Globalisierungspapst Bhagwati "Ihr Europäer werdet nicht schlafen, oder?"

Rigide Arbeitsgesetze, Längenmaße für Kondome, wuchernde Bürokratie: Jagdish Bhagwati, Grandseigneur der Globalisierungstheorie, wundert sich über die EU. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview wünscht er sich mehr Mut zur Autonomie, weniger Neokolonialismus und ein Ende der schleichenden Amerikanisierung.


SPIEGEL ONLINE: Professor Bhagwati, nach bescheidenen Anfängen wird die Europäische Union 50. Übersteht sie noch 50 weitere Jahre?

Flagge der Integration: "Es gibt heute so etwas wie eine europäische Persönlichkeit. Die Elite in Europa ist viel mobiler als früher"
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Flagge der Integration: "Es gibt heute so etwas wie eine europäische Persönlichkeit. Die Elite in Europa ist viel mobiler als früher"

Jagdish Bhagwati: Die EU hat verfeindete Staaten zusammen geführt, deshalb ist ihr Jubiläum ein Grund zum Feiern. Sie hat viele Vorteile, gut ausgebildete Menschen, die richtigen Werte. Ich bin jetzt 72, da habe ich vieles kommen und gehen gesehen. Aber wenn ich in 15, 20 Jahren noch lebe und zurück nach Europa komme - dann finde ich einen blühenden Kontinent vor, da bin ich sicher. Dass Europa in irgendeiner bedeutsamen Hinsicht scheitert, ist gar nicht vorstellbar. Auch der Euro hat funktioniert, obwohl ihm viele nichts zugetraut haben. Und es gibt heute so etwas wie eine europäische Persönlichkeit. Die Elite in Europa ist viel mobiler und kosmopolitischer, als sie es früher war.

SPIEGEL ONLINE: Aber steckt die heutige EU nicht trotzdem in einer Krise?

Bhagwati: Die Wähler sind vor allem deshalb desillusioniert, weil die Bürokratie immer mehr standardisieren will. Ich habe gehört, dass die EU versucht hat, die Länge von Kondomen zu vereinheitlichen - und die Italiener wollten ihre einen Zoll länger haben. So was ist doch ein Witz! Die Leute wollen Autonomie, ihre eigene Kultur und Wirtschaftseigenheiten. Aber das lässt sich lösen, indem man stärkt, was die Europäer "Subsidiarität" nennen. Langfristig gesehen könnte es darum ganz gut sein, dass Frankreich und die Niederlande 2005 gegen die EU-Verfassung gestimmt haben. Es erinnert die Politiker daran, dass sie nicht immer weiter und weiter zentralisieren dürfen.

SPIEGEL ONLINE: In wirtschaftlicher Hinsicht war die jüngere Geschichte der EU nicht eben erfolgreich. Trotz einiger Fortschritte bleibt die Arbeitslosigkeit in zentralen Ländern wie Deutschland und Frankreich hoch.

Bhagwati: Ein Teil das Problems in Deutschland und Frankreich sind die strikten Arbeitsmarktgesetze. Sogar effiziente Firmen möchten Flexibilität, wenn sie investieren. Sie wollen keine Gesetze, die so streng sind, dass sie im Notfall niemanden entlassen dürfen. Schauen Sie sich Airbus an: Nach den Pannen, die es beim A380 gab, müssten sie eigentlich Personal abbauen. Aber das können sie nicht in dem Maß, in dem sie es für richtig halten - der Gesetze wegen.

SPIEGEL ONLINE: Solche Gesetze haben das EU-Europa immer ausgezeichnet.

Bhagwati: Jetzt sind sie zum Hemmnis für Firmen geworden. In einer globalen Wirtschaft wissen Sie nie, wer Sie gleich überholt. Sie können Arbeitern zwar immer noch Sicherheiten bieten, aber keine Garantien für einen konkreten Job. Ich sehe in Europa heute mehr Bereitschaft als vor fünf Jahren, diese Probleme zu lösen. In Deutschland wird über Reformen diskutiert, in Frankreich auch, aber zögerlicher. Die Franzosen fühlen sich kulturell überlegen, nur ist ihre Wirtschaft zunehmend zweitklassig. Irgendwann wird diese Spannung so unerträglich, dass man auch dort Reformen anpackt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen in Europa fürchten, dass die EU ohnehin bald von aufsteigenden Mächten wie Indien und China überflügelt wird.

Bhagwati: Das glaube ich nicht. Ich war gerade erst in Bangalore - es ist unglaublich widerspruchsreich. Erst sehen Sie gigantische IT-Firmen wie Wipro und Infosys. Dann fahren Sie 25 Meilen und plötzlich hocken Leute auf der Straße und flicken Werkzeuge wie vor 300 Jahren. Bis da europäisches Niveau erreicht ist, dauert es Jahrzehnte. In der Zwischenzeit werdet Ihr Europäer nicht schlafen, oder? Französische und deutsche Unternehmen sind ja nicht schlecht, sie sind sogar schrecklich effizient. Die Leute im Westen sagen oft: Indien hat so niedrige Löhne, China ist so billig, wir sind gar nicht wettbewerbsfähig. Aber solange Wechselkurse sich frei bewegen, lösen sich viele dieser Kostenvorteile in Luft auf, weil die Kurse von Yuan und Rupie steigen. Zur Panik gibt es keinen Grund.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegt aus Ihrer Sicht der größte Versagen der EU?



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