Großprojekt Siemens hofft auf den Russen-ICE

Seit sich China für den Shinkansen entschieden hat und gegen den ICE, setzt Siemens umso größere Hoffnungen auf Russland. Noch in diesem Monat könnte dort der Vertrag für üppig dimensioniertes Gemeinschaftsprojekt unterschrieben werden. In dem Riesenland mit seinen Uralt-Eisenbahnen ist der Bedarf an modernen Zügen immens.

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ICE 3: In Moskau und München wird an Plänen für einen russischen Schnellzug auf Siemens-Technologie gefeilt. Er soll etwas langsamer fahren als ein deutscher ICE
DDP

ICE 3: In Moskau und München wird an Plänen für einen russischen Schnellzug auf Siemens-Technologie gefeilt. Er soll etwas langsamer fahren als ein deutscher ICE

München/Moskau - Noch ist nichts spruchreif, aber die Verhandlungen laufen. Ein Sprecher des Siemens-Bereichs Transportation bestätigte am Freitag, dass der Konzern weiter mit der staatlichen russischen Eisenbahngesellschaft RZD spricht.

Beide Seiten wollen ein Gemeinschaftsunternehmen gründen, das Hochgeschwindigkeitszüge herstellen soll. Wann die Gespräche beendet werden könnten, wie viele Züge produziert werden sollen und zu welchem Preis - dazu will Siemens offiziell keine Stellungnahme abgeben. Noch nicht. Russische Medien hatten zuvor berichtet, ein Vertragsabschluss sei bis zum Jahresende zu erwarten. Diese Medien beriefen sich auf nicht näher bezeichnete Quellen in der russischen Eisenbahngesellschaft.

Bereits Anfang November hatte die Agentur Itar Tass über die Gespräche berichtet. Die Siemens-Manager Edward Krubasik und Rudi Lamprecht hatten damals in München eine erste Vereinbarung mit dem Präsidenten von RZD, Genadij Fadejew, unterzeichnet. Laut Itar Tass soll das Unternehmen auf Basis der Siemens-Technologie Hochgeschwindigkeitszüge für den russischen Markt entwickeln.

Strecke Helsinki-Moskau als Markt

Der Bedarf wird laut Itar Tass auf rund 150 Züge geschätzt - mindestens. Der erste Zug könne 2007 produziert werden und mit maximal 230 Kilometer pro Stunde verkehren. Damit läge das Tempo unter der Höchstgeschwindigkeit eines ICE 3, der auf bis zu 300 Kilometer pro Stunde kommen kann. Die Siemens-Technologie müsste für die russische Spurweite adaptiert werden.

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Als attraktive Einsatzorte gelten vor allem die Strecken im europäischen Teil Russlands. Darunter könnten die Verbindungen Moskau-Petersburg und Petersburg-Helsinki sein. Die Strecke von Moskau über Petersburg nach Finnland soll nach früheren Angaben Fadejews bereits 2008 fertig sein. Auch Strecken von der russischen Hauptstadt nach Rostow am Don oder nach Nishnij Nowgorod könnten mit den neuen Schnellzügen verbunden werden.

Im August hatte Siemens auf dem chinesischen Markt eine Schlappe hinnehmen müssen. Damals war ein Milliardenauftrag für die Modernisierung der dortigen Eisenbahn nicht an die Deutschen gegangen, sondern an Konsortien um die Konkurrenten Kawasaki, Alstom und Bombardier. Auf zunächst fünf Hochgeschwindigkeitsstrecken soll eine modifizierte Version des japanischen Shinkansen eingesetzt werden. Nach dieser Niederlage wird eine Vereinbarung in Russland für die Siemens-Bahntechniksparte umso bedeutender. Der scheidende Siemens-Chef Heinrich von Pierer hat neben China stets auch auf Indien und Russland als Wachstumsmärkte gesetzt.

Mehdorns sibirischer Traum

Siemens steht mit seinen Russland-Plänen nicht allein da - auch weitere Unternehmen aus der deutschen Bahnbranche hoffen darauf, dass sich im Osten Europas immense Wachstumsperspektiven auftun. Wenn das hohe Wirtschaftswachstum anhält, könnte Russland die Modernisierung seiner maroden Zugstrecken und die Erneuerung seiner Züge in Angriff nehmen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin hatten sich persönlich für eine Kooperation beider Länder in Sachen Bahntechnologie engagiert. Im März hatten Fadejew und der Präsident des Deutschen Verkehrsforums, der frühere Bahn-Chef Heinz Dürr, daraufhin ein Memorandum unterzeichnet. Damit wurde festgelegt, dass die RZD und die deutsche Bahnindustrie zunächst fünf Arbeitsgruppen bilden, die zu einer weiteren Kooperation führen sollen. Diese Gruppen befassen sich mit Themen wie dem Zustand der Schienen, dem Bau neuer Züge und neuer Reisewaggons sowie mit dem Einsatz von IT bei der Bahn.

Ringen um die "starken Maschinen"

Auch die Bahn AG selbst hängt russischen Träumen nach - wie Siemens will sie enger mit der RZD kooperieren, vor allem im Bereich Güterverkehr. Den Strategen um Bahn-Chef Hartmut Mehdorn schwebt vor, Berlin zu einem Knotenpunkt auszubauen, von dem aus westliche Waren auf die Reise bis weit nach Sibirien geschickt werden könnten. Schon 2003 hatten die Bahn, die RZD und die Staatsbahnen aus Polen und Weißrussland sich auf ein Projekt geeinigt, das zur Einführung kompatibler Lokomotiven führen soll, die sowohl im Westen wie auch in Russland verkehren können.

Siemens verhandelt derweil noch über ein zweites Großprojekt in Russland - der Konzern ist weiter am Einstieg beim Maschinenbauunternehmens OAO Power Machines interessiert. Wie die Zeitung "Wedomostij" am Freitag schreibt, soll der russische Premier Michail Fradkow bereits grundsätzlich beschlossen haben, dass die Deutschen eine Kontrollbeteiligung erwerben können. Power Machines konzentriert sich darauf, Turbinenteile und anderes Zubehör für Wasser-, Gas- und Kernkraftwerke herzustellen. Nach eigenen Angaben ist der Konzern in diesen Bereichen Marktführer.

Zu früheren Zeitpunkten hatte es noch geheißen, Präsident Putin selbst sei gegen ein Siemens-Engagement eingetreten - diese Bedenken scheinen nun zu schwinden. Siemens könne zum Beispiel verpflichtet werden, der russischen Kartellbehörde regelmäßig über seine Preispolitik zu berichten, heißt es bei "Wedomostij".

Auch in diesem Fall gilt nach russischen Medien: Siemens könnte eine Einigung noch in diesem Jahr erreichen.



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