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Rohstoffe aus Krisenregionen: Schmutziges Gold

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Gold ist das begehrteste Material der Welt - doch es finanziert auch Kriege und Kriminelle. Nur zaghaft bemüht sich die Branche um fairen Handel und Abbau. Ein Besuch in einer der größten Goldraffinerien der Welt.

Gold im Schmelztiegel bei Argor-Heraeus: Bis zu 99,99 Prozent Reinheit
Argor

Gold im Schmelztiegel bei Argor-Heraeus: Bis zu 99,99 Prozent Reinheit

Viel besser kann man Gold nicht verstecken. Einer der weltgrößten Goldverarbeiter hat sich zwischen Shoppingmalls, Outlet-Centern, Autobahnzubringern und Gewerbebauten niedergelassen.

Mitten im Industriegebiet 5 von Mendrisio in der Schweiz weisen nur der Stacheldraht auf der mannshohen Mauer und die Überwachungskameras darauf hin, dass hier Gold im Wert von Milliarden Euro durchgeschleust wird - und der gelb glänzende Name Argor-Heraeus.

Die Firma betreibt in den Hallen eine der fünf größten Goldraffinerien der Welt. Hier liegen, gestapelt auf Paletten, die Barren. Sie glänzen silbern oder tief golden, wiegen wenige Gramm oder 200 Kilo. Mittendrin stehen blaue Plastikwannen, gefüllt mit braunem Sand. "Das ist zu 95 Prozent Gold", sagt Wilfried Hörner, einer der zwei Geschäftsführer von Argor-Heraeus. Gern würde man darin wühlen um die Worte zu begreifen - anfassen aber ist nicht erlaubt.

Das Gold wird direkt von Minen aus der ganzen Welt angeliefert, in einfachen Säcken, in Kisten oder Kartons. Hier wird das Material analysiert, eingeschmolzen, raffiniert, neu gegossen, poliert, geprägt und weiterverarbeitet. Über die Kunden will niemand sprechen. "Silence is gold" steht an der Tür zur Gießerei. Aus gutem Grund.

Die Argor-Heraeus-Zentrale liegt im Gewerbegebiet von Mendrisio. Die Lage ist für eine Goldraffinerie ideal: Das schweizerische Tessin ist in unmittelbarer Nähe der italienischen Schmuckhersteller - traditionell die wichtigsten Abnehmer für Feingold.

Die hohe, stacheldrahtbewehrte Mauer zeigt, dass es hier etwas zu sichern gibt. Die Goldraffinerie hat eine Kapazität von mehreren Hundert Tonnen pro Jahr.

Nachdem das Gold von anderen Metallen wie beispielsweise Silber geschieden wurde, wird es in Schmelztiegeln auf weit über tausend Grad erhitzt, geschmolzen und in Barrenform gegossen.

Der Standardbarren wiegt 400 Unzen - rund 12,5 Kilogramm. Beim aktuellen Goldpreis entspricht das einem Wert von rund 440.000 Euro.

Gold am laufenden Meter: Aus dem Goldstreifen werden Vorprodukte für die Uhrenindustrie ausgestanzt.

Die Geschäftsführer von Argor-Heraus: Wilfried Hörner (l.) und Christoph Wild.

Kilobarren Feingold von Argor-Heraeus in der höchsten Qualität mit einer Reinheit von 99,99 Prozent.

Gold zieht zwielichtige Gestalten an. In keinem anderen Material ist Wert so verdichtet. Und man sieht einem Barren nicht an, wo er herkommt - jedenfalls nicht, wenn er die Raffinerie verlässt. Bei der Anlieferung als "Dorée" ist das noch anders: Aus jeder Mine kommt Gold in einer ganz eigenen Zusammensetzung, wie eine DNA, Verwechslungsgefahr bestehe nicht, versichert Hörner.

Aber ist das überall so? Es gibt zweifelhafte Quellen, in einigen Minen müssen Kinder arbeiten, es herrschen katastrophale Umwelt- und Arbeitsbedingungen. Zuweilen dient der Gewinn aus dem Handel mit dem Edelmetall Rebellen zur Finanzierung von Waffen. Die Berichte über "Blutgold" aus dem Kongo sind so detailliert (aktuell beispielsweise hier), dass weder die Branche noch Goldanleger sie ignorieren können - auch Argor-Heraeus hat Erfahrungen damit.

Faire Förderung in Peru

Eigentlich sollte es strenge gesetzliche Vorgaben aus Berlin oder Brüssel geben - doch die sind im politischen Alltag erst jüngst wieder weichgespült worden. Wer ganz sicher gehen will, dass sein Gold "sauber" ist, muss selbst zu den Förderstätten reisen, den gesamten Handelsweg kontrollieren und bereit sein, einen Aufpreis zu zahlen. Einer, der das regelmäßig tut, ist der Hamburger Goldschmied Jan Spille. Seit 2003 verarbeitet er so ausschließlich wie möglich Gold aus fairem Handel.

Auf der Walz nach der Ausbildung hat Spille einen deutschen Vertreter von Ecoandina kennengelernt, einer Bergbau-Kooperative in Argentinien. "Als ich mit ihm sprach, wurde mir erst klar, wie problematisch Gold eigentlich ist", sagt Spille. Der angehende Goldschmied arbeitete sich in das Thema ein - und bezieht sein Gold seitdem direkt von Kooperativen, vor allem aus Peru, Argentinien und Kolumbien.

In dem Dorf Santa Filomena im Südwesten Perus leben die Minenarbeiter und Minenarbeiterinnen mit ihren Familien. Das Dorf befindet sich direkt über der Goldmine in 2500 Metern Höhe.

Die Sotrami-Mine ist seit 2011 eine der wenigen mit dem Fairtrade-Siegel ausgezeichneten Goldförderstätten. Die rund 700 Minenarbeiter, hier am Eingang von Sotrami, profitieren von den Prämien, die für Fairtrade-Gold gezahlt werden, durch angemessene Löhne. Der größte Teil des Geldes wird in die Dorfgemeinschaft investiert.

Vom Einstieg geht es bis zu 900 Meter tief unter die Erde. Die Arbeit ist hart und beschwerlich, das Fairtrade-Siegel beinhaltet aber eine ganze Reihe von Auflagen zu Arbeitssicherheit und Umweltschutz.

Das Golderz wird mit Dynamit aus dem Berg gesprengt. Für die Dynamitstangen müssen tiefe Löcher in das Gestein gebohrt werden.

Das Tageseinkommen der Sotrami-Bergleute liegt bei 8 bis 15 Euro pro Person und Tag - ungefähr das Doppelte des peruanischen Mindestlohns.

Erzbrocken aus der Mine. In dem Erz ist neben Gold auch Silber enthalten.

Gold kann aus Erz nicht zu hundert Prozent ökologisch gewonnen werden. Der Einsatz von Zyanid ist kaum zu vermeiden. In der Sotrami-Mine wird das Gold unter hohen Umweltauflagen mit Zyanid vom Verbundgestein getrennt - das verwendete Wasser und die Chemikalie werden in einem geschlossenen Kreislaufsystem immer wieder neu verwendet.

Die Frauen arbeiten nicht unter Tage, sondern sind für die manuelle Nachsortierung des Golderzes verantwortlich.

Frauen haben in der Kooperative dieselben Rechte wie Männer und sind in eigenen Gruppen organisiert.

Spille war vor Ort, er kennt die Menschen, zählt einige von ihnen zu seinen Freunden. Aus manchen Minen bezieht er sogar ökologisch abgebautes Gold, das also ohne Hilfe von Quecksilber oder Zyanid gewonnen wird - eine absolute Ausnahme. Seine Kunden sind vor allem Paare, die für ihre Trauringe auch bis zu 15 Prozent mehr zahlen. "Das gute Gewissen ist es ihnen wert", sagt Spille.

Seit Neuestem arbeitet der Goldschmied mit Fairtrade zusammen, die Organisation versucht in Deutschland ein ganzes Netzwerk von Goldschmieden zu knüpfen, die fair gehandeltes Gold verarbeiten. Von den Großen der Branche hat Spille sich unabhängig gemacht - nicht mal die Goldreste lässt er dort noch einschmelzen. "Die können mir nicht garantieren, dass ich genau das Gold zurückbekomme, das ich dort hingeschickt habe", sagt er. Möglicherweise werde das von Kooperativen mühsam aus dem Berg geklopfte Gold dann mit Industriegold vermischt.

Branchenweit gibt es zwar eine ganze Reihe von Standards, keiner aber geht dabei so weit wie Fairtrade. Weil mit dem Siegel ein Aufpreis von 2000 Dollar pro Kilogramm Gold verbunden ist, sind auf dem Weltmarkt bislang nur kleine Mengen als fair gekennzeichnetes Gold verfügbar. Zwar arbeiten schätzungsweise 90 Prozent aller direkt im Goldbergbau beschäftigten Menschen als Kleinbergbauern, sie holen aber nur zehn Prozent der Weltförderung aus dem Berg.

Rebellengold vom Kongo in die Schweiz

Argor-Heraeus weiß, wie genau eine Firma hinsehen muss, um nicht auf irgendeine Weise mit schmutzigem Edelmetall in Berührung zu kommen. Rund Dreiviertel des weltweit geförderten Goldes werden durch die Schweiz geschleust, wöchentlich lehnt Argor-Heraeus nach eigener Aussage Geschäfte ab, weil es Zweifel gibt an der Herkunft des Goldes oder an der Glaubwürdigkeit des Anbieters.

Die Vorsicht mag sich daraus erklären, dass die Firma selbst einst Gold verarbeitet (und damit marktfähig gemacht) hat, das eine Rebellengruppe aus dem Kongo geschmuggelt hatte, um mit dem Verkauf ihren Krieg zu finanzieren. Das Schweizer Magazin "Reportagen" hatte ausführlich über den Fall berichtet.

Jahrelang ermittelte die Uno. Die Leiterin der Expertengruppe, Kathy Lynn Austin, zeichnete den Weg des Goldes nach, aus den von Rebellen kontrollierten Minen im Kongo über Firmen in Uganda, Großbritannien und die Raffinerie Argor-Heraeus. Das Ergebnis war nach Ansicht der Schweizer Organisation Trial eine so lückenlose Beweiskette, dass sie die Raffinerie anzeigte. Die Schweizer Bundesanwaltschaft nahm sich des Falles an.

Die Chefs von Argor-Heraeus werden bei diesem Thema ziemlich schweigsam. Was gibt es auch noch zu bereden über den Fall aus den Jahren 2004 und 2005? Knapp drei Tonnen Gold waren damals durch die Schmelztiegel der Schweizer Raffinerie geflossen und als Feingold zurück an den Kunden gegangen - ein vergleichsweise kleiner Auftrag.

Zudem hat die Bundesanwaltschaft das Verfahren nach 16 Monaten Ermittlungen eingestellt - die Begründung (hier der Text als PDF) lautet zusammengefasst: Argor-Heraeus hätte zwar wissen können, dass das Gold "mit größter Wahrscheinlichkeit im Ost-Kongo geplündert wurde und zur Finanzierung des Konflikts diente", die Verantwortlichen hätten die Herkunft nach Meinung der Richter sogar genauer abklären müssen. Weil sie das nicht taten und auch nicht nachzuweisen ist, dass es im Unternehmen Zweifel an der Herkunft gab, sei der Firma aber auch nichts vorzuwerfen.

Argor-Heraeus habe erst aus der Presse davon erfahren, sagt Geschäftsführer Christoph Wild heute: "Als wir in einem Artikel der 'Financial Times' gelesen haben, dass es an dem Material Zweifel gibt, haben wir sofort reagiert und die Geschäftsbeziehungen beendet."

Dass Uganda zu der Zeit nahezu kein Gold importierte, dass die Rebellen im Kongo mit der Regierung des Nachbarstaates kooperierten, dass die Uno, der IWF, Human Rights Watch, Ärzte ohne Grenzen und zahlreiche Medien schon damals breit über den Konflikt und die Rolle der Goldminen berichteten - all das ist anscheinend an den Schweizern vorbeigegangen.

"Wir haben uns voll an die damaligen Regeln gehalten, und wir haben uns darauf verlassen, was unser langjähriger und exzellent beleumundeter Kunde sagte: Die Lieferanten sind zuverlässig und unzweifelhaft" - sagt Wild.

Im Jahr 2016 könnte so etwas nicht mehr geschehen, das machen die Unternehmensverantwortlichen glaubhaft deutlich. Mehrere Sicherheitsebenen wurden eingezogen, das Unternehmen erfüllt alle Standards, die die Industrie sich gegeben hat.

Aber reicht das? Sicher ist: Ausschließlich mit Fairtrade-zertifiziertem Gold könnte Argor-Heraeus kein Geschäft machen. Die Raffinerien der Schweizer haben eine Kapazität von bis zu 400 Tonnen im Jahr. So viel Fairtrade-Gold gibt es einfach noch nicht. Der jährliche Goldumsatz des Hamburger Goldschmieds Jan Spilles liegt nur im Kilobereich.

Aber vielleicht wird der Druck der Kunden - ähnlich wie beim Goldschmied Spille - irgendwann zu groß, um noch anderes Gold anzubieten. Argor-Heraeus-Chef Hörner hält das nicht für ausgeschlossen: "Ich war erstaunt", sagt er. "Die Nachfrage war höher, als ich es erwartet hatte."

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insgesamt 52 Beiträge
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1.
heiko1977 05.03.2016
Ein gleichwertiges Problem sind die, die durch unsere eigene Industrie verursacht wurden in Staaten in denen eben keine Krisen existieren: Südafrika, Kenia und Pakistan (Wasserrechte), Brasilien (Rohstoffe), Elfenbeinküste und Burkina Faso (Kakao) etc. Aber dies interessiert im Westen nicht die Bohne.
2. Am besten alles gleich verbieten
Austinite 05.03.2016
Erst das böse Gold, dann Geld (bald die 500er, danach die kleineren Scheine), dann das Bargeld ganz abschaffen und anschließend mithilfe von Negativzinsen und weiteren Zwangsabgaben die letzten Sparguthaben vernichten. Schließlich sollen wir doch alle kräftig auf Pump den Konsum und damit die Wirtschaft ankurbeln. Die Steuern können dann später praktischerweise gleich direkt vom dann staatlich kontrollierten Konto abgezogen werden, wie prima. Ist ja alles wegen dem bösen Terrorismus, jaja... Sounds like a plan.
3. Ich will billiges Gold, um damit zu spekulieren
zufriedener_single 05.03.2016
Billig kaufen, teuer verkaufen. So einfach ist das. Ab einem gewissen Lebensalter und mit Erfahrung was die Menschheit als solche angeht, spielen Ethik und Moral - zumindest für mich - keine Rolle mehr.
4. Nicht überbewerten
warz 05.03.2016
Derzeit gibt es run 163.000 Tonnen Gold auf der Welt. Auf der ganzen Welt. Der Wert entspricht aktuell ca. 5 Billionen Euro. Zur Einordnung: Die USA sind derzeit mit knapp 20 Billionen Euro verschuldet, dann kommen die Japaner mit 12. Deutschland liegt bei 2,2 Billionen. So, und was ist mit alle den anderen Werten? Rohstoffe, Land, Erdöl, Industrie, etc. Da spielt doch Gold gar keine Rolle! Und deshalb gehen wir nicht mit Gold einkaufen. Die Menge des Goldes würde schlicht überhaupt nicht ausreichen um all das im Umlauf befindliche Geld zu repräsentieren. "Schmutziges Gold": Genauso wie Kriege, Pelze, Chemie in der Landwirtschaft, Kinderarbeit, am Ende Käse beim Discounter: Sauber ist da nix. Kohle und Stahlabbau, Erdöl, Strom, Aluminium. Stop!
5.
heutegelbesaeckeraus 05.03.2016
Vielen Dank, Jan, für Deine mühsame Pionierarbeit in diesem lange wenig beachteten Bereich. Ich bin stolz, einen von Dir gefertigten Ring am Finger zu tragen!
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