Globalisierung Das Risiko der langen Lieferkette

Globalisierung ist das Gebot der Stunde. Ein Unternehmen, das keine Niederlassung im Ausland hat, gilt schnell als zweite Liga. Doch wer es wagt kann genauso schnell ins Abseits geraten: Viele Firmen bekommen Qualitätsmängel nicht in den Griff.


Autoproduktion bei Hyundai: Unternehmen klagen über Lieferanten
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Autoproduktion bei Hyundai: Unternehmen klagen über Lieferanten

Berlin - Eine elektrische Zahnbürste ist klein und handlich. Ihre Herstellung aber ist hoch kompliziert: Für ein handelsübliches Modell baut etwa der Philipps-Konzern 38 Kleinteile an 13 Standorten in zehn Ländern zusammen. Die Hersteller von komplexen Produkten wie etwa Autos müssen heute oft hunderte Standorte und Lieferanten vernetzen. "Man hat nur die Vorteile der Globalisierung gesehen", sagt Wilfried Heinrich von der Unternehmensberatung Denkfabrik. "Aber nicht an den riesigen Kommunikationsaufwand gedacht."

Fast 40 Prozent der Unternehmen klagen einer jüngst veröffentlichten Umfrage zufolge über die schlechte Qualität von Bauteilen ihrer Lieferanten. Als Gründe wurden meist Schwächen beim Management des riesigen Lieferantennetzes genannt: So sagen viele Firmen, dass es kaum noch möglich sei, alle Zulieferer zeitgleich über Produktneuerungen zu informieren: "Ein modernes Produkt ist ein riesiges Puzzle", sagt Heinrich. "Wenn ein Teil nicht sitzt, hat man ein Problem." Als Folge sieht er unter anderem den sprunghaften Anstieg der Rückrufaktionen bei Autos. Deren Zahl hat sich zwischen 1999 und 2004 mehr als verdreifacht.

Komplizierter Produktionsprozess

Führt man sich den modernen Produktionsprozess vor Augen, nimmt es gar Wunder, dass überhaupt so viel gelingt. Soll zum Beispiel der Bordcomputer eines Autos verbessert werden, braucht das Unternehmen zunächst einen stärkeren Prozessor, dieser wieder eine bessere Kühlung, eine höhere Stromspannung, einen anders geformten Schalter und ein neues Display. Die jeweiligen Lieferanten müssen nun alle parallel, schnell und präzise informiert werden, ob sie nun in Brasilien, China oder Rumänien sitzen. Oft ist das nicht mehr so zu koordinieren, dass das Produkt am Ende fehlerfrei läuft.

Natürlich gibt es inzwischen spezielle Software zur Steuerung solcher Prozesse. An einem zentralen Server können sich alle beteiligten Stellen informieren. "Was früher auf Papier stand, ist heute bei uns digital verfügbar", sagt Frank Holtkamp, Systemarchitekt und für die Koordinierungs-Software beim Halbleiter-Konzern Infineon zuständig, "Sonst weiß ein Projektleiter an einem Standort nicht, wen er sonst noch informieren muss." Infineon mit seinen zahlreichen Fabriken in Europa, Asien und Amerika stellt dies schon intern vor große Herausforderungen. Lieferanten sind in das System nicht eingebunden.

Problem unterschiedlicher Kulturen

Doch das Management dieser Netze ist das geringere Problem. Als wesentlichen Grund für Mängel an der Qualität führen viele Unternehmen die Unterschiede zwischen den Kulturen an. So nannten bei der bereits erwähnten Umfrage viele das Gefälle bei technischem Know-how und Qualität als Problem. "Ohne diesen Ländern zu nahe treten zu wollen, aber in Litauen oder Rumänien ist eben der Qualitätsanspruch ein anderer", sagt Unternehmensberater Heinrich.

Andere sehen eine solche Perspektive schon als Kern des Problems. "Das Mutterhaus, das am längeren Hebel sitzt, denkt meistens, wir arbeiten professionell, die anderen unprofessionell", sagt Anne Niesen, Beraterin für kulturübergreifende Personalentwicklung. Dabei gebe es keine Kulturen, die besser oder schlechter seien. Gerade für Angehörige technischer Berufe sei dies oft nicht leicht zu verstehen. "Sie sind Axiome, Definitionen und abgeleitete Sätze gewöhnt."

Niesen versucht in ihren Workshops, die Mitarbeiter aus allen Ecken der Welt zu einem besseren Verständnis der anderen Kultur zu bringen. Viele deutsche Großkonzerne mit klangvollen Namen sind unter ihren Kunden. In den Gruppenstunden stelle sich oft heraus, dass Mitarbeiter internationaler Partner schlicht aneinander vorbeireden. Und manchmal müsse erst die Sprachlosigkeit überwunden werden. Sind etwa Japaner in der Gruppe wird auch mal gezeichnet, damit jeder im Bild wiedergibt, wie er die Situation im Projekt einschätzt.

"In manchen Kulturen ist Reden eben nicht die erste Option», sagt Niesen. Die globale Ausrichtung verlange von einer Firma jedenfalls oft mehr als zunächst angenommen. "Eine Niederlassung im Ausland aufzumachen, heißt noch lange nicht, international zu sein", sagt Niesen.

Von Klaus Geiger, AFP



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