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Globales Risiko AIG: Mitgefangen im System der Gier

Von , New York

Dieser Konzern macht selbst Krisen-Kennern noch Angst: Der marode Versicherungsgigant AIG ist global so vernetzt, dass sein Niedergang Banken in aller Welt bedroht - und sogar deutsche Kommunen. Durch immer neue Notaktionen wollen die USA einen Kollaps verhindern, doch die Risiken sind enorm.

New York - Abermillionen Menschen haben den Hauptsitz des US-Versicherungskonzerns AIG schon mal gesehen, ohne dass sie davon wissen. Und zwar in der letzten Szene des Kinohits "Spider-Man" von 2002: Da schwingt sich der Superheld durch Manhattans Straßenschluchten und hängt schließlich, in schwindelerregender Höhe, an einem Fahnenmast mit dem Sternenbanner, ganz oben auf einer Art-Deco-Wolkenkratzer-Spitze.

AIG-Gebäude in New York: Schauplatz eines Finanz-Dramas
Getty Images

AIG-Gebäude in New York: Schauplatz eines Finanz-Dramas

Das pittoreske American International Building, 290 Meter hoch, einst der drittgrößte Wolkenkratzer der Welt, erbaut vom Finanzier und Ölbaron Henry Latham Doherty, ist heute der Schauplatz eines ganz anderen Dramas.

Des Dramas um AIG.

In der "Spider-Man"-Sequenz, einem Meisterwerk der Special Effects, ist der Wolkenkratzer in Midtown Manhattan plaziert, weil er dort besser ins Bild passte. In Wahrheit steht er weit weg im Financial District, an einer Parallelstraße der Wall Street. Schein und Sein - genau darum geht es jetzt auch bei AIG.

Am Montag meldete die Versicherung den größten Quartalsverlust, den sich je ein Unternehmen geleistet hat: fast 62 Milliarden Dollar. Viermal so viel wie das jüngste Rekordminus bei Merrill Lynch. Im gesamten Jahr 2008 waren es rund hundert Milliarden Dollar Minus. Das Debakel provozierte neue Ängste vor Horrornachrichten aus der Finanzbranche. Der Dow-Jones-Index stürzte auf den niedrigsten Stand seit 1997. Die US-Regierung sicherte dem Konzern weitere 30 Milliarden Dollar an Hilfen zu - insgesamt summiert sich die Unterstützung nun auf 162 Milliarden Dollar. Die US-Notenbank erleichterte außerdem die Konditionen des ursprünglichen Kredits an AIG, um dem Konzern so Milliarden an Zinszahlungen zu sparen.

Prädikat "Verfaulteste Finanzinstitution"

Der Staat hat schon 79,9 Prozent der AIG-Anteile übernommen - ab 80 Prozent spricht man offiziell von Verstaatlichung, aber so weit braucht es gar nicht mehr zu kommen. Der Konzern wird auch so zum schwarzen Loch für die US-Regierung. Experten schätzen, dass eine Rettung am Ende noch mal rund hundert Milliarden Dollar kosten wird.

Kritiker fühlen sich provoziert, fragen: Ist der verrottete Versicherer die vielen Milliarden wert? Sollte man ihn nicht verenden lassen wie im September 2008 das Brokerhaus Lehman Brothers?

Frank Partnoy, Finanzexperte an der University of San Diego, beschreibt die Geschäftspraktiken von AIG in der "New York Times" so: "Sie waren von allen die schlimmsten." Donn Vickrey, Mitbegründer der Research-Firma Gradient Analytics, diagnostizierte dem Unternehmen und seinen Managern "extreme Selbstüberschätzung, angefeuert von Gier". Wirtschaftskolumnist Joe Nocera gibt AIG ein zweifelhaftes Prädikat: "Verfaulteste Finanzinstitution". Die Aktie des Konzerns ist in gut einem Jahr von 51 Dollar auf jetzt 42 Cent abgeschmiert.

Verbitterung über AIG gibt es auch bei Washingtons Eliten - und doch hat die Regierung von Barack Obama keine andere Wahl, als den ungeliebten Patienten am Tropf zu halten. Ironischerweise nicht trotz, sondern gerade wegen seiner dubiosen Deals.

Denn durch diese ist AIG so eng mit der restlichen Finanzwelt vernetzt, dass ein Kollaps des Konzerns zahllose weitere Geld-Giganten mit ins Verderben reißen dürfte - in den USA wie in Europa. Goldman Sachs, Morgan Stanley, Barclays, Société Générale, UBS, RBS, die Deutsche Bank und viele andere gelten als potentiell gefährdet.

Analyst Hank Calenti von RBC Capital Markets bezifferte die Verluste, die den internationalen Banken durch einen Untergang des Konzerns drohen würden, kürzlich auf rund 180 Milliarden Dollar: "AIG ist überall." Börsen-Blogger Andrew Ross Sokin schreibt, mit dem Versicherungsgiganten stehe und falle "das gesamte westliche Bankensystem". Ein globales Kartenhaus wanke, fürchtet Mark Keenan von der New Yorker Anwaltskanzlei Anderson Kill & Olick, die auf komplexe Versicherungsfälle spezialisiert ist: "Die US-Regierung kann es sich nicht leisten, AIG scheitern zu lassen."

Nicht umsonst hat der Staat zwei Tage, nachdem er im vergangenen Herbst Lehman hatte sterben lassen, AIG gerettet. Es geht darum, noch Schlimmeres zu verhindern.

"Sinn war, die Wurstfabrik am Laufen zu halten"

Hauptschuld an der Misere tragen komplexe Finanzvehikel namens Credit Default Swaps (CDS, mehr auf SPIEGEL WISSEN...), die AIG innerhalb der Branche verkauft. CDS - von Investorenlegende Warren Buffet "finanzielle Massenvernichtungswaffen" getauft - sind Quasi-Versicherungsverträge für Großbanken. Eine Bank kauft sie, um sich gegen das Platzen von Krediten oder den Ausfall eines Schuldners zu schützen. Oft hängen daran mehrere, über CDS miteinander verbundene Kreditgeber.

Vereinfacht gesagt: Die Bank zahlt AIG eine Prämie für die CDS, und wenn ein Schuldner zahlungsunfähig wird, dann gleicht die Versicherung den Verlust aus. AIG versicherte so zuletzt nicht mehr nur Haushalte, Autos oder Leben - sondern auch die immer wilderen Spekulationen der größten Finanzinstitute.

CDS waren 1997 erfunden worden, um die Geschäftsrisiken der Wall-Street-Institute an einen Dritten abzuwälzen - in diesem Fall AIG. Dank eines willigen US-Kongresses, der die Regulierung stützte, wurden sie zum populärsten Kreditderivat und zum Lieblingsprodukt der Banken.

Die setzten sie vor allem zur Absicherung windiger Investments ein, deren Risiko keiner so richtig abschätzen konnte. Musterbeispiel: die mittlerweile berüchtigten Subprime-Hypotheken und die daraus gebündelten, immer exotischeren Anlageprodukte, die die Banken an Investoren weiterverscherbelten - die faule Ur-Saat der aktuellen Kreditkrise. Der CDS-Markt boomte und wurde selbst Ende 2008, als die Krise eskalierte, noch auf fast 16 Billionen Dollar geschätzt.

Mit seinen CDS, entwickelt in einer eigenen Unternehmenstochter, blies AIG jahrelang die Spekulationsblase der Wall Street auf - zum eigenen Vorteil: Der Konzern kassierte dafür Milliardengebühren. Zugleich adelte AIG dank seines AAA-Ratings all die heute als "giftig" verfemten Anleihen - aus Ramsch-Hypotheken zurechtgeschusterte Investmentprodukte. Sie bekamen ebenfalls ein Top-Rating, das sie zwar nicht verdienten, durch das sie sich aber viel besser vermarkten ließen.

"Sinn war, die Wurstfabrik am Laufen zu halten", sagt in der "New York Times" der Wall-Street-Veteran Robert Arvanitis, ein früherer AIG-Topmanager, der inzwischen einer der größten Kritiker des Konzerns ist. AIG ließ sich diesen Dienst teuer bezahlen - was der Versicherer nun ebenso teuer zu stehen kommt.

Angst auch in Bochum, Gelsenkirchen, Recklinghausen

Als der Hypotheken-Investmentmarkt Mitte 2008 zusammenbrach, stiegen die Ansprüche an AIG ins Unbezahlbare. Weil Schuldner ihre Hypotheken und Kredite nicht mehr tilgen konnten, verloren die darauf basierenden Finanzprodukte an Wert, Rating-Agenturen stuften AIG herab, Vertragspartner des Konzerns verlangten mehr Sicherheiten - die AIG nicht hatte.

Wie ein Beben pflanzt sich das Problem so nun zu den Kunden des Versicherers fort. Eine Kettenreaktion, wie man sie nach dem Untergang des Traditionshauses Lehman Brothers im September schon erlebt hat.

Der Fall AIG hat gigantische Ausmaße und viele komplizierte Windungen. Er löst inzwischen selbst bei deutschen Kommunen wie Bochum, Gelsenkirchen oder Recklinghausen Angstattacken aus. Denn deutsche Stadtkämmerer haben in den neunziger Jahren ihre Klärwerke oder Müllverbrennungsöfen langfristig an Geldgeber jenseits des Atlantiks vermietet, um sie im selben Moment wieder zurückzumieten. Die US-Investoren konnten den Einsatz von der Steuer absetzen und teilten ihren Gewinn mit den deutschen Städten und Gemeinden - alles oft abgesichert durch AIG. Nun allerdings lesen manche Kämmerer entsetzt im Kleingedruckten ihrer "Cross-Border-Leasing"-Verträge, dass die Kommunen Ersatz besorgen oder eigene Sicherheiten stellen müssen, wenn der Versicherer wackelt. Gut 150 solcher Abkommen gibt es bundesweit. Fällt AIG aus, schulden die Kommunen ihren US-Partnern mindestens 30 Milliarden Dollar.

Selbst der bundeseigenen KfW-Gruppe drohen Probleme. Seit Jahren verpacken und verkaufen die deutschen Staatsbanker von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) Kredite an heimische Häuslebauer und Mittelständler in Milliardenhöhe. Die Papiere sind Insidern zufolge oftmals von der AIG versichert. Im Konkursfall müsste die KfW einen neuen, teuren Garantiegeber finden.

AIG managte auf dem Höhepunkt des Booms CDS für mehr als 450 Milliarden Dollar. Auch Ende 2008 waren es nach Berechnung der Research-Firma CreditSights noch mindestens 300 Milliarden Dollar. Und es sind eben nicht nur Subprime-Kredite betroffen, sondern auch seriösere Anlagen.

"Gegenparteien auf der ganzen Welt tragen weiterhin ein bedeutendes AIG-Kreditrisiko", berichtete die US-Notenbank Fed noch im November 2008. Analyst Donn Vickrey schätzt, dass etwa zwei Drittel davon europäische Großbanken sind. Für den Fall, dass die US-Regierung AIG ohne Hilfe kollabieren ließe, prophezeit er "einen globalen Domino-Effekt. Die darauffolgende Panik wäre desaströs".

Mitarbeit: Beat Balzli, Frank Hornig
Mit Material von Reuters

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