Großer Lokführerstreik Menschenleere Bahnsteige, Chaos auf den Straßen

Im Nahverkehr fällt jeder zweite Zug aus, doch die Bahn-Kunden haben sich auf den Streik der Lokfahrer eingestellt. Das befürchtete Chaos wurde auf die Straßen verlagert, der ADAC meldet massive Staus.


Hamburg – Der Streik der Lokführer wirkt sich besonders in den Großstädten aus: In München ist die S-Bahn mit Ausnahme der Flughafenlinie komplett ausgefallen. Bei der Frankfurter S-Bahn bemühte man sich, wenigstens den Betrieb im Einstundentakt zu bekommen. In Berlin fahren die S-Bahnen etwa alle 20 Minuten.

Auch im Regionalverkehr fielen zahlreiche Züge aus. Die Bahn spricht von bis zu 50 Prozent – auch wenn sich die Situation je nach Gebiet sehr unterschiedlich darstellt. In Gebieten, in denen die Lokführer stark organisiert sind, scheint die Situation aber noch gravierender. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen dreht sich laut GDL "kein Bahnrad mehr".

Das befürchtete Chaos an den Bahnhöfen verlagerte sich auf die Straße. Während die Bahnsteige wie leergefegt waren, kam es vor allem rund um die Großstädte zu massiven Staus. Besonders schlimm sei es im Ruhrgebiet sowie in Hamburg, München und Stuttgart, teilte der ADAC mit. Die Lage sei auch deshalb schwierig, weil in Berlin, Brandenburg, Hamburg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen gerade die Ferien anfangen. Nur rund um Berlin blieb die Situation auch auf den Straßen relativ entspannt. Der Zug-Fernverkehr war bislang von den Streiks laut Bahn nicht betroffen - das Chemnitzer Arbeitsgericht hat Ausstände im Fern- und Güterverkehr verboten.

Bahn-Vorstand Hartmut Mehdorn hatte gestern ein neues Angebot an die Lokführer angekündigt: Bei einem Gespräch mit GDL-Chef Manfred Schell und dem Präsidium des Aufsichtsrats wurden neue Verhandlungen zwischen den Streitparteien vereinbart. Trotzden wurde der Ausstand nicht abgesagt.

"Das Ganze ist ein fauler Kompromiss"

Ihre Erfahrungen
Getty Images
Ihre Erfahrungen im Bahn-Streik: absurde Szenen am Bahnhof? Drastische Verspätungen? Bizarre Begebenheiten in Ihrem Zug? Schicken Sie Ihre Streikerlebnisse per Mail an bahnstreik@spiegel.de.
Er habe "bis zur letzten Minute gehofft", dass die Streiks nun doch noch abgesagt würden, sagte Bahn-Vorstand Karl-Friedrich Rausch heute Morgen im ZDF. Das wäre durchaus möglich gewesen. "Ich glaube, die GDL will das Chaos bewusst in Kauf nehmen." GDL-Vize Claus Weselsky konterte, man hätte die Streiks abgesagt, wenn die Bahn am Abend ein Angebot vorgelegt hätte. Das soll aber erst am Montag kommen. Allerdings meldet die "Bild"-Zeitung heute: Der Konzern wolle sein Angebot einer Lohnerhöhung von zehn Prozent nicht nachbessern. "Das ganze ist ein fauler Kompromiss", zitiert das Blatt einen nicht näher benannten Insider. Ein Bahnsprecher wollte das nicht kommentieren. Derzeit werde noch an dem Angebot für Montag gearbeitet.

Der Konzern will nach bisherigem Stand die 4,5-prozentige Lohnerhöhung zugestehen, die bereits mit der Tarifgemeinschaft aus Transnet und GDBL vereinbart wurde. Darüber hinaus will man den Lokführern ermöglichen, zweieinhalb Stunden mehr pro Woche zu arbeiten und dafür fünf Prozent mehr Gehalt plus 0,5 Prozent Zuschlag zahlen. Die GDL fordert aber eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 41 auf 40 Stunden und Gehaltserhöhungen von bis zu 31 Prozent. Vize-Chef Weselsky hatte allerdings schon angekündigt, dass man notfalls unter 20 Prozent gehen werde. Auf das bisherige Angebot der Bahn will man aber auf keinen Fall eingehen. Vor allem geht es der Gewerkschaft um einen eigenen Tarifvertrag.

Transnet-Chef Norbert Hansen sagte, über das Spitzentreffen gestern Abend: Der Konzern habe sehr deutlich gemacht, dass es weitere Einkommensverbesserungen geben könnte, "nicht nur für die Lokführer, sondern auch für die übrigen Beschäftigten". Hansen war ebenfalls bei den Gesprächen dabei. Offenbar gehe es der GDL aber nicht im Kern um die materielle Situation der Beschäftigten, so der Chef der GDL-Konkurrenzgewerkschaft, "sondern um einen Tarifvertrag, der grundsätzlich anders sein und sich künftig grundsätzlich deutlich über unserem bewegen muss".

ase/dpa/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.