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Große Depression: Retten kann uns nur noch die Steuerpolitik

Das Geld wird gehortet, die Industrie produziert für die Halde: Amerikas Wirtschaft steckt in der Falle, die Geldpolitik ist am Ende ihrer Möglichkeiten. Damit Deutschland diesem Schicksal entgeht, fordert Thomas Straubhaar, muss die Fiskalpolitik handeln - schnell, stark, sozialverträglich.

Hamburg - Generationen von Studierenden mussten sie auswendig lernen, mussten wissen, welche Situation damit gemeint ist - obwohl sie jahrelang ein abstraktes Gedankenmodell blieb. Gemeint ist die "Liquiditätsfalle" - jene Situation, in der sich eine Volkswirtschaft in einer Rezession befindet, der Leitzins der Zentralbank nahe null liegt und die Geldpolitik ihre Wirkung verloren hat. Immer wurde sie mit dem Namen von John Maynard Keynes und der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre in Verbindung gebracht.

Passanten in der Fifth Avenue in New York: "Verbraucher und Unternehmer wollen nicht heute kaufen, was morgen noch billiger werden könnte"
REUTERS

Passanten in der Fifth Avenue in New York: "Verbraucher und Unternehmer wollen nicht heute kaufen, was morgen noch billiger werden könnte"

Nun aber ist aus der Theorie Praxis geworden: Die amerikanische Wirtschaft ist in einer schweren Rezession, die Notenbank hat am Dienstag den Zinssatz für kurzfristiges Geld auf eine Spanne von null bis 0,25 Prozent gesenkt - und dennoch wird in der realen Wirtschaft wenig passieren. Damit sind alle theoretischen Bedingungen einer Liquiditätsfalle erfüllt.

Wird sich die Geschichte der Großen Depression nach der Weltwirtschaftskrise also wiederholen? Oder zumindest die Erfahrung Japans - das Mitte der neunziger Jahre in die Liquiditätsfalle tappte und in seinem "verlorenen Jahrzehnt" einen hohen Preis in Form einer lang anhaltenden Rezession und hoher Beschäftigungslosigkeit zahlte?

Tatsächlich ist die Liquiditätsfalle dadurch gekennzeichnet, dass die Geldpolitik als Instrument zur Konjunkturbelebung ausfällt: Obwohl die Notenbank mit ihrem niedrigen Zinssatz Kredite nahezu kostenlos macht, will sich niemand zusätzlich verschulden. Konsum und Investitionen verfallen nicht mehr der süßen Verlockung des billigen Geldes - denn Verbraucher und Unternehmer wollen nicht heute kaufen oder investieren, was morgen vielleicht noch billiger werden könnte. Das lässt die Umsätze zurückgehen, es wird auf Halde produziert.

Als Folge wird die Produktion verstärkt gedrosselt, es entstehen neue Überkapazitäten. Die Arbeitslosigkeit beginnt zu steigen, was wiederum den privaten Konsum weiter dämpft. Damit fällt der wichtigste Pfeiler der Konjunktur als Stütze der Binnennachfrage aus - und es kommt zu einer Depressionsspirale nach unten.

Symptomatisch ist, dass in der Liquiditätsfalle Geld gehortet statt ausgegeben wird. Es fließt in die Spekulationskassen statt in Transaktionen. Anleger wollen nicht heute einsteigen, weil sie angesichts der Nullzinsenpolitik auf höhere Zinsen warten. Wer also heute sein Geld in Zinspapiere anlegt, vergibt sich die Chance, später einzusteigen, wenn die Zinsen wieder steigen werden. Also wandert das Geld unters Kopfkissen statt in den Wirtschaftskreislauf.

"Saufen müssen die Pferde selber"

Es trifft deshalb zu, was John Maynard Keynes zu Zeiten der Großen Depression so treffend formulierte: Eine Notenbank kann durch Zinserhöhungen einen Konjunkturaufschwung bremsen - sie kann ihn aber nicht durch Zinssenkungen auslösen. Da braucht es mehr: Nämlich zumindest die Erwartung, dass Preise und damit auch die Zinsen steigen.

Die überraschend starke Zinssenkung in den USA wirkt mit Blick auf die Liquiditätsfalle deshalb eher wie eine Verzweiflungstat. Die Fed hat ihr letztes Pulver verschossen - aber es ist fraglich, ob sie damit dem Kampf gegen die Rezession eine entscheidende Wende gegeben hat. Denn das Problem der US-Wirtschaft ist nicht die mangelnde Liquidität. Das Gegenteil ist der Fall: Die heutigen Probleme der US-Wirtschaft sind die Folge einer überreichlichen Liquidität und eines mangelnden Vertrauens in die Kreditwürdigkeit und die Zukunftsfähigkeit.

Sicher ist, dass die amerikanische Geldpolitik am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt ist. Ihre wichtigste Waffe ist stumpf geworden. Der Leitzins kann 2009 lediglich noch in homöopathischer Dosis von fast null auf null weiter gesenkt werden. Jetzt bleiben der Fed lediglich noch unübliche geldpolitische Maßnahmen: Die Notenbank kann Wertschriften oder Staatsanleihen aufkaufen.

Keynes: Arbeitslose Löcher schaufeln lassen

Das zeigt: In einem durch Rezession, Deflation und einem pessimistischen Umfeld gekennzeichneten Umfeld stößt die Geldpolitik an ihre Grenzen. Alles was sie noch tun kann ist, Inflationserwartungen zu erzeugen.

Keynes selber hatte einen anderen Vorschlag. Er setzte statt der Geldpolitik auf die Fiskalpolitik - und formulierte das in seinem berühmt gewordenen Beispiel: Es wäre sinnvoll, der Staat würde Arbeitslose Löcher ausschaufeln lassen, die dann von anderen Arbeitslosen wieder zugeschüttet würden. Hauptsache sei, dass neue Einkommen entstünden, die dann für den Konsum ausgegeben und den makroökonomischen Kreislauf antreiben würden.

So weit muss es ja nicht kommen. Sicher gibt es klügere Möglichkeiten, den privaten Konsum anzuregen. Aber es zeigt deutlich, wie wichtig ein rasch wirkendes Konjunkturprogramm zur Stimulierung des privaten Konsums jetzt wäre. Das gilt auch für Deutschland.

Natürlich gibt viele gute Argumente, auf hektische Schnellschüsse zu verzichten. Tatsächlich findet die Konjunktur in normalen Zeiten ohne große staatliche Hilfe wieder auf die Bahn nach oben zurück. Aber eine Liquiditätsfalle folgt keinem gewöhnlichen Muster. Es gilt, Erwartungen rasch und nachhaltig zu verändern. Es muss gelingen, bei Verbrauchern und Investoren den Eindruck zu erwecken, dass Preise und Zinsen bald steigen werden und deshalb nun die letzte Möglichkeit bestehe, Schnäppchen zu jagen, günstig einzukaufen und sich billig verschulden zu können.

Fiskalpolitik mit dem Triple-S

Für diesen Sinneswandel aber fällt die Geldpolitik aus, das kann nur noch die Fiskalpolitik schaffen: Sie muss den privaten Konsum rasch und stark stimulieren. Ob das nun über Konsumschecks mit Verfalldatum, Steuerrückerstattungen, Abschreibungserleichterungen oder Investitionshilfen geschieht, ist letztlich nachrangig. Ein gut geschnürtes Paket mit verschiedenen sozial- und verteilungspolitischen Maßnahmen könnte dem Rechnung tragen.

Vorrangig bleibt aber vor allem, dass die Lösung dem Triple-S folgt: schnell, stark, sozialverträglich. Dann bestehen gute Chancen, dass sich Geschichte nicht wiederholt und Deutschland der Liquiditätsfalle entfliehen kann - und anders als in der Weltwirtschaftskrise des vergangenen Jahrhunderts und anders als Japan in den 1990er Jahren von einer langen und tiefen Depression verschont bleibt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Problem erkannt
pvst 21.12.2008
Schön das endlich mal benannt wird wo das eigentliche Problem liegt: In der Zurückhaltbarkeit von Liquidität (Geld). Während sich Waren, Maschinen und Menschen am Markt anbieten MÜSSEN, um nicht zu verhungern, zu veralten und Lagerkosten zu erzeugen kann Geld einfach warten. Aber statt wie im Artikel beschrieben rumzumurksen, wäre es viel einfacher unser Geld zu ändern: Es muss nur seinen Liquiditätsvorteil verlieren, es muss sich anbieten müssen. Statt über Zinsen, die eigentlich eine Geldfreigabeprämie darstellen, kann man Geld auch mit einer "Standgebühr" versehen. Dann kostet das horten von Liquidität Geld, statt welches zu erbringen. Darüber ist bereits sehr viel geschrieben und auch ausprobiert worden. Mehr unter: www.geldreform.de, mit Hintergrundinfromationen, Links und kompletten Büchern zum Thema zum runterladen. Viel Spass beim lesen.
2. Schnell, stark, sozialverträglich klappt nur wenn es intelligent gemacht wird!
Frank.W, 21.12.2008
Wenn schnell, stark, sozialverträglich nur dazu genützt wird um Geld im Giesskannenprinzip auszuschütten OHNE strukturelle Reformen damit zu verbinden dann ist das UNVERANWORTLICH!!! Und nur ein geistloses Wahlkampfgeschenk für die Bundestagswahl! Diese Krise muß zum Anlaß genommen werden die gesamt Finanzierung des Staates und der Sozialsysteme schnell und tiefgreifen und OHNE Bewahrung alter Dogmen neu zu erfinden! Das 1.523-Herumdoktern an dem alten System mit seinen hunderten von KV`s und tausenden von Lobbystrukturen MACHT KEINEN SINN! Alles neu macht die Krise! Auf - Auf - jetzt ist es an der Zeit mutig zu sein!!!
3. Da sträuben sich einem die Haare
gutmensch666, 21.12.2008
Nun - ungewohnt für den Neolib-Vordenker Straubhaar ist es, dass er auch den Nicht-Reichen Senkungen gönnt. Aber seine These von der "Konsumzurückhaltung" ist schlicht und ergreifend Mumpitz der Marke greinendes Kindegebrabbel, wie die auseinandergehende Schere zwischen Reich und Arm eindrucksvoll belegt. Dank der neoliberalen Religion, unter anderem durch Priester vom Schlage eines Straubhaar unterstützt,haben wir eine Kapitalakkumulation nie gekannten Ausmasses. Die Masse hat schlicht und ergreifend kein Geld mehr zum konsumieren. Tragikomisch ist die Neolibkreischerei, wenn ihre Felle wegschwimmen. Mittels Neolibgekreische versuchen sie jetzt abzugreifen, was noch abzugreifen ist. Eklig.
4. Retten kann uns nur noch die Steuerpolitik
reinhard knoppka 21.12.2008
Interessanter Artikel. Ich verstehe nicht viel davon. Aber bei dem "berühmten" Beispiel: "Es wäre sinnvoll, der Staat würde Arbeitslose Löcher ausschaufeln lassen, die dann von anderen Arbeitslosen wieder zugeschüttet würden. Hauptsache sei, dass neue Einkommen entstünden, die dann für den Konsum ausgegeben und den makroökonomischen Kreislauf antreiben würden" habe ich mich doch gewundert. Es hat mich spontan an Hitlers berüchtigte Autoahnen erinnert - pardon, wenn der Vergleich hinkt, aber ich empfinde es so. Meiner Meinung nach gibt es sehr wohl viele Betätigungsfelder, die unterbesetzt sind: so braucht man also gar nicht zum Erbsenzählen à la Klapsmühle greifen, so absurde Beschäftigungen also wie Löcher auf- und zuschaufeln. Beispiel? Krankenhäuser, Pflege: da herrschen schreiende Zustände. Ich bin in der Branche beschäftigt und kenne mich dort aus. Also statt Schwachsinnsbeschäftigungen sinnvolle, die gleichwohl das Konto eines Arbeitslosen füllen und zum Konsum ermuntern. Mehr noch: bessere Bezahlung der Unterbezahlten, also her mit dem Mindestlohn! Dann braucht man nicht alles seinem Vermieter in den Rachen zu werfen, sondern kann sich auch mal was Gutes gönnen - mithin der Wirtschaft auch.
5. Ein bisschen Vernunft würde ja schon reichen
caillebotte, 21.12.2008
Zitat von sysopDas Geld wird gehortet, die Industrie produziert für die Halde: Amerikas Wirtschaft steckt in der Falle, die Geldpolitik ist am Ende ihrer Möglichkeiten. Damit Deutschland diesem Schicksal entgeht, fordert Thomas Straubhaar, muss die Fiskalpolitik handeln - schnell, stark, sozialverträglich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,597224,00.html
bei all' dem Denken im großen bleiben die kleinen Sachen unbeachtet. Mir würde ja schon mal folgendes reichen .. # keinen blödsinnigen Gesundheitsfonds schaffen - wir reden hier über 0,4% Schrumpfung (bisher - nicht weiter verifiziert) und jeder Arbeitnehmer verliert mal eben 1% seine Einkommens mit dem Gesundheitsfonds für eine völlig schwachsinnige Übung # Rücknahme der Merkelsteuererhöhung: Der Staat hat damit 30 Milliarden Konsumkraft konfisziert - und überweist das Geld mit dem Umweg über die KfW und HRE an Betrüger an der Wall Street (ja ja - die kaufen dann auch bestimmt einen klimaschädlichen X5 dafür) - aber das meiste Geld ist schlicht weg # Schluss mit dem Schwachsinn, dass man heute Büroartikel für 150 Euro auf 5 Jahre abschreiben muss - ich kaufe halt dann nur noch das nötigste (siehe Regelungen zu GWGs) # und bitte ein Steuersystem, bei dem auch nur ein Steuerberater noch die Chance hat durchzublicken. Oder anders gesagt - zum Beispiel bei der Besteurung von Altersversorgung blicken auch selbst gut Steuerberater nicht mehr durch: Also bitte keine hochkomplexen Schwachsinnsgesetze mehr Wenn alle diese Hausaufgaben gemacht sind, können wir meinetwegen über Konjunkturprogramme reden. Es es wäre wirklich super, wenn Frau Dr. Merkel mal mit den ganz ganz banalen Hausaufgaben anfangen würde, statt ihre Bürger in einem sozialistsischen KleinstKleinstKrieg mit Regelungswut, Bürokratiewahnsin und verfassungswidriger Besteuerung zu erwürgen.
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