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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Das passiert, wenn Griechenland aus dem Euro austritt

Eine Kolumne von

Euro-Scheine werden zu Drachmen umgestempelt, Bürger verstecken ihr Geld unter der Matratze, schaffen es ins Ausland, kaufen massenhaft Gold: Ein griechischer Euro-Austritt wäre weit schlimmer, als uns Politiker weismachen wollen.

Geldautomat in Athen: Jeden Tag heben die Griechen mehrere hundert Millionen Euro ab Zur Großansicht
REUTERS

Geldautomat in Athen: Jeden Tag heben die Griechen mehrere hundert Millionen Euro ab

Nur selten sind Treffen europäischer Finanzminister von so fundamentaler Bedeutung. Wenn es heute und in den nächsten Tagen nicht zu einer Einigung zwischen Griechenland und den europäischen Finanzministern kommt, dann sind wir außerhalb des eingeübten Skripts.

Jeden Tag heben die Griechen mehrere hundert Millionen Euro von ihren Konten ab, um sich vor einem Euro-Austritt ihres Landes zu schützen. Reiche Griechen haben ihr Geld schon längst aus dem Land geschafft. Die nicht ganz so Reichen haben weniger Optionen. Sie horten ihre Euros unter der Matratze oder tauschen sie in Gold um.

Was passiert, wenn Griechenland austritt? In dem Moment, in dem Griechenland den Euro verlässt, werden alle griechischen Euros in eine neue Währung zwangsumgetauscht. Bei Bankguthaben geht das per Knopfdruck. Neues Papiergeld und neue Münzen wird man nicht sofort zur Verfügung stellen. Man kann aber die Euroscheine stempeln, bevor man sie in die Geldautomaten füttert. Sie sind dann effektiv Drachmen auf Euro-Papier, ausgegeben zu einem Wechselkurs von eins zu eins. Wenn sie auf dem Markt gehandelt werden, dann verlieren sie natürlich sofort an Wert - vielleicht ein Drittel, möglicherweise viel mehr. Wer ungestempelte Euros unter der Matratze hat, kann diese auf dem schwarzen Markt eintauschen und einen Gewinn verbuchen.

Die griechische Regierung hat noch ein paar andere Optionen:

  • Sie kann, wie Zypern auch, die Kapitalflüsse ins Ausland kontrollieren.
  • Sie kann eine Parallelwährung einführen, die nur im Inland Gültigkeit hat. Damit könnte man zum Beispiel die Renten bezahlen oder die Beamten. Der Staat könnte Geschäfte zwingen, diese Parallelwährung als Zahlungsmittel anzunehmen.

Im Falle eines griechischen Austritts aus dem Euroraum bleiben die Staatsschulden nominal bestehen. Griechenland wird sie aber nicht mehr bedienen - oder bestenfalls nur noch in neuer Währung, von der sie unendlich viel drucken kann. Für Deutschland würde ein Totalverlust von circa 80 Milliarden Euro anfallen.

Ich würde für diesen Fall erwarten, dass Bankkunden in Portugal und Spanien ebenfalls ihr Geld in Sicherheit bringen. Für Portugiesen ist ein Transfer von Sparguthaben nach Luxemburg eine risikolose Transaktion. Sie kostet nichts, schützt aber vor einem Zwangsumtausch und vor den gefürchteten Geldstempeln, die Euros in Drachmen oder womöglich demnächst in Escudos verwandeln. Der Kapitalabfluss ist eine Art kostenfreie Versicherung.

Die Geldflüsse aus Portugal und Spanien werden weitere Notmaßnahmen der Europäischen Zentralbank zur Folge haben. Man wird dann auch diesen Ländern erlauben, Notkredite bei der Nationalen Notenbank aufzunehmen. Die sogenannten Target-Salden in Deutschland werden weiter in die Höhe schießen. Hierbei handelt es sich um technische Verrechnungsgrößen im innereuropäischen Zahlungssystem. Solange der Euroraum zusammenhält, sind diese unwichtig. In dem Moment, indem er auseinanderbricht, steht Deutschland mit Forderungen in einer Größenordnung von einer halben bis einer Billion Euro da. Das Geld ist dann ebenfalls weg.

Die Eurozone würde einen Austritt verkraften

Ob diese Kettenbewegung vor Italien halt macht, ist schwer zu sagen. Auch Italiener können ihre liquiden Vermögen völlig legal und risikofrei ins Ausland schieben. Italiens Schulden sind genauso wenig nachhaltig wie die der anderen Euroländer. Der Grund liegt nicht einmal an der Höhe der Schulden selbst, sondern an der Leistungsfähigkeit der italienischen Wirtschaft. Dort gibt es seit fünfzehn Jahren kein Produktivitätswachstum. Italien kann nur dann im Euroraum bestehen, wenn sich daran etwas ändert.

Die Eurozone würde ohne Schwierigkeiten einen Austritt Griechenlands verkraften. Kommt es aber zu einer Kettenreaktion, dann wäre es mit dem Euro sehr schnell vorbei, vor allem wenn sie Italien erreicht. Die Kosten wären so immens, dass selbst Deutschland die Verluste nicht mehr stemmen könnte.

Und das sind nur die direkten Auswirkungen. Bei einem griechischen Zahlungsausfall werden Kreditderivate fällig, eine Art Versicherung gegen Zahlungsausfälle. In diesem Fall käme es zu Zahlungsströmen zwischen denen, die diese Zertifikate ausgestellt haben und denen, die sie besitzen. Banken würden plötzliche Verluste erleiden und sich schnellstens neues Kapital verschaffen müssen. Nicht allen wird das gelingen.

Hüten Sie sich also vor denen, die einen griechischen Austritt verharmlosen. Diese Leute verstehen nicht, was da abgeht, oder sie täuschen die Öffentlichkeit. Wir riskieren die Stiefmutter aller Finanzkrisen.

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insgesamt 386 Beiträge
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    Seite 1    
1. Zu diesem Thema gibt's unglaublich viele Experten ....
Ludwigsburger 16.02.2015
.... und nach dem Griechenland-Austritt werden wir feststellen: alle hatten unrecht.
2. Die Trennung von GR ist wie die Scheidung
experiencedsailor 16.02.2015
von einem untreuen Partner, der nicht nur beim Fremdgehen, sondern bei der Prostitution erwischt wurde. Es kommt entweder zur Härtefall-Scheidung und dann ist irgendwann die Sache vorbei und gut oder man bleibt zusammen, alimentiert den Anderen und das gemeinsame Leben ist die Hölle. Biedes gruselig, nur die eine Alternative hat ein Ende.
3. Naja
beyman 16.02.2015
Und so wurschteln wir eben Jahr für Jahr weiter, was auf Dauer noch mehr kosten wird.....oder glaubt wirklich jemand dran, dass gerade die Griechen etwas am Status quo ändern? Was ist da also besser?
4. Ende
Potatocouch 16.02.2015
Was für den Euro gilt, gilt auch für unsere Politik. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
5. Umstempeln?
bernhardas 16.02.2015
Hier im SPON war mal zu lesen, dass in der alten Bundesrepublik die Bundesbank ZWEI (!) komplette Saetze an DM atomsicher gebunkert hatte. Ich glaube die Drachmen wurden schon vor Jahren geruckt. Man muss sie nur aus dem entsprechenden Bunker holen.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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