Gold in Indien Schmuck zum Überleben

Indien im Goldrausch: Das Land sorgt für ein Fünftel der globalen Nachfrage, nirgendwo wird so viel für Schmuck ausgegeben wie hier. Bei Hochzeiten werden Bräute mit Vermögen ausstaffiert - weil nicht selten ihr Los in der neuen Familie davon abhängt. Von Sascha Zastiral (Text) und Helena Schätzle (Fotos), Neu-Delhi


Es funkelt überall. Mehrere Verkäufer sitzen an zwei Vitrinentischen, in denen Ringe, Halsketten und Armreifen strahlen. In den Regalen hängen schwere Goldcolliers an Büsten. Mohammad Salimbhai gibt sich inmitten der ganzen Pracht betont zurückhaltend. Er trägt ein einfaches weißes Hemd, spricht mit ruhiger, unaufdringlicher Stimme. Mit der freundlich-verbindlichen Verkäufermasche ist der 40-Jährige Juwelier mit dem Kugelbauch ziemlich erfolgreich.

"Die kaufen die Leute in Sets", sagt der Miteigentümer des Al-Madina-Juweliergeschäfts in der Altstadt von Ahmedabad und deutet auf Vitrinen, in denen üppig verzierte Goldcolliers hängen. "Manche kaufen gleich 500 oder 600 Gramm und zahlen dafür 600.000 Rupien." Umgerechnet sind das mehr als 9500 Euro, ein Vermögen für viele Inder. Salimbhai grinst. "Sone ka craze hai", sagt er in einem Mix aus Hindi und Englisch, was so viel heißt wie: Es herrscht ein "Wahn nach Gold".

Salimbhai übertreibt nicht. In Indien wird mehr Gold nachgefragt als in irgendeinem anderen Land der Welt: Jährlich führt das Land zwischen 700 und 800 Tonnen des Edelmetalls ein, ein Fünftel der Weltproduktion. In erster Linie wird der glitzernde Rohstoff in Schmuck umgearbeitet. "Vor allen für Hochzeiten kaufen die Eltern der Braut Unmengen Schmuck ein, den sie der Familie des Bräutigams schenken", erklärt Salimbhai.

Die traditionelle Mitgift ist in Indien heute eigentlich verboten, doch nur wenige Hindu-Gemeinschaften verzichten tatsächlich auf die Sitte. Bei den meisten Hochzeiten werden nach wie vor opulente Geschenke ausgetauscht. Etliche Familien verschulden sich dabei hoffnungslos, denn indische Hochzeitsgäste achten sehr genau darauf, wie viel sich der Brautvater die Vermählung seiner Tochter kosten lässt. Und auch das Los der zukünftigen Schwiegertochter in der neuen Familie hängt nicht selten davon ab, wie spendabel sich deren Eltern zuvor gezeigt haben.

Und es bleibt nicht bei den Hochzeitsgeschenken: Ein Jahr nach der Zeremonie sehe er die meisten seiner Kunden wieder, erzählt Salimbhai. Dann ist es bei vielen Hindus Sitte, dass die Tochter noch einmal eine Woche lang in das Haus der Eltern zurückkommt, bevor sie endgültig bei ihrem Mann und den Schwiegereltern bleibt. "Um ihre Verbundenheit zu den Schwiegereltern zu zeigen, kaufen die Eltern dann noch mal Goldschmuck", sagt Salimbhai.

Ein solcher Kunde sitzt bei einem seiner Kollegen am Nebentisch und kramt gerade ein dickes Bündel Geld aus seiner Hosentasche. Rasik Dalvadi, Anfang 40, Halbglatze, schwarzes Hemd, zählt 500-Rupien-Scheine und gibt sie dem Händler. Neben ihm sitzen seine Frau, seine 21-jährige Tochter Kalpanaben, die vor einem Jahr geheiratet hat, und ihr Schwiegervater. "Bei der Hochzeit haben wir für Schmuck 50.000 Rupien ausgegeben", sagt Dalvadi, rund 800 Euro. Es ist viel Geld für ihn, das ist zu spüren. Er habe so viel Schmuck gekauft, dass die Eltern des Bräutigams damit einen ganzen Türrahmen behangen hätten, sagt Dalvadi und lächelt stolz. "Wir wollten damit unsere Freude teilen."

Trotzdem läuft das Geschäft nicht von selbst. "Es kommt bei den teuren Geschenken nicht nur auf die Menge an, auch das Design ist äußerst wichtig", sagt Händler Salimbhai. Die Eltern der Braut gehen meist einen ganzen Tag lang mit den zukünftigen Schwiegereltern von Laden zu Laden und kaufen, was den Eltern des Bräutigams gefällt. "Diese Designs haben wir selbst entwickelt", sagt Salimbhai und holt dabei einen Armreifen aus der Glasvitrine, hinter der er sitzt. Fein gearbeitete Ornamente ziehen sich über das Schmuckstück und bilden diagonale Muster. "Die stellen wir selbst in unserer Werkstatt her."

80 Euro im Monat für die Goldschmiede

Die Manufaktur des Juweliergeschäfts liegt in einer Nebengasse in der chaotischen Altstadt von Ahmedabad. Rikschas, Motorräder und kleine Dreirad-Lieferwagen suchen sich hupend ihren Weg durch Massen von Fußgängern. Kleine Geschäfte bieten Mangos und Bananen an. In der staubigen Luft hängt der Geruch von Curry-Gewürzmischungen und Räucherstäbchen.

Ein unauffälliger Hauseingang führt zu einer steilen Treppe. Das letzte Stück Weg auf den Dachboden des dreigeschossigen Hauses bildet eine wackelige Holzleiter. Dort sitzen in einer kleinen Kammer fünf Männer auf dem Boden an Holztischen und bearbeiten Schmuckteile. Mit Schweißbrennern schmelzen sie das Gold oder machen es weich und formbar. Die Hitze ist drückend, ein scharfer Gasgeruch erfüllt das Zimmer, obwohl die Fenster weit geöffnet sind.

Sheikh Shah Valam, ein Mann Ende 20, arbeitet hier schon seit fünf Jahren. Gelernt habe er das Handwerk direkt in der Werkstatt, erzählt er. Nach seinem monatlichen Verdienst gefragt, wendet sich der junge Mann an seinen Chef, einen traditionell in einem weißen Gewand gekleideten Muslim mit Stoffkappe und langem Bart. "5000 Rupien", umgerechnet 80 Euro, sagt der. Jedes der Teile, an denen Valam hier bis zu zehn Stunden am Tag arbeitet, ist im Geschäft ein Vielfaches wert - Tendenz angesichts des Höhenflugs des Goldpreises steigend.

Immerhin, Valams Job ist ziemlich sicher. Denn auch wenn Gold immer teurer wird - die Nachfrage in Indien wird wohl eher zu- als abnehmen, sagt Jawahar Lal, Professor für Handel an der Universität Neu Delhi. "Denn unsere Mittelklasse wird immer reicher." Tatsächlich ist die indische Liebe zum Gold sogar einer der Faktoren, der den Weltmarktpreis überhaupt derart in die Höhe getrieben hat. "Das ist nur ein Faktor im internationalen Goldhandel, hat aber sicher Einfluss darauf", sagt Lal.

Ratschläge, wie sie das Wirtschaftsmagazin "Outlook Money" in der jüngsten Ausgabe äußert, werden Inder kaum beeindrucken, glaubt Lal. "Inder sind große Sparer, aber schreckliche Investoren", heißt es in dem Magazin. Das Land sei der größte Importeur von Gold in der Welt, doch die Leute kauften vor allem Schmuck. "Diese Teile mögen nett aussehen und sie reich aussehen lassen, wenn sie sie tragen, aber als Investition sind sie ziemlich nutzlos." Wegen der Kosten für die Verarbeitung sei Schmuck viel teurer als reines Gold - weil die Moden aber wechseln, verlieren Ketten und Ringe schnell an Wert. Die Leute sollten ihre Liebe zu dem Edelmetall lieber "in vernünftigere Bahnen lenken" und Goldbarren, Anleihen und Optionsscheine kaufen, rät das Magazin.

Juwelier Salimbhai bereiten solche Artikel genauso wenig Kopfzerbrechen wie der immer weiter steigende Goldpreis. Seine Kunden werden deswegen mit Sicherheit nicht mit althergebrachten Traditionen brechen. "Gold und Land werden hier nach wie vor als die einzigen handfesten Anlagen gesehen, die Bestand haben", sagt er. Dem "Wahn nach Gold" ist Indien immerhin schon seit 2600 Jahren verfallen.

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