Wetten auf Resozialisierung im Knast: Geld oder neues Leben

Von Marc Winkelmann

Es klingt wie eine böse Satire - und ist doch Realität: Die Investmentbanker von Goldman Sachs spekulieren mit einem neuen Finanzprodukt auf die Resozialisierungsquote von US-Sträflingen. Das Projekt könnte Schule machen.

Rikers Island: Freiwillig zieht hier keiner her Zur Großansicht
AFP

Rikers Island: Freiwillig zieht hier keiner her

Rikers Island liegt mitten in New York und hat alles, was eine Gemeinde braucht. Es gibt Supermärkte und Kirchen, Kliniken und Schulen. Der Flughafen LaGuardia liegt nebenan, der Central Park ist nicht allzu weit entfernt. Man muss nur über den East River.

Freiwillig zieht trotzdem keiner her.

Drei Viertel der 20.000 Menschen, die hier tagsüber leben, sitzen im Gefängnis. Zehn Anstalten gibt es, der Komplex ist der weltweit größte seiner Art. Und wer einmal auf der Insel landet, kehrt wahrscheinlich zurück: Jeder zweite Insasse wird rückfällig. Bürgermeister Michael Bloomberg sagt, das Problem sei "fest verwurzelt" mit der Stadt.

Um es zu lösen, nimmt er jetzt einen neuen Anlauf. Der Clou: Zahlen muss er nur im Erfolgsfall. Möglich macht das ein Social-Impact-Bond. Die Idee: Ein Investor stellt Geld, mit dem ein sozialer Träger gefährdete Ex-Häftlinge coacht und ihnen Bildung vermittelt. Sinkt die Quote der Wiederholungstäter um zehn Prozent oder mehr, erhält der Investor sein Geld zurück und eine Rendite obendrauf. Wird die Marke gerissen, geht er leer aus.

In New York heißt der Geldgeber Goldman Sachs. Die Investmentbank steigt mit 9,6 Millionen Dollar ein. Alicia Glen, Leiterin der Urban Investment Group, hofft, dass das Projekt eine Entwicklung anstößt. "Wir wollen, dass ein Marktplatz mit sozialen Programmen entsteht, die vom privaten Sektor finanziert werden." Geht der Plan auf, muss der Staat weniger für die Prävention als für die spätere Nachsorge zahlen. Scheitert das Vorhaben, profitiert der Staat auch, denn er bürdet das Risiko nicht dem Steuerzahler auf.

"Wir haben keine Probleme, Investoren zu finden"

Eine Win-win-Situation also? Georg Mildenberger ist vorsichtig bei der Bewertung. Er leitet die Forschungsabteilung des Heidelberger Centrums für soziale Investitionen und Innovation und weist auf ein Grundproblem hin. "Es ist schwer, Kosten und Erträge abzugrenzen", sagt er. Heißt: Wenn der Staat einen anderen Weg einschlägt als den bisherigen, muss er wissen, warum er das tut. Er muss den Aufwand und den Nutzen vergleichen können. "Das ist bei sozialen Problemen häufig nicht möglich. Zwar kann man ganz gut sagen, was zum Beispiel Drogenprävention kostet, aber die Wirkungen und ersparten Kosten sind sehr schwer zu bestimmen." Social-Impact-Bonds seien daher nicht die Lösung aller Probleme, "eröffnen aber spannende Möglichkeiten für neue Ansätze".

Experimentiert wird derzeit auch im kalifornischen Fresno, Kanada, Australien und Neuseeland. In Deutschland soll ein erstes Projekt 2013 seine Arbeit aufnehmen. Weltweit beachteter Pionier ist Peterborough, 150 Kilometer nördlich von London. 17 Stiftungen und vermögende Personen haben vor zwei Jahren fünf Millionen Pfund (6,2 Mio. Euro) investiert, um auch hier die Rückfallquote entlassener Häftlinge zu senken. Geht sie um mindestens 7,5 Prozent zurück, zahlt der Staat eine Rendite von bis zu 13 Prozent. 2014 will man erste Ergebnisse vorlegen.

Unabhängig vom Erfolg hat der Initiator, die Organisation Social Finance, zwei weitere Bonds ins Leben gerufen. "Wir haben keine Probleme, Investoren zu finden", sagt International Director Jane Newman. Die Stärke des Ansatzes liege darin, dass er mehr auf Effizienz getrimmt sei als die Arbeit des Staates. Dessen Strukturen seien für Investoren nicht attraktiv, so Newman. Kürzlich besuchte der neue Justizminister Chris Grayling Peterborough, danach verkündete er, das Programm auf weitere Gefängnisse auszuweiten.

Bei Goldman Sachs scheint man sich dagegen noch nicht ganz sicher zu sein. Zwar geht die Investmentbank in Vorleistung und legt knapp zehn Millionen Dollar für die kommenden vier Jahre aus. Sollte das Projekt aber nicht den gewünschten Effekt haben, springt ein Bürge ein und sichert 75 Prozent der Summe durch eine Kreditgarantie ab. Sein Name: Bloomberg Philanthropies. Es ist die persönliche Stiftung des New Yorker Bürgermeisters.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Neurovore 29.12.2012
Zitat von sysopAFPEs klingt wie eine böse Satire - und ist doch Realität: Die Investmentbanker von Goldman Sachs spekulieren mit einem neuen Finanzprodukt auf die Resozialisierungsquote von US-Sträflingen. Das Projekt könnte Schule machen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/goldman-sachs-spekuliert-mit-social-impact-bonds-auf-us-gefaengnisse-a-874436.html
Gibt es doch! Nennt sich Private Altersvorsorge... Wobei die Goldmänner ja alle Anzeichen einer dissozialen Persönlichkeitsstörung aufweisen und damit überhaupt nicht sozialisierbar sind, von "re" mal ganz zu schweigen...
2.
abraxas63 29.12.2012
Zitat von sysopAFPEs klingt wie eine böse Satire - und ist doch Realität: Die Investmentbanker von Goldman Sachs spekulieren mit einem neuen Finanzprodukt auf die Resozialisierungsquote von US-Sträflingen. Das Projekt könnte Schule machen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/goldman-sachs-spekuliert-mit-social-impact-bonds-auf-us-gefaengnisse-a-874436.html
Jetzt hat Bloomberg Philanthropies und Goldman Sachs ein gemeinsames Interesse, was sie veranlasst gemeinsam an einen Strang zu ziehen: Die Aufklärung von Verbrechen zu verhindern, an denen Leute beteiligt sein könnten, die in ihrem Resozialisierungsprogramm sind. Klingt vielleicht unwahrscheinlich und natürlich sind das alles moralisch integre Leute - wie wir alle wissen - aber rein logisch ergibt sich daraus die beschriebene Situation. Zu wenig oder zuviel gedacht?
3. optional
Jochen Lembke 29.12.2012
Das ist kaum zu überbieten paradox. Die Kriminalitätsrate ist immer ein Ausdruck der Gesundheit der Gesellschaft und sie ist je höher je kränker eine Gesellschaft ist. Goldmann Sachs wiederum trägt mit dazu bei die Gesellschaft krank zu machen, beziehungsweise ist ein Symptom einer solchen kranken. Nun soll also das Symptom den Doktor spielen!
4. Meine Güte...
olaf m. 29.12.2012
...welch "kreativer" Umgang mit menschlichen Problemen. Es erinnert mich an gekaufte und weiterverkaufte Lebensversicherungsverträge als Kapitalanlage (quasi Wetten der Deutschen Bank auf den statistisch "rechtzeitigen" Tod der Versicherungsnehmer, deren Verträge bzw. Ansprüche der Begünstigten weitervermittelt wurden), die für Käufer nicht funktioniert haben. Von Anlegern wurde dann gegen die Deutsche Bank geklagt, weil es sich nicht - entgegen der Prospektversprechen - gerechnet hatte... Was ist aus diesem Mist von BEIDEN SEITEN eigentlich geworden ? Das Finanzwesen ist so "sch" und "eiße".
5. Das beweist wieder eines:
spongie2000 29.12.2012
Dass es sich bei den Produkten und Händlern nicht um "Matehgenies" handelt, wie sie sich selber immer gerne beshreiben, sondern um Zocker bei Pferderennen. Auch dort werden Insider-Informationen weitergegeben, auch lassen sich Prognosen anhand von Statistiken aufstellen. Der einzige Unterschied ist, die Pferdewetten werden mit dem eigenen Geld durchgeführt. Ich persönlich verstehe aber immer noch nicht, warum der Staat Banken zu 1% Zins Geld leiht, damit diese es für 20% den Unternehmen leihen können und nebenher die Wirtschaft kaputt machen. Wäre es nicht viel sinnvoller, das Geld direkt den Unternehmen für 1% zu leihen, oder ist die Lobby einfach zu stark?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles zum Thema Banken
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 15 Kommentare
Gefunden in
Zum Autor
Marc Winkelmann schrieb einige Jahre frei für verschiedene Zeitungen und Magazine, bis er 2009 "enorm" mitentwickelte. Seit 2010 ist Marc Winkelmann stellvertrerender Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins.

Karte