Geldwäscheskandal bei Großbank HSBC: Das Sündenregister der Musterschüler

Von , London

Die Finanzkrise hatte HSBC unbeschadet überstanden. Doch die britische Bank hat sich ihren eigenen Skandal eingebrockt: Sie soll im großen Stil Geldwäsche für mexikanische Drogenbarone und saudi-arabische Terrorfinanzierer betrieben haben. Der Vorstandschef bereitet die Mitarbeiter auf weitere Enthüllungen vor.

HSBC-Zentrale in Mexiko City: Wie unabhängige Fürstentümer regiert Zur Großansicht
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HSBC-Zentrale in Mexiko City: Wie unabhängige Fürstentümer regiert

Wer an einem internationalen Drehkreuz aus dem Flugzeug steigt, kann den Slogan von HSBC nicht übersehen. "The world's local bank" steht an Hunderten Flugsteigen weltweit. Die Botschaft der globalen Werbekampagne ist klar: HSBC mag ihren Hauptsitz in der Londoner Canary Wharf haben, aber zu Hause ist die Bank überall.

Wie kein anderes Institut lebt HSBC das Motto "Think global, act local". Die Bank wurde 1865 von einem Schotten in Hongkong gegründet. Daher kommt auch der Name Hongkong Shanghai Banking Corporation. Von Anfang an hatte die Bank eine internationale Perspektive. Heute ist der Gigant mit einer Bilanzsumme von 2,6 Billionen Dollar in Schwellenländern genauso aktiv wie in Industrieländern. Es war kein Zufall, dass HSBC als erste Großbank den Wachstumsmarkt Islamic Banking entdeckte und zum Marktführer aufstieg.

Die Philosophie, den Ablegern in aller Welt weitgehend freie Hand zu lassen, scheint sich nun jedoch zu rächen. Was jahrelang als Erfolgsrezept galt, um lokale Märkte zu erschließen, offenbart nun gravierende Aufsichtsmängel.

Einem US-Senatsbericht zufolge hat die mexikanische HSBC-Tochter zwischen 2004 und 2010 Geldwäsche für Drogenkartelle betrieben. Während andere Banken den Handel mit den berüchtigten Casas de Cambio längst eingestellt hatten, betrieb HSBC weiter Geschäfte mit den Geldwechselstuben, die im Ruf stehen, den Drogenbaronen zu gehören.

Allein in den beiden Jahren 2007 und 2008 soll HSBC sieben Milliarden Dollar in bar per Lastwagen und Flugzeug aus Mexiko in die USA geschleust haben. Auch die 2,1 Milliarden Dollar auf 50.000 Konten beim HSBC-Ableger auf den Cayman Islands sollen zum großen Teil aus dem mexikanischen Drogenhandel stammen.

Die HSBC-Töchter wurden wie unabhängige Fürstentümer regiert

Detailliert aufgelistet sind die Vorwürfe in einem 335-seitigen Bericht des ständigen Untersuchungsausschusses des US-Senats. Der Bericht wurde am Montag veröffentlicht und bildete am Dienstag die Grundlage für eine Anhörung mehrerer HSBC-Manager vor dem Ausschuss in Washington.

Dem Bericht zufolge hat HSBC auch US-Sanktionen gegen mehrere Länder umgangen. Zwischen 2001 und 2007 soll die Bank 25.000 Transaktionen in Höhe von 19,4 Milliarden Dollar mit iranischen Banken verschleiert haben. HSBC-Manager sollen ihren iranischen Kollegen dabei geholfen haben, die US-Kontrolleure auszutricksen. Eine Milliarde Dollar soll zudem an die saudi-arabische Bank al-Radschi geflossen sein, deren Gründer einst ein Förderer des Terrornetzwerks al-Qaida war.

Der Ausschussvorsitzende Carl Levin warf der HSBC vor, durch ihr globales Netzwerk den ausländischen Töchtern Zugang zum US-Finanzsystem und seinen Dollars verschafft zu haben. Die vorgeladenen HSBC-Manager entschuldigten sich wortreich bei den Senatoren: Die internen Kontrollen hätten besser sein müssen. Der seit 2002 für die interne Aufsicht zuständige David Bagley trat zurück.

Bagley erklärte das Versagen mit der Firmenstruktur. Seiner Schilderung zufolge hatte die Londoner Zentrale in dem losen Netzwerk keine Durchgriffsrechte. Die einzelnen Töchter wurden wie unabhängige Fürstentümer regiert. Paul Thurston, der 2007 als Chef nach Mexiko geschickt wurde, erklärte den Senatoren, er sei geschockt gewesen von dem, was er dort gesehen habe. Doch effektive Kontrollen installierte auch er nicht. Das Mexiko-Geschäft wuchs rasant, laut Thurston kamen die 1300 Filialen mit den Geldwäschekontrollen nicht hinterher.

Die US-Behörden bohren weiter nach

Der Skandal bringt erneut den Finanzplatz London in Verruf. Nachdem die Großbank Barclays gerade einräumen musste, den Libor-Leitzins manipuliert zu haben, ist mit HSBC nun schon wieder eine britische Bank in den Schlagzeilen. Es sind obendrein die beiden Musterschüler der Londoner City, die nun am Pranger stehen. Beide hatten die Finanzkrise ohne Staatshilfen überstanden - im Fall von HSBC vor allem dank der starken Asien-Präsenz.

Im Unterschied zu Barclays-Chef Bob Diamond wird HSBC-Chef Stuart Gulliver ein Rücktritt aber wohl erspart bleiben. Er kam erst im Dezember 2010 ins Amt - also nach den beanstandeten Vorfällen. Nun will er sich als Reformer präsentieren, der mit dem Schlamassel aufräumt. Es waren aber wohl in erster Linie die Nachforschungen aus den USA, die dafür sorgten, dass die Bank seit einiger Zeit gegensteuert.

Der Image-Schaden für HSBC ist beträchtlich. Zwar scheinen die Anleger nicht allzu besorgt, der Aktienkurs der Bank gab nur wenige Prozent nach, aber der Skandal ist längst nicht ausgestanden. In einer internen E-Mail bereitete Gulliver seine Mitarbeiter darauf vor, dass die kommenden Monate noch mehr Ungemach von den US-Behörden bringen würden. Neben dem US-Senat untersuchen auch das Justiz- und Finanzministerium sowie die Staatsanwaltschaft von Manhattan die Geldwäschevorwürfe.

In der Kritik steht auch die US-Aufsichtsbehörde OCC, die beim Finanzministerium angesiedelt ist. Laut Senatsbericht hatte die Behörde seit 2004 mehrfach auf die Kontrollprobleme bei HSBC hingewiesen. 2010 etwa erinnerten die Aufseher die Bank daran, dass noch 17.000 Transaktionen unter Geldwäscheverdacht stünden und dringend geprüft werden müssten. Mehr als Ermahnungen gab es jedoch nicht.

Der frühere HSBC-Chef ist inzwischen Staatssekretär

Für HSBC kann der Skandal richtig teuer werden. Analysten rechnen mit einer Geldstrafe von bis zu einer Milliarde Dollar. Das würde selbst die jüngste Strafe für ING in den Schatten stellen. Die niederländische Bank hatte vergangenen Monat einer Zahlung von 619 Millionen Dollar an das US-Justizministerium zugestimmt, um den Vorwurf aus der Welt zu schaffen, sie habe US-Sanktionen gegen Iran und Kuba unterlaufen.

Unangenehm werden könnten die Geldwäschevorwürfe auch für Stephen Green. Der Staatssekretär im britischen Wirtschaftsministerium war von 2003 bis 2006 Vorstandschef von HSBC und anschließend bis 2010 Aufsichtsratschef. Er trug also die Verantwortung, während die Töchter ihre Geschäfte mit der organisierten Kriminalität machten. Green habe schwerwiegende Fragen zu beantworten, sagte der Unterhaus-Abgeordnete Chris Leslie von der Labour-Opposition. Noch schweigt der Staatssekretär.

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1. Weiteres ...
CarstenHan 18.07.2012
..noch zur Selbstregulierung der Märkte und zur ewigen Forderung Nichteinmischung durch Gesellschaft und Politik zu sagen, ist absolut nicht mehr nötig. Die Wiederherstellung des Primates der Politik ist überfällig! Leid können einem nur die Briten tun, falls deren Banken weiter so verwirtschaften, ist der allerletzte Rest vom Empire auch noch im Eimer, Lady Thatcher läßt grüßen! Mfg
2.
acitapple 18.07.2012
Zitat von CarstenHan..noch zur Selbstregulierung der Märkte und zur ewigen Forderung Nichteinmischung durch Gesellschaft und Politik zu sagen, ist absolut nicht mehr nötig. Die Wiederherstellung des Primates der Politik ist überfällig! Leid können einem nur die Briten tun, falls deren Banken weiter so verwirtschaften, ist der allerletzte Rest vom Empire auch noch im Eimer, Lady Thatcher läßt grüßen! Mfg
die briten sind auch selbst schuld. sie haben sich bereitwillig vom finanzmarkt abhängig gemacht. natürlich haben sie kein interesse an regularien die evtl. den gewinn mindern. übrigens soll der amerikanische senat mal nicht so große sprüche klopfen. wo immer möglich unterstützen sie die forderungen des kapitals, egal wie menschenverachtend die auswirkungen sind. wenn lebensmittelpreise aufgrund spekulation steigen und leute verhungern ist das eben pech, solange die richtigen hedgefonds-manager eine anständige rendite erwirtschaften. wenn ich lese, dass die hsbc angeblich seit jahren! über die geschäftspartner von den aufsichtsbehörden gewarnt wurde aber jegliche untersuchung ausblieb, dann ist diese ganze senatsuntersuchung einfach lächerlich. natürlich kümmern sie sich einen dreck um regeln, wenn sie wissen, dass keiner schaut ob diese eingehalten werden. aber oh je, dann müßte man ja leute einstellen und man will doch einen schlanken staat...
3. Handelskrieg?
daesh 18.07.2012
Die niederländische Bank hatte vergangenen Monat einer Zahlung von 619 Millionen Dollar an das US-Justizministerium zugestimmt, um den Vorwurf aus der Welt zu schaffen, sie habe US-Sanktionen gegen Iran und Kuba unterlaufen. Umgekehrt lässt die EU ein Kartellverfahren gegen Microsoft laufen. Wie kommt es dass immer Firmen aus dem jeweils anderen Ländern primär bestraft werden?
4. Haltet den Dieb
pragmat 18.07.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Finanzkrise hatte HSBC unbeschadet überstanden. Doch die britische Bank hat sich ihren eigenen Skandal eingebrockt: Sie soll im großen Stil Geldwäsche für mexikanische Drogenbarone und saudische Terrorfinanzierer betrieben haben. Der Vorstandschef bereitet die Mitarbeiter auf weitere Enthüllungen vor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,845158,00.html
Jetzt schreien sie schon wieder in der Londoner Bankenwirtschaft, diesmal auf der Werft. Dabei macht die HSBC doch nur die von den britischen Regierungen sanktionierte Geldpolitik. Aussenminister Hague setzt alles daran, das syrische Regim zu destabilisieren. Dabei ist er nicht zimperlich mit der Wahl der saudi-arabischen "Freunden", die hinter ihm stehen. Der eine oder andere Finanzier von Terrorgruppen dürfte wohl auch darunter sein. Aber Geld stinkt ja nicht, auch nicht nach Leichen.
5. Legalisierter Massenbetrug
de-fakto 18.07.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Finanzkrise hatte HSBC unbeschadet überstanden. Doch die britische Bank hat sich ihren eigenen Skandal eingebrockt: Sie soll im großen Stil Geldwäsche für mexikanische Drogenbarone und saudische Terrorfinanzierer betrieben haben. Der Vorstandschef bereitet die Mitarbeiter auf weitere Enthüllungen vor. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,845158,00.html
Fast täglich ein neuer Bankenskandal, ohne vermisst man schon etwas. Während der Skandal aufgedeckt wird, aus welchen Gründen auch immer, wird mit krimineller Höchstleistung am nächsten gestrickt. Wer Angesichts dieser Tatsachen die Finanzdiktatur noch leugnet gehört entweder zu den Profiteuren oder belügt sich selbst.
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