Großer Bahnstreik Lokführer legen Arbeit nieder - jeder zweite Regionalzug fällt aus

Seit dem frühen Morgen streiken Lokführer in ganz Deutschland. Auch eine Annäherung bei einem Spitzengespräch zwischen Bahnchef Mehdorn und Gewerkschaftschef Schell konnte den Arbeitskampf nicht mehr verhindern. Überall im Bundesgebiet kommt es zu massiven Behinderungen.


Frankfurt am Main – Ausnahmezustand schon in den frühen Morgenstunden: In Berlin ist der Zugverkehr weitgehend lahm gelegt. Zahlreiche S-Bahnen in die Außenbezirke fahren einem Sprecher zufolge gar nicht mehr, auf dem Ring "komme alle halbe Stunde mal ein Zug". Im Regionalverkehr gebe es ebenfalls erhebliche Ausfälle. Am Münchner Hauptbahnhof "steht alles still", sagte ein GDL-Sprecher, nur die S-Bahn fahre "sporadisch". Im Rest Deutschlands sieht es vielerorts nicht viel besser aus. In einzelnen Regionen sind der Bahn zufolge bis zu 50 Prozent der Züge ausgefallen - in manchen Gebieten allerdings nur 10 bis 20 Prozent.

Lokführerin beim letzten Streik: Bis Mitternacht wird durchgestreikt
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Lokführerin beim letzten Streik: Bis Mitternacht wird durchgestreikt

Einen Notfahrplan gibt es diesmal nicht, dazu war die Vorbereitungszeit für den Streik der Bahn zufolge zu kurz. Das Unternehmen muss deshalb improvisieren - und Bahn-Pendler und -Reisende müssen sich auf erhebliche Behinderungen einstellen, den ganzen Tag über. Bis Mitternacht soll durchgestreikt werden.

Betroffen sind der Nahverkehr und die Hamburger und Berliner S-Bahnen. Trotz des Arbeitskampfes werden allerdings einige Züge fahren, weil nicht alle Lokführer zur GDL gehören und die verbeamteten Kollegen nicht streiken dürfen. Die Bahn will Reisende unter der Nummer 08000-996633 und im Internet unter bahn.de/aktuell informieren. Der Konzern will auch hundert Busse bereitstellen und in den Call-Centern alle verfügbaren Mitarbeiter einsetzten. Die Berliner S-Bahn wolle eine "Grundversorgung sicherstellen", sagte ein Sprecher. Auf vielen Strecken werde sie aber nur im 20-Minutentakt fahren.

Viele Reisende haben sich offenbar gut auf den Arbeitskampf vorbereitet und nutzen andere Verkehrsmittel - die Bahnhöfe in Berlin und Köln waren am frühen Morgen auffällig leer. Zum Streik aufgerufen sind neben den Lokführern Zugbegleiter, Mitarbeiter der Bordgastronomie sowie Team- und Gruppenleiter und Disponenten. Den Güter- und Fernverkehr dürfen die Lokführer zwar nach einem Gerichtsbeschluss nicht bestreiken, stehende Nahverkehrszüge könnten jedoch auch ICE- und IC-Züge blockieren, warnt die Bahn. Die GDL betont, sie wolle alles tun, um Auswirkungen auf den Fernverkehr gemäß dem Gerichtsurteil zu verhindern. Allerdings könne man zum Beispiel nicht ausschließen, dass Fahrpersonal der Fernzüge wegen des Streiks nicht zum Dienst antreten kann, sagte ein Gewerkschaftssprecher.

Bahn will neues Angebot vorlegen

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Der Streik soll Drohgebärde sein: Er findet statt, obwohl es gestern bei einem Gespräch von Bahnchef Hartmut Mehdorn und GDL-Chef Manfred Schell mit dem Präsidium des Aufsichtsrats zu einer ersten Annäherung in dem festgefahrenen Konflikt gekommen ist. "Der Vorstand der Bahn AG wird am Montag ein neues Angebot vorlegen", sagte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn nach dem rund dreieinhalbstündigen Gespräch. Zum Inhalt des Angebots wollte er sich nicht äußern. Offen ließ er auch, ob die Offerte einen eigenen Tarifvertrag für Lokführer und Fahrpersonal vorsieht, wie von der GDL gefordert.

GDL-Chef Schell zeigte sich allerdings skeptisch, ob durch das neue Angebot der Weg zu weiteren Verhandlungen frei gemacht werde. "Das Ergebnis des Gesprächs ist eine Grundlage, aber ob sie tragbar ist, zeigt sich erst, wenn das Angebot des Arbeitgebers vorliegt", sagte Schell nach dem Treffen. Es habe Einigkeit bestanden, dass bis zum 31. Oktober eine Lösung gefunden werden müsse. Wenn das neue Bahn-Angebot akzeptabel sei, werde die GDL bis dahin zu keinen weiteren Streiks aufrufen. Auch Mehdorn betonte, er gehe davon aus, dass mit dem neuen Angebot bis Monatsende Friedenspflicht herrsche.

Derweil geht auch der Rechtsstreit zwischen den Tarifparteien weiter. Die GDL reichte gestern vor dem Arbeitsgericht Berlin einen Antrag auf einstweilige Verfügung gegen die Bahn ein, um zu verhindern, dass das Unternehmen die Streikenden "mit fingierten Notdienstvereinbarungen" unter Druck setzt.

Sollten die Lokführer ihr Ziel erreichen und den Regionalverkehr heute tatsächlich den ganzen Tag über komplett lahm legen, wird das nicht nur für die Bahn teuer. Nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) könnte der Streik die deutsche Volkswirtschaft pro Tag bis zu 25 Millionen Euro kosten, bei der Bahn allein sieben Millionen Euro. Der Berechnung liegt die Annahme zugrunde, dass gut eine Million Fahrgäste am Tag von dem Arbeitskampf betroffen sind, wie das Institut mitteilte. Laut DIW befördert die Bahn an normalen Tagen durchschnittlich fünf Millionen Fahrgäste, davon 4,6 Millionen im Nahverkehr.

Zum materiellen Schaden eines Streiks kommt aus Sicht des DIW ein Imageschaden. Durch den Lokführerstreik werde die Bahn unattraktiv für zukünftige Investoren, damit könne der Börsengang in Gefahr geraten. Wichtig sei daher eine schnelle Einigung, zur Not auch mit Hilfe der Bundesregierung.

ase/AP/dpa-AFX/dpa/ddp



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