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Mögliche Hilfen aus Moskau: Griechenlands Risiko, Russlands Chance

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Das neue griechische Parlament: Russland als zweite Option Zur Großansicht
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Das neue griechische Parlament: Russland als zweite Option

Der Kreml bietet Griechenland Hilfe an. Was will Russland als Gegenleistung? Und was bedeutet das für die Regierung in Athen? Der Überblick.

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Hamburg - Das Angebot steht: Wenn der neue griechische Regierungschef Alexis Tsipras Geld braucht, das nicht an Reformauflagen geknüpft ist, dann darf er in Moskau anklopfen. Eine entsprechende Bitte an die russische Regierung "würden wir definitiv prüfen", hatte Finanzminister Anton Siluanow am Donnerstag versprochen. Bevor aber der Syriza-Chef seine Kontonummer im Kreml hinterlässt, stellen sich einige Fragen:

  • Hat Syriza wirklich ein Interesse daran, sich enger an Russland zu binden - und damit auf Distanz zur EU zu gehen?

  • Ist die russische Regierung daran interessiert, sich noch stärker mit der EU anzulegen und das Verhältnis zum Westen weiter zu belasten?

  • Könnte Russland es sich überhaupt leisten, die Wahlversprechen von Syriza zu finanzieren?

Griechenlands Interesse an Russland

Wahlsieger Alexis Tsipras: Zweite Option Russland Zur Großansicht
REUTERS

Wahlsieger Alexis Tsipras: Zweite Option Russland

Die griechische Regierung hat ein Interesse daran, sich neben der Erfüllung von EU-Forderungen eine zweite Option wenigstens offenzuhalten - und das zeigt sie. Schon am Tag seiner Amtseinführung hatte sich Tsipras mit dem russischen Botschafter getroffen. Anschließend kritisierte er in einer Erklärung, die Regierung in Athen sei in der Frage über neue Russlandsanktionen der EU nicht konsultiert worden. Die Regierungen in Europa reagierten entsetzt.

Fakt ist: Griechenland hat enge wirtschaftliche Beziehungen mit Russland und leidet besonders stark unter dem im vergangenen Sommer vom Kreml verhängten Importverbot für EU-Waren. Griechische Bauern exportieren traditionell Erdbeeren, Kiwis und Pfirsiche nach Russland, insgesamt etwa ein Viertel der gesamten Obst- und Gemüseproduktion. In Russland sitzen zudem die besten Kunden der griechischen Pelz- und Pharmaindustrie.

Auch im wichtigsten griechischen Wirtschaftszweig, dem Tourismus, spielt Russland eine sehr große Rolle: Mehr als eine Million Russen machen jedes Jahr Urlaub in Griechenland, 2013 stellten sie die drittgrößte Gruppe ausländischer Gäste. Angesichts des schwächelnden Rubels konnten sich zuletzt jedoch viele Urlauber die Reise nach Griechenland nicht mehr leisten. Ein Handelskrieg mit Russland würde die griechische Wirtschaft angeblich vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts kosten, insgesamt exportierte das Land 2013 Waren im Wert von mehr als 400 Millionen Euro nach Russland - ein triftiger Grund, sich mit dem Kreml gutzustellen.

Russlands Interesse an Griechenland

Kreml-Chef Wladimir Putin: "Russland wird versuchen, Einfluss auszuüben" Zur Großansicht
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Kreml-Chef Wladimir Putin: "Russland wird versuchen, Einfluss auszuüben"

Der politische Wille, im Ukraine-Konflikt nicht klein beizugeben, sei in Moskau sehr stark, sagt Andreas Steininger vom Ostinstitut in Wismar. Und deshalb werde die russische Regierung auch jede Möglichkeit nutzen, innerhalb Europas Verbündete zu finden, um die einheitliche Linie aufzuweichen. "Russland wird versuchen, innerhalb der EU Einfluss auszuüben. Ein guter Ansatzpunkt hierfür sind vor allem die europakritischen Kräfte in Südeuropa und Frankreich", sagt Steininger. Geostrategisch könnte Griechenland eine wichtige Rolle spielen, beispielsweise als "Energiebrücke" nach Europa.

Schon jetzt ist die griechische Energiebranche extrem abhängig von Moskau - mehr als 60 Prozent seiner Gasimporte bezieht das Land aus Russland. Nachdem im vergangenen Jahr die South-Stream-Pipeline scheiterte, könnte der Kreml versuchen, die Leitungen, statt über Bulgarien direkt durch die Türkei nach Griechenland zu legen. Ein griechisches Veto gegen EU-Sanktionen wäre für Russland buchstäblich viel wert.

Kann Russland sich die Hilfe leisten?

Straßenszene in Moskau: Der Rubel fällt, die Wirtschaft leidet unter Sanktionen Zur Großansicht
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Straßenszene in Moskau: Der Rubel fällt, die Wirtschaft leidet unter Sanktionen

Russlands Wirtschaft leidet Steininger zufolge weniger unter den Sanktionen der EU, deren wichtigste Konsequenz der Vertrauensverlust der Investoren sei. Vor allem aber der Absturz des Ölpreises und der Wertverlust beim Rubel belasteten den Staatshaushalt.

Trotz leerer Kassen könnte Moskau nach Ansicht des Russlandexperten Steininger auch finanziell helfen: "Für einen großzügigen Kredit an die griechische Regierung wäre auf jeden Fall genug Geld da". Tatsächlich sind die russischen Devisenreserven in den vergangenen 15 Monaten zwar kräftig geschrumpft - mit gut 385 Milliarden Dollar hat Kreml-Chef Wladimir Putin aber mehr als genug, um Alexis Tsipras auch mit einem Milliardenkredit unter die Arme zu greifen. Auch wenn dies Griechenland nicht endgültig erlösen würde, so trüge eine solche Unterstützung laut Steininger doch erheblich dazu bei, eine einheitliche Russlandpolitik Europas zu gefährden.

So ein Schritt wäre nicht abwegig, sagt Steininger, da derartige Hilfen in der russischen Presse schon diskutiert wurden. Eine ähnliche Situation gab es vor zwei Jahren schon in Zypern - auch der Inselstaat im Mittelmeer hätte von Russland einen Kredit bekommen können. Auch damals verhandelte die zyprische Regierung mit Moskau, allerdings knickte sie schließlich ein, verabschiedete ein Reformpaket und bekam das Geld aus Brüssel.

Griechenland wäre allein schon mit günstigeren Gaslieferungen des Kreml geholfen. Auch die Aufhebung des Importstopps für griechische Waren würde die Wirtschaft wieder in Schwung bringen.

Zusammengefasst: Griechenland kann eine Zusammenarbeit mit Moskau als Druckmittel gegen EU-Forderungen nutzen. Die griechische Wirtschaft würde davon profitieren, weil viele Exporte nach Russland gehen. Der Kreml hat genug Devisenreserven um einen großzügigen Kredit zu vergeben.

Das SPIEGEL-ONLINE-Wirtschaftsressort testet für eine Woche den "Zusammengefasst"-Absatz. Kritik, Feedback, Anregungen? Bitte hier.

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insgesamt 479 Beiträge
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1. Sensationelle Spekulation
Jochen.Bold 31.01.2015
Der Artikel lebt von reiner Spekulation. Es fehlt etwas die Spiegel-übliche Katastrophenmalerei.
2. Tolle Aussichten ...
Fakler 31.01.2015
Vielleicht käme man sogar dazu dass Russland die griechischen Schulden begleicht ...
3. Failed States
Walther Kempinski 31.01.2015
Failed States unter sich. Die Russen können sich doch nicht mal selbst helfen. Die EU pustet einmal kurz, schon kommt der rote Riese ins Straucheln. Da können die noch so oft mit ihren rostigen Kampfjets an unseren Grenzen umher tuckern. Dass Putins-Russland ein Papiertiger ist, das wissen sogar die kleinen Kinder in Russland. Da hab ich inzwischen mehr Sorge um China als um Russland und seinen kleinen Machenschaften mit seinen restlichen Satelittenstaaten.
4. hm
Leto13 31.01.2015
Die EU sollte sich bewusst sein, dass es wichtig ist, mit Russland gut gestellt zu sein, denn Russland ist unser Nachbar, nicht die USA.
5. Erneute Niederlage der EU
leopold.schuller 31.01.2015
Nachdem die EU es schon den Konflikt in der Ukraine heraufbeschworen hatte mit dem völlig überflüssigen Bedrängen, den Assoziierungsvertrag zu unterzeichnen und dem Ansinnen, die Ukraine könne auch in die Nato eintreten, haben sie mit der völlig verfehlten Geldpolitik gegenüber Griechenland das griechische Volk soweit gebracht, dass die den radikalen Tsipras gewählt haben. Wann merkt man in der EU endlich, dass man erfahrene Fachleute an der Spitze braucht und keine Kasperle, die eines nach dem anderen verbocken?
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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