Massentierhaltung Schweine-Barone setzen Tierschutzgesetze nicht um

Dauerbeleuchtung im Stall, eingepferchte Muttersauen, Tötung schwacher Ferkel kurz nach der Geburt: Neue, heimlich gedrehte Filmaufnahmen einer Tierschutzorganisation legen nahe, dass manche Großbetriebe in Deutschland selbst die Mindestbedingungen der Schweinehaltung missachten.

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ARIWA

Hamburg - Massentierhaltung hat nichts mit dem idyllischen Bild zu tun, das Lebensmittelkonzerne in ihrer Werbung gerne zeichnen. Das haben viele Menschen inzwischen als Tatsache akzeptiert. Zur Wirklichkeit gehört aber auch, dass sich viele Fleischproduzenten nicht einmal an die von der EU vorgeschriebenen Mindestbedingungen halten. Vor allem bei den rund 28 Millionen Schweinen in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE liegen Fotos und Filmaufnahmen vor, die der Tierrechtsgruppe Animal Rights Watch (ARIWA) zugespielt wurden. Sie sollen belegen, dass zumindest einige Großbetriebe weiterhin gegen die Vorschriften der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung (TierSchNutztV) verstoßen. Die Aktivisten haben heimlich in Schweinezuchtanlagen in Sachsen, Thüringen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gefilmt und fotografiert.

Bemerkenswert sind vor allem Aufnahmen aus deutschen Anlagen der größten ausländischen Agrarunternehmer: den Niederländern Harry van Gennip und Adrian Straathof sowie den dänischen Brüdern Per und Aksel Kirketerp.

Van Gennips Firma hält in Sandbeiendorf in Sachsen-Anhalt rund 62.000 Schweine, es ist eine der größten Anlagen Deutschlands. ARIWA hat Aufnahmen vorgelegt, die Tierrechtsaktivisten im Juni und Juli dieses Jahres in van Gennips Anlage gemacht haben. Die Fotos und Videos dokumentieren, dass dort offenbar gegen mehrere Vorschriften verstoßen wird:

  • Die sogenannten "Kastenstände", in denen die Schweine gehalten werden, müssen mindestens zwei Meter lang und 70 Zentimeter breit sein. Bei van Gennip und in anderen Betrieben haben die Aktivisten solche Gitterkäfige gefunden und gefilmt, die deutlich zu schmal und teilweise zu kurz sind.
  • Die Tiere haben kein "Beschäftigungsmaterial", also Ketten oder ähnliches Spielzeug, obwohl die Verordnung das vorschreibt.
  • Die Verordnung regelt auch das Licht, das dem Tagesrhythmus der Schweine angeglichen werden soll - in den Aufnahmen brennen auch nachts helle Lampen.

Damit verstößt van Gennips Firma gegen Regeln, die größtenteils schon seit 2006 gelten - aber mit großzügigen Übergangsfristen für den Umbau der Ställe, die erst Ende 2012 ausliefen.

2012 von 4251 Betrieben in Sachsen-Anhalt 262 kontrolliert

Die Vorgaben - von Schweinehaltern als "Zollstock-Tierschutz" geschmäht - haben allerdings einen unerwünschten Effekt: Der Komplettumbau ist so teuer, dass gerade kleine Betriebe kapituliert haben: Jeder fünfte Halter mit weniger als 100 Sauen hat seit Jahresbeginn 2013 aufgegeben. Der Zentralverband der Deutschen Schweineproduktion (ZDS) geht davon aus, dass sich alle Sauenhalter an die neuen Regeln halten, dem Bundeslandwirtschaftsministerium zufolge erfüllen nun exakt 99,2 Prozent der Halter die neuen Vorgaben, ähnliche Zahlen geben die zuständigen Landesbehörden auf Anfrage heraus. Allerdings zeigt die Antwort aus Magdeburg, dass die Kontrollen nur Stichproben sind: "Im Jahr 2012 wurden in Sachsen-Anhalt von den 4251 kontrollpflichtigen Schweine haltenden Betrieben insgesamt 262 Betriebe kontrolliert."

Die Aufnahmen lassen vermuten, dass viele durch das Raster fallen: So scheint der Niederländer van Gennip offenbar seinen Betrieb in Sandbeiendorf zumindest nicht vollständig umgebaut zu haben. Ähnlich sieht es bei dem als "Schweine-Baron" bundesweit bekannt gewordenen Adrian Straathof aus. Aufnahmen in seiner Anlage mit rund zehntausend Schweinen in Thierbach (Pausa) in Sachsen dokumentieren ähnliche Verstöße wie bei van Gennip. Straathof hat bereits Ärger mit den Behörden: Der Konzern musste schon fast 600.000 Euro Buß- und Zwangsgelder zahlen, weitere 1,2 Millionen Euro sind verhängt, aber entweder noch nicht gezahlt, oder eine Gerichtsentscheidung steht noch aus.

Verstoß gegen Gruppenhaltung von trächtigen Sauen

Auch die Dänen Per und Aksel Kirketerp machen seit Jahren in Deutschland Geschäfte. Auf dem Gut Thiemendorf in Thüringen züchten sie rund achttausend Schweine. Auf der Website sind Fotos von großzügigen, allerdings leeren Ställen zu sehen, von glücklichen Schweinen auf Stroh und süßen Ferkeln. Die Filmaufnahmen der Aktivisten zeigen dagegen auch die Muttersau: die hat in ihrem Kastenstand keinen Platz auch nur aufzustehen oder sich auszustrecken, was gegen die Vorschriften verstößt.

Gravierender ist ARIWA zufolge allerdings etwas anderes: Eigentlich müssen die trächtigen Sauen spätestens vier Wochen nach der Befruchtung und bis eine Woche vor dem Geburtstermin in einer Gruppe gehalten werden. "Die zumindest teilweise Gruppenhaltung ist ein Kernpunkt der geänderten Tierhaltungsverordnung", sagt ARIWA-Sprecher Erasmus Müller. "Warum schafft ein Land wie Deutschland, das sich als Vorreiter in Sachen Tierschutz sieht, Kastenstände nicht einfach ganz ab, wie es die Schweiz und Schweden schon vor Jahrzehnten getan haben?"

Schwächste Ferkel werden kurz nach der Geburt erschlagen

Die SPIEGEL ONLINE vorliegenden Dokumente legen nahe, dass wenigstens einige große Schweinehalter sich häufig nicht an die Regeln halten und ihre trächtigen Sauen bis kurz vor dem Abferkeltermin in Kastenständen halten. Kontrolleure können das kaum aufdecken, denn die Abtrennungen können häufig einfach zur Seite geklappt werden. In wenigen Minuten wird so aus einer Reihe von engen Kastenständen eine großzügige Gruppenbucht, die nach der Überprüfung wieder unterteilt werden kann.

Die sogenannten Sauenkarten, die in dem Betrieb Gut Thiemendorf fotografiert worden sein sollen, zeigen nicht nur, dass die Tiere ihren Kastenstand kaum verlassen, sondern auch eine zynische Nebenwirkung der Hochleistungszucht: Die Sauen werfen bis zu 20 Ferkel, obwohl sie nur 14 bis 16 Zitzen haben - die schwächsten Ferkel werden deshalb schon kurz nach der Geburt erschlagen.

Von den Unternehmen antwortete auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage nur der Rechtsanwalt der Straathof Holding GmbH: Das Licht werde den Vorschriften entsprechend geregelt, teilt die Kanzlei mit, und die Kastenstände entsprächen den gesetzlichen Anforderungen. Die amtliche Kontrolle, die im August stattgefunden habe, habe keine Beanstandung ergeben.

Die Hoffnung der Tierrechtler ruht jetzt auf der EU: Die hatte Deutschland wegen der schleppenden Umstellung der schärferen Tierschutzbestimmungen schon Anfang des Jahres mit einem Vertragsverletzungverfahren gedroht. Sollte das passieren, wäre die große Koalition schon bei ihrem Antritt blamiert, hat sie sich im Koalitionsvertrag doch dazu verpflichtet "EU-weit einheitliche und höhere Tierschutzstandards" durchzusetzen.

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herr_kleint 28.11.2013
1.
Wieso wird Tierquälerei nicht hart verfolgt und bestraft?
Timm22 28.11.2013
2. Der Mensch
hat es echt nicht verdient glücklich zu sein, wenn er mit anderem Leben so umgeht nur weil er es kann...
dschmi 28.11.2013
3. Abscheu...
Und nein ich bin kein naiver gutmensch oder Vegetarier. War schon bei mehreren Schlachtungen dabei und esse gern Fleisch ;-) Nur das was zur zeit in Sachen Fleischproduktion abläuft... Da empfinde ich nur noch Hass und Abscheu, egal ob gegenüber den Produzenten und den Konsumenten... Wo ist da das Problem für 1 Kilo Fleisch mehr als 2.99€ zu bezahlen... Vielen Konsumenten würde mal 1 Monat Schlachthof arbeiten zu müssen ganz gut tun dann wären einige bereit mehr für Fleisch zu zahlen und die Produzenten wären gezwungen artgerecht die Tiere zu halten. Es geht hier einfach um Respekt vor einem anderen Lebewesen was sein Leben lässt das wir alle ein Steak Schnitzel oder sonst was genießen können...
Klebestift 28.11.2013
4. optional
Ich kenne die Zeit noch, wo man eben nicht jeden Tag sein Schnitzel auf den Tisch brauchte, weil es teurer war und auch etwas besonderes. Tja, die Zeiten sind vorbei! Fleisch ist billig...und anstelle sich lieber mal nur ein Schnitzel vom Biobauern zu gönnen,(jaja, ich weiß, was jetzt kommt...die betrügen alle) muss immer mehr und immer billiger produziert werden. Danke ich verzichte!
juttakristina 28.11.2013
5. Buß- und Zwangsgelder
bringen leider nichts! Da müssen mehrjährige Haftstrafen über zwei Jahre her, damit die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden können! Es wäre nur gerecht, wenn sie dann diese Haftzeit unter adäquaten Umständen wie die von ihnen gehaltenen Schweine verbringen müssten. Leider verstößt das dann aber gegen die Menschenrechte...
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