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29. Dezember 2012, 18:50 Uhr

Wetten auf Resozialisierung im Knast

Geld oder neues Leben

Von Marc Winkelmann

Es klingt wie eine böse Satire - und ist doch Realität: Die Investmentbanker von Goldman Sachs spekulieren mit einem neuen Finanzprodukt auf die Resozialisierungsquote von US-Sträflingen. Das Projekt könnte Schule machen.

Rikers Island liegt mitten in New York und hat alles, was eine Gemeinde braucht. Es gibt Supermärkte und Kirchen, Kliniken und Schulen. Der Flughafen LaGuardia liegt nebenan, der Central Park ist nicht allzu weit entfernt. Man muss nur über den East River.

Freiwillig zieht trotzdem keiner her.

Drei Viertel der 20.000 Menschen, die hier tagsüber leben, sitzen im Gefängnis. Zehn Anstalten gibt es, der Komplex ist der weltweit größte seiner Art. Und wer einmal auf der Insel landet, kehrt wahrscheinlich zurück: Jeder zweite Insasse wird rückfällig. Bürgermeister Michael Bloomberg sagt, das Problem sei "fest verwurzelt" mit der Stadt.

Um es zu lösen, nimmt er jetzt einen neuen Anlauf. Der Clou: Zahlen muss er nur im Erfolgsfall. Möglich macht das ein Social-Impact-Bond. Die Idee: Ein Investor stellt Geld, mit dem ein sozialer Träger gefährdete Ex-Häftlinge coacht und ihnen Bildung vermittelt. Sinkt die Quote der Wiederholungstäter um zehn Prozent oder mehr, erhält der Investor sein Geld zurück und eine Rendite obendrauf. Wird die Marke gerissen, geht er leer aus.

In New York heißt der Geldgeber Goldman Sachs. Die Investmentbank steigt mit 9,6 Millionen Dollar ein. Alicia Glen, Leiterin der Urban Investment Group, hofft, dass das Projekt eine Entwicklung anstößt. "Wir wollen, dass ein Marktplatz mit sozialen Programmen entsteht, die vom privaten Sektor finanziert werden." Geht der Plan auf, muss der Staat weniger für die Prävention als für die spätere Nachsorge zahlen. Scheitert das Vorhaben, profitiert der Staat auch, denn er bürdet das Risiko nicht dem Steuerzahler auf.

"Wir haben keine Probleme, Investoren zu finden"

Eine Win-win-Situation also? Georg Mildenberger ist vorsichtig bei der Bewertung. Er leitet die Forschungsabteilung des Heidelberger Centrums für soziale Investitionen und Innovation und weist auf ein Grundproblem hin. "Es ist schwer, Kosten und Erträge abzugrenzen", sagt er. Heißt: Wenn der Staat einen anderen Weg einschlägt als den bisherigen, muss er wissen, warum er das tut. Er muss den Aufwand und den Nutzen vergleichen können. "Das ist bei sozialen Problemen häufig nicht möglich. Zwar kann man ganz gut sagen, was zum Beispiel Drogenprävention kostet, aber die Wirkungen und ersparten Kosten sind sehr schwer zu bestimmen." Social-Impact-Bonds seien daher nicht die Lösung aller Probleme, "eröffnen aber spannende Möglichkeiten für neue Ansätze".

Experimentiert wird derzeit auch im kalifornischen Fresno, Kanada, Australien und Neuseeland. In Deutschland soll ein erstes Projekt 2013 seine Arbeit aufnehmen. Weltweit beachteter Pionier ist Peterborough, 150 Kilometer nördlich von London. 17 Stiftungen und vermögende Personen haben vor zwei Jahren fünf Millionen Pfund (6,2 Mio. Euro) investiert, um auch hier die Rückfallquote entlassener Häftlinge zu senken. Geht sie um mindestens 7,5 Prozent zurück, zahlt der Staat eine Rendite von bis zu 13 Prozent. 2014 will man erste Ergebnisse vorlegen.

Unabhängig vom Erfolg hat der Initiator, die Organisation Social Finance, zwei weitere Bonds ins Leben gerufen. "Wir haben keine Probleme, Investoren zu finden", sagt International Director Jane Newman. Die Stärke des Ansatzes liege darin, dass er mehr auf Effizienz getrimmt sei als die Arbeit des Staates. Dessen Strukturen seien für Investoren nicht attraktiv, so Newman. Kürzlich besuchte der neue Justizminister Chris Grayling Peterborough, danach verkündete er, das Programm auf weitere Gefängnisse auszuweiten.

Bei Goldman Sachs scheint man sich dagegen noch nicht ganz sicher zu sein. Zwar geht die Investmentbank in Vorleistung und legt knapp zehn Millionen Dollar für die kommenden vier Jahre aus. Sollte das Projekt aber nicht den gewünschten Effekt haben, springt ein Bürge ein und sichert 75 Prozent der Summe durch eine Kreditgarantie ab. Sein Name: Bloomberg Philanthropies. Es ist die persönliche Stiftung des New Yorker Bürgermeisters.

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