen haben einen schwachen Rückhalt auf dem Heimatmarkt, das schwächt die internationalen Erfolgsaussichten", sagt etwa Ingo Speich, Fondsmanager bei Union Investment. "Abgesehen davon ist die Innovationsrate auf dem Markt sehr hoch, auch wegen der zusätzlichen Konkurrenz etwa durch koreanische Hersteller. Da müssen sich die chinesischen Autobauer noch mehr anstrengen, um mithalten zu können."

Doch auch Speich glaubt, dass es bis zur ersten auch international erfolgreichen chinesischen Auto-Marke nicht mehr allzu lange dauern wird: "Die Japaner haben zehn Jahre gebraucht, um international Erfolg zu haben, die Koreaner fünf Jahre, die Chinesen werden vielleicht noch drei Jahre brauchen."



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