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Globalisierung 2067: Endlich blühende Landschaften

2067 ist China in Dutzende Einzelstaaten zerfallen. Dennoch geben Ostasien und der pazifische Raum in der Weltwirtschaft den Ton an. Deutschland hat die Globalisierung gemeistert, die Metropolen boomen – das Land dazwischen wird zu Öko-Reservaten. Eine Vision von Thomas Straubhaar.

Vom Atlantik zum Pazifik - so haben sich die Kräfteverhältnisse der Geopolitik im Lauf des 21. Jahrhunderts verschoben. Nicht mehr die USA und Europa bestimmen 2067 das Tempo der Weltwirtschaft. Die Parima (Pacific Rim Area), also die Region der Anrainer am pazifischen Ozean, hat die Führungsrolle übernommen.

Boomende Städte (Neubauten in Florida): Immer mehr Menschen ziehen 2067 aus der darbenden Fläche in die Metropolen
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Boomende Städte (Neubauten in Florida): Immer mehr Menschen ziehen 2067 aus der darbenden Fläche in die Metropolen

Der rohstoffreiche ferne Osten Russlands ist unabhängig geworden, die Volksrepublik China in bevölkerungsreiche Teilstaaten auseinandergebrochen. Dennoch: Zusammen mit Japan, Australien, und dem unvermindert innovationsstarken Westen der USA und Kanadas bilden diese Regionen das wirtschaftliche Gravitationszentrum der Erde. Mittendrin hat sich die landschaftlich wie auch klimatisch attraktive Inselwelt Polynesiens und Mikronesiens als Wohnsitz für vermögende ältere Amerikaner, Europäer und Asiaten etabliert.

Der Pazifik ist die gemeinsame Grundlage. Er ist mehr als ein Ozean - er liefert Energie, Rohstoffe, Wasser und Nahrungsmittel. Die pazifischen Tiefen bieten Inspiration für Erfindungen und Entdeckungen.

Von politischer Union und gemeinsamer Verfassung spricht im pazifischen Raum niemand. Wieso auch? Wirtschaftlicher Erfolg ist das gemeinsame Ziel der Parima. Gegenseitig offen stehende Märkte sind der gemeinsame Weg. Englisch ist die gemeinsame Sprache. Mehr Gemeinsamkeit ist weder erwünscht noch notwendig. Diese Lehre haben die Pazifikanrainer aus dem politischen Scheitern der Vereinigten Staaten von Europa gezogen.

Abschied von einem Traum

Wie hat Europa auf die pazifische Herausforderung reagiert? Auf eine Europäische Verfassung hat man inzwischen verzichtet. Die Beitrittsverhandlungen der Türkei scheiterten, ein zäher politischer Konflikt war die Folge. Vor allem bei den jüngeren Generationen setzte sich die Erkenntnis durch, dass nicht mehr, sondern weniger Europa die Zukunft sichert.

Nach 2015 drohten einzelne Mitgliedsstaaten, aus der Europäischen Union auszutreten. Spät, aber nicht zu spät, kehrte Vernunft ein. Die EU beendete die Experimente einer ungewollten Vertiefung und unsicheren Erweiterung und kehrte zu ihren Wurzeln aus den goldenen 1960er Jahren zurück.

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Gerade noch rechtzeitig nahm die EU Abschied vom Traum eines europäischen Sozialstaats. Stattdessen beherzigte sie die alte britische Forderung nach einer rein funktionalen Zusammenarbeit der Staaten. Die Basis bildete ein grenzenloser gemeinsamer Markt mit Freihandel und Freizügigkeit für Kapital und Arbeit. Europa konzentriert sich darauf, die gegenseitige Offenheit der regionalen Märkte sicherzustellen, das Entstehen politischer oder ökonomischer Marktmacht zu verhindern und die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank zu garantieren.

Die meisten Mitgliedstaaten waren ohnehin gezwungen, Teilregionen und großstädtischen Ballungsräumen mehr Autonomie zuzugestehen. Mit dem Fortschritt der wirtschaftlichen Globalisierung gewannen die Regionen eine neue emotionale Bedeutung. Nicht nur im Baskenland, auch in Wallonien oder im Banat traten alte konfessionelle, kulturelle und sprachliche Bindungen an die Stelle der oft künstlich geschaffenen nationalen Identitäten.

Der Mut der Generation 2020

Die meisten Probleme der Globalisierungen fanden ihren Niederschlag in lokalen Wirkungen. Alterung, Arbeitslosigkeit, Armut, die Integration von Ausländerinnen und Ausländern ließen sich durch kleinräumige Lösungen viel besser bewältigen. Die Europakarte wird nicht mehr durch nationale Staatsgrenzen geprägt, sondern durch regionale Zusammenschlüsse und lokale Ballungsräume.

Und Deutschland? Der von Meinungsmachern beschworene "Weltkrieg um Wohlstand" und der "Angriff aus Fern-Ost" haben verblüffenderweise keine Krise verursacht. Im Gegenteil: Die neue Konkurrenz öffnete den Deutschen die Augen dafür, was wichtig und was nebensächlich ist, was gesellschaftlich unverzichtbar und was ökonomisch finanzierbar war. So wurde möglich, zu ändern, was zu ändern war.

2067 prägen Zukunftsglaube und Optimismus das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Leben. Die Generation 2020 hat das Land neu ausgerichtet. Sie setzte nicht defensiv und ängstlich auf einen starken Staat, mehr Protektion und Regulierungen. Sie versuchte nicht, mit strengeren Entsenderichtlinien, schärferen Zuwanderungsrestriktionen und allgemeingültigen Mindestlöhnen auf Strukturwandel und pazifische Herausforderung zu reagieren.

Stattdessen ging die Generation 2020 offensiv und selbstbewusst mit den Herausforderungen um. Sie wusste: Die enorm hohe Lebensqualität, die Rechtssicherheit, der Schutz von Leib und Leben waren Pfunde, mit denen sich wuchern ließ. Das galt auch für den hervorragenden Zustand der öffentlichen Infrastruktur. So wurden die Chancen der Globalisierung mit Kopf und Händen gepackt.

Deutschland setzte auf gut ausgebildete Spezialisten, qualifizierte Fach- und Führungskräfte und motivierte Belegschaften. So wurden innovative, bessere - und nicht nur billigere - Güter und Dienstleistungen produziert. Damit gelang es, den Weltmarkt zurückzuerobern.

Das Ziel: Massenbeschäftigung

Die "Basarökonomie" mit ihrer europaweiten Arbeitsteilung wurde nicht mehr zur existenziellen Bedrohung hochgespielt. Man verstand sie als Chance, um Deutschland zur weltweit führenden Handelsdrehscheibe zu machen, zum bestimmenden Logistikzentrum. Die internationale Arbeitsteilung wurde ausgenutzt: Deutschland kam als Kompetenzzentrum für Forschung- und Entwicklung, für Bio- und Gentechnologie, für Gesundheit und Bildung voran.

Die Generation 2020 verfolgte eine Strategie zur Massenbeschäftigung, anstatt immer und immer wieder über die Massenarbeitslosigkeit zu klagen. Sie flexibilisierte Handwerks-, Gewerbe- und Bauordnungen. So erleichterte sie jungen Selbständigen, ihre Ideen umzusetzen. Der Jobmarkt wurde von hemmenden Arbeitsgesetzen befreit. Abfindungsregeln ersetzten den Kündigungsschutz. Der Arbeitsmarkt wurde zu einem Markt nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage.

Die Generation 2020 vereinfachte das Steuersystem radikal. Alle Einkommensarten wurden an der Quelle mit einem einheitlichen Steuersatz belastet. Das allen bedingungslos gewährte Grundeinkommen wirkte wie ein hoher Steuerfreibetrag pro Kopf. Es sorgte für soziale Gerechtigkeit und belohnte kinderreiche Familien. Ansonsten galt das Verursacherprinzip: Wer befiehlt, zahlt. Im Zeitalter der rasant voranschreitenden Computertechnologien war es ein leichtes, mit Mikro-Chips überall und jederzeit die Nutzung öffentlicher Leistungen vom Konto der Nutznießer abbuchen zu lassen.

Darbende Fläche

Die Generation 2020 führte auch die Föderalismus-Diskussion fort, die zu Anfang des Jahrhunderts begonnen hatte. Sie begnügte sich nicht damit, die Bund-Länder-Beziehungen zu entflechten und Entscheidungskompetenzen klarer zuzuordnen.

Sie ging weiter: Zunächst wurde die Mischfinanzierung bei allen Gemeinschaftsaufgaben abgeschafft. Die Bundesländer, später auch einzelne urbane Ballungszentren wurden in die finanzielle Autonomie entlassen. Ballungsgebiete konnten nun selbständig direkte Steuern erheben. Sie warben um neue Bürger, indem sie das attraktive Preis-Leistungs-Verhältnis bei der Steuerbelastung betonten, die Qualität ihrer öffentlichen Angebote hervorhoben. Die innerdeutsche Wanderung gewann an Tempo.

Immer mehr Menschen zogen aus der darbenden Fläche in die boomenden Städte. Das flache Land wurde renaturiert, es wurde für ökologische Reservate genutzt, für einen sanften Tourismus. Endlich entstanden - nicht nur in Ostdeutschland - die von der Politik versprochenen "blühenden Landschaften". Mit einer Fauna und Flora, wie es wenige für möglich gehalten hatten.

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