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Große Vergleichstabelle: Teures Trinkwasser - Verbraucher zahlen Hunderte Euro zu viel

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Abzocke beim Leitungswasser: Bundesweit gibt es 6700 Wasserwerke - und Preisunterschiede von mehr als 300 Prozent. SPIEGEL ONLINE zeigt, was Kunden in den großen Städten zahlen müssen.

Hamburg - Ohne Wasser kein Leben: Dank dieser einfachen Weisheit lässt sich Tag für Tag viel Geld verdienen. Zehn Milliarden Liter verkaufen die deutschen Wasserwerke täglich - ein gigantisches Geschäft. Manche Unternehmen greifen ihren Kunden dabei besonders tief in die Tasche. Das belegt die große SPIEGEL-ONLINE-Preistabelle, die erstmals die Wasserpreise in deutschen Städten ab 100.000 Einwohner vergleicht.

Leitungswasser: Ein natürliches Monopol
AP

Leitungswasser: Ein natürliches Monopol

Eine ähnliche Tabelle gab es bisher nicht. Wissenschaftler und Verbraucherschützer hatten zwar schon immer den Verdacht, dass mit den Wasserpreisen etwas nicht stimmt. Aussagekräftiges Vergleichsmaterial stand ihnen aber nicht zur Verfügung. Der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft vermied es tunlichst, eine bundesweite Preistabelle zu erstellen - unangenehme Diskussionen kamen so erst gar nicht auf.

Die SPIEGEL-ONLINE-Zahlen zeigen: Bürger in Essen müssen am tiefsten in die Tasche greifen. Bei einem durchschnittlichen Wasserverbrauch von 125 Litern pro Tag zahlt ein Ein-Personen-Haushalt 256 Euro im Jahr. Im nahe gelegenen Bochum kostet die gleiche Menge Wasser nur die Hälfte.

Im Durchschnitt aller untersuchten Städte beträgt die jährliche Wasserrechnung eines Ein-Personen-Haushalts 151 Euro. Dabei gibt es jedoch große Unterschiede zwischen den Regionen. Besonders viel kostet Wasser in Ostdeutschland und in Nordrhein-Westfalen. Im Norden und Süden ist es vergleichweise billig.

Insgesamt müssen die Essener 340 Prozent von dem bezahlen, was die Bürger in Augsburg zahlen - dort ist Wasser im Bundesvergleich am Günstigsten. In Essen kommt ein Haushalt mit einer Person dadurch auf Mehrkosten von 180 Euro im Jahr, bei zwei Personen beträgt die Differenz sogar 225 Euro. Zu den teuersten Anbietern gehören auch die Stadtwerke in Jena, Zwickau und Rostock. Günstig ist Wasser dagegen in Regensburg, Ingolstadt, Kaiserslautern und Oldenburg.

Je größer ein Unternehmen ist, desto dreister ist seine Preispolitik. Gelsenwasser zum Beispiel rühmt sich als "international operierender Dienstleister" und als "eines der größten Trinkwasserversorgungsunternehmen Deutschlands". Das Liefergebiet des Konzerns hat davon allerdings nicht viel: Gelsenkirchen und Recklinghausen gehören zu den teuersten Städten der Tabelle.

Zum Teil gibt es für die Preisunterschiede nachvollziehbare Gründe. So haben die ostdeutschen Wasserwerke nach der Wiedervereinigung hohe Investitionen getätigt, die nun abbezahlt werden müssen. Andere Gegenden wiederum haben einen natürlichen Nachteil: In ihnen ist es schwieriger als andernorts, Wasser zu gewinnen. "In Hessen ist der Boden poröser als in Bayern", erklärt ein Sprecher des Branchenverbandes BGW. Dadurch werde die Wasserförderung teurer.

Doch das allein reicht kaum, um die enormen Differenzen zu erklären. Wissenschaftler haben deshalb einen Verdacht: Der mangelnde Wettbewerb verleite die meist kommunalen Unternehmen dazu, abzukassieren. "Die Wasserversorgung ist für viele Städte eine wichtige Einnahmequelle", sagt Hubertus Bardt vom marktliberalen Institut der deutschen Wirtschaft. "Oft wird über diesen Umweg der öffentliche Nahverkehr finanziert."

Möglich macht das die Monopolstellung der Wasserwerke. Denn in ihrem jeweiligen Gebiet sind sie unangefochten die Platzhirsche; die Verbraucher können nicht zu anderen Anbietern wechseln. Ämter und Behörden sind zwar gehalten, die Preise der Wasserwerke zu kontrollieren. Das Problem dabei ist jedoch das sogenannte Kostendeckungsprinzip: Demnach dürfen die Unternehmen alle ihre Kosten plus einen gewissen Gewinn zusammenrechnen, und daraus ergibt sich dann der Wasserpreis. "Es gibt keinen Anreiz, die Kosten zu senken", konstatiert Bardt nüchtern.

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