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Natur in kleinen Dosen: Wie viel Natur steckt in Naturkosmetik?

Ein Beitrag aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Heike Littger

Grüne Kosmetik boomt. Doch wo Natur draufsteht, muss noch lange keine drinstecken. Was ist verboten, was erlaubt? Welche Siegel gibt es, wer steht hinter ihnen? Und: Wirkt das Ganze überhaupt? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Grüne Kosmetik: Was ist daran wirklich Natur?

Anti-Aging-Straffungskur. Faltenfüller. Mousse Make-up. Men Active Aftershave Lotion. Sunless Bronze Selbstbräunungslotion. Body Contouring Anti-Cellulite Gel. All die schicken Namen lassen an die Hightechprodukte großer Kosmetikkonzerne denken. Aber die Tiegelchen und Tübchen stehen in einem Drogerieregal mit der Aufschrift "Natur-Shop".

Calendulacreme und Olivenölseife, das war gestern. Grüne Kosmetik bietet heute sehr vieles von dem, was die konventionelle Konkurrenz auch herstellt. Grüne Kosmetik ist angesagt. Sie ist "der Motor des gesamten Kosmetikmarkts", so Elfriede Dambacher, die vierteljährlich den "Naturkosmetik Branchenmonitor" herausgibt. 920 Millionen Euro Umsatz erzielte der Wirtschaftszweig hierzulande 2013 und wuchs damit um sieben Prozent. "Vor allem die Aspekte Natürlichkeit, Nachhaltigkeit und Gesundheit spielen bei den Kunden eine wichtige Rolle", so Dambacher.

Gefunden in
Die meisten Produkte werden dabei nicht in Bioläden, sondern Drogeriemärkten gekauft. Bei Müller etwa präsentieren, gleich neben den Fläschchen von Dior und Yves St. Laurent, rund 40 verschiedene grüne Hersteller ihr Sortiment. Unter ihnen sind längst nicht mehr nur Pioniere der Naturkosmetik wie Dr. Hauschka oder Weleda, sondern auch neue, trendige Marken. Doch die Vielfalt macht den Durchblick nicht leichter.

Ist Natur gleich Natur?

Studiert man die INCI-Listen (International Nomenclature Cosmetic Ingredients) merkt man schnell, dass zwischen der Rosencreme von Dr. Hauschka und der Anti-Aging Cream von Korres, einer der Trendmarken, Welten liegen. Die erstere besteht hauptsächlich aus biologischem Aprikosenkernöl, die zweite aus einem chemischen Feuchthaltemittel. Beide dürfen trotzdem unter dem Begriff "Natur" verkauft werden. Das liegt zum einen daran, dass der Begriff Naturkosmetik weder klar definiert noch gesetzlich geregelt ist. Zum anderen trägt dazu bei, dass die Branche unterteilt wird in Naturkosmetik und naturnahe Kosmetik. Unter dem Begriff naturnah versammeln sich Marken, von denen ein Teil recht nah dran ist an echter Naturkosmetik, der andere Teil jedoch hat fast mehr mit konventioneller Kosmetik gemein.

Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen rund ums Thema Naturkosmetik

Woran erkennt man echte Naturkosmetik? "Am einfachsten am Siegel", sagt Rita Stiens, Autorin des Buches "Die Wahrheit über Kosmetik". Doch Siegel gibt es leider nicht nur eines. Bei allen zertifizierten Produkten kann man aber davon ausgehen, dass die verwendeten Substanzen ursprünglich aus der Natur kommen. Das heißt: Öle, Fette und Wachse sowie Duft- und Farbstoffe dürfen mit wenigen Ausnahmen nur aus pflanzlichen, mineralischen und - mit Einschränkung - tierischen Rohstoffen hergestellt werden. Paraffine oder Silikone sowie synthetische Duft- und Farbstoffe sind tabu. Ebenso radioaktive Bestrahlung und Tierversuche. Doch danach hört es schnell auf mit den Gemeinsamkeiten. Wie viel Prozent der Inhaltsstoffe müssen aus kontrolliert biologischem Anbau stammen? Darf Wasser in die Bio-Kalkulation mit einbezogen werden? Und auch: Wie viel chemisch veränderte Natur darf eingesetzt werden? Etwa bei den Esterölen: Dafür werden Naturöle chemisch in einzelne Fettsäuren gespalten und beispielsweise mit Fettalkoholen verbunden. Untergemischt entstehen so weiche Texturen, die schnell in die Haut einziehen und bei den Verbrauchern angeblich besser ankommen. Bei dem Siegel Natrue ist der Einsatz von naturnahen Stoffen wie Esterölen begrenzt, bei anderen Labeln jedoch nicht. Hinzu kommt: Standards legen nur Mindestkriterien fest. Ob ein Kosmetikhersteller sie gerade so erfüllt oder weit darüber hinausgeht, ist für den Verbraucher nicht leicht ersichtlich.

Ist Naturkosmetik gesünder? Die herkömmliche Kosmetikindustrie setzt unter anderem hormonell wirksame Stoffe ein, die mit allerlei Nebenwirkungen, ja sogar Krankheiten in Verbindung gebracht werden. Eigentlich sind diese hormonell wirksamen Stoffe in der zugelassenen Dosierung unbedenklich. Doch Kritiker weisen darauf hin, dass Verbraucher ja nicht nur ein Produkt verwenden, sondern viele. "Und das summiert sich", sagt Ann-Katrin Sporkmann vom BUND. Hinzu kommen hochreaktive Stoffe wie Azo-Farbstoffe, Formaldehydabspalter oder die Antioxidantien BHT und BHA. Wie reagieren solche Substanzen in der Gesichtscreme mit denen in anderen Kosmetikprodukten oder Putzmitteln? "Das kann keiner sagen", so Buchautorin Rita Stiens. Dass diese umstrittenen Stoffe und eine Reihe weiterer in Naturkosmetik verboten sind, ist für sie "deren entscheidender Vorteil".

Problematisch bleibt aus Sicht von Dermatologen allerdings eine andere Zutat: ätherische Öle. Sie können Allergien auslösen, vor allem diejenigen aus Ceylon-Zimt, Pfefferminze, Melisse, Pinie und Eichenmoos. Welche Variante jedoch gefährlicher ist, die synthetisch hergestellte oder die natürliche, das ist umstritten.

Ist Naturkosmetik besser für die Umwelt? Auch hier gilt: Die schwierigsten Stoffe müssen draußen bleiben. Zum Beispiel winzige Kunststoffpartikel aus Polyethylen, die konventionelle Hersteller aufgrund ihrer reinigenden Wirkung gerne in Zahnpasten, Peelings und Duschlotionen mixen. Da sie so klein sind, flutschen sie durch die Filter der Kläranlagen und gelangen in die ohnehin schon belasteten Gewässer. In Deutschland empfiehlt das Umweltbundesamt, auf Kosmetikprodukte mit Polyethylen zu verzichten.

Ebenfalls problematisch sind synthetische Lichtschutzfilter zum Beispiel in Sonnencremes. Sie gelangen beim Baden ins Wasser. Wie ein italienisches Forscherteam herausfand, führen selbst geringe Mengen bei Algen, die in Symbiose mit Steinkorallen leben, zu Virusinfektionen. In der Folge bleichen die Korallen aus und sterben ab. In einigen Touristengebieten, zum Beispiel in Mexiko, sind herkömmliche Sonnenlotionen bereits verboten. Umweltrelevant ist auch der Einsatz von Palmöl. Nicht alle Hersteller von Naturkosmetik beziehen es aus einer Ökoanpflanzung.

Hat Naturkosmetik auch Nachteile? Wasserfeste oder langhaftende Wimperntusche ist im Naturkosmetiksortiment genauso wenig zu finden wie knallige Lippenstifte oder Sonnencremes mit einem Lichtschutzfaktor jenseits der 20. Darüber hinaus schäumen die grünen Shampoos und Duschgele kaum, Haarsprays lassen sich - weil sie ohne Treibgas auskommen - nicht so fein verteilen. Auch Puder ohne Silikone halten schlechter als die herkömmlichen. Bei den Haarfärbemitteln ist das Farbspektrum überschaubar, heller färben ist nicht möglich. Auch graue Haare verschwinden nicht gänzlich.

Wie ist die Wirkung? Gerade wenn es um Anti-Aging geht, hegen Verbraucher oft Zweifel, ob die konventionelle Kosmetik mit ihren hochpreisigen Hightech-Produkten nicht doch die besseren Faltenkiller zu bieten hat. Werner Voss winkt ab. In seinem Labor in Münster untersucht der Dermatologe jedes Jahr an die 3000 Produkte. Sein Fazit: "Der Alterungsprozess lässt sich mit keinem Mittelchen, das man von außen auf die Haut aufträgt, aufhalten."

Wie knitterig jemand aussieht, hängt zu 90 Prozent von seinen Genen ab, zu 10 Prozent von der Ernährung, davon, ob man raucht, Alkohol trinkt, sich in die Sonne knallt. Es ist eigentlich nur möglich, der Haut Feuchtigkeit zuzuführen, dann sieht sie praller aus. Doch das kann laut Voss jedes solide Gemisch aus Fett und Wasser - die Grundlage einer jeden Creme. Es scheint also egal zu sein, ob man zur herkömmlichen Creme mit Silikonöl als Fettkomponente greift oder der natürlichen mit Pflanzenöl.

Wie steht es um Tierversuche? Alle Richtlinien zur Zertifizierung von Natur- und Biokosmetik verbieten Tierversuche. Doch Hersteller, die nach China exportieren, müssen damit rechnen, dass ihre Produkte vor Ort an Tieren getestet werden. Die meisten von ihnen meiden deswegen diesen Markt von jeher - oder haben sich zurückgezogen, nachdem Medien darüber berichteten. Wer als Verbraucher ganz sicher gehen will: Die Peta-Homepage Kosmetik-ohne-Tierversuche.de listet alle Unternehmen auf, die dem Tierschutzverein schriftlich versichert haben, weltweit keine Versuche durchzuführen oder in Auftrag zu geben.

Dieser Text stammt aus dem Magazin

"enorm - Wirtschaft für den Menschen"

Was taugen die Gütesiegel für Naturkosmetik?
In der Naturkosmetik gibt es eine Fülle von Siegeln. Und jedes beantwortet die Frage "Was darf rein und was nicht?" unterschiedlich. Die größten Siegel sind BDIH und NATRUE. Der Verband BDIH hat gerade ein europäisches Siegel erarbeitet. Die Umstellungsphase läuft bis 2017.
NATRUE
Gegründet 2007 vom gleichnamigen Non-Profit-Verband. Zertifiziert fast 3900 Produkte. Unterscheidet zwischen Naturkosmetik, Naturkosmetik mit Bioanteil und Bio-Kosmetik. Früher wurde die Zertifizierungsstufe mit einem, zwei und drei Sternchen auf der Packung angegeben, heute ist sie nur noch per Handy über einen QR-Code zu erfahren. Vorgeschrieben ist eine 75-Prozent-Regel: Um das Siegel für ein Produkt zu erhalten, müssen mindestens drei Viertel der Produktlinie dem Standard genügen. Alle zwei Jahre Prozess- und Produktkontrolle bei den Herstellern. Verboten: Nano-Eisenpuder, petrochemische Rohstoffe. www.natrue.org
BDIH
Gegründet 2001 vom Verband Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel und kosmetische Mittel (BDIH). Zertifiziert rund 8200 Produkte. 15 ausgewählte Pflanzen, etwa Olive, müssen bei jedem Produkt aus kontrolliert biologischem Anbau stammen. Einmal im Jahr Prozess- und Produktkontrolle bei den Herstellern. Die europäische Version, Cosmos, ist in einigem strenger, in anderem laxer. Ein Fortschritt: Cosmos schließt sich den Kriterien des Konzepts der Green Chemistry an und verbietet toxische Lösungsmittel in der Herstellung. www.ionc.de

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1.
aquarelle 06.09.2014
Das Buch von Rita Stiens ist ein Muss für all jene, die sich mit der Thematik etwas tiefer befassen wollen. Den Wechsel hat es positiv unterstützt. Ich benutze allerdings bereits seit gut 5 Jahren (reine) Naturkosmetik und möchte darauf nicht mehr verzichten. Es ist auch ein Irrglaube, dass Naturkosmetik per se teurer ist als konventionelle, auf Chemie basierende Kosmetik. Für Cremes von L'oreal & Co. muss man auch bereits über 10 Euro bezahlen und viele Drogerien bieten günstige Eigenmarken an. Wer sich nicht sicher ist, ob es sich um echte Naturkosmetik handelt oder 'Greenwashing' betrieben wird, kann zb. auf das NATRUE Siegel achten. Viele Hersteller werben zwar mit 'natürlichen Inhaltstoffen', sind aber Mogelpackungen, weil sie beispielsweise dennoch Parabene und Silikone enthalten, was bei zertifizierter Naturkosmetik ausgeschlossen werden kann. Je nach Hersteller ist dekorative Kosmetik ebenfalls sehr haltbar, ich brauche aber auch keine Grundierung, die 24h hält ;) Ich denke, dass man längerfristig gesehen sich und seiner Gesundheit etwas Gutes tut, wenn man auf Naturkosmetik umsattelt. Ich schmiere mir jedenfalls nichts anderes mehr auf meine Haut.
2. Seit über 20 Jahren
Pfaffenwinkel 06.09.2014
mache ich mir meine Naturcreme und Öle erfolgreich selber. Es gbit gute Bücher (Faber z.B.) und die Übung macht den Meister.
3. Erkennt denn keiner die Ironie?
cola79 06.09.2014
In der Natur gibt es keine Kosmetik! Der Niveabaum, die Lippenstiftpalme, es gibt sie nicht! Aber des Kaisers neue Kleider sind eben doch besser, wenn sie fair trade sind, nicht wahr?! Verbraucher werden nicht belogen, die belügen sich selbst!
4. Leider schlecht recherchierter Artikel
onearmedscissor 06.09.2014
Ich muss sagen, dass Naturkosmetik in diesem Artikel leider zu unrecht schlecht gemacht wird. Vor allem bei den angesprochenen Haarfarben sollte es jedem klar sein, das Pflanzenhaarfarbe, die z.B. aus Tee und Kaffee gemacht wird, gesunder für den Körper ist, als chemische Blondierungen mit all den Krebserregenden Stoffen. Auch lassen sich graue Haare sehr gut damit abdecken. Und es gibt sehr wohl knallige Lippenstifte und Wimperntuschen aus der Naturkosmetik. Dass man auf die Siegel schauen sollte, damit es sich wirklich um Naturkosmetik handelt, sollte man auch schon vorher wissen. Alles in einem: Schlecht recherchierter Artikel.
5.
Wolffpack 06.09.2014
Zitat von aquarelleDas Buch von Rita Stiens ist ein Muss für all jene, die sich mit der Thematik etwas tiefer befassen wollen. Den Wechsel hat es positiv unterstützt. Ich benutze allerdings bereits seit gut 5 Jahren (reine) Naturkosmetik und möchte darauf nicht mehr verzichten. Es ist auch ein Irrglaube, dass Naturkosmetik per se teurer ist als konventionelle, auf Chemie basierende Kosmetik. Für Cremes von L'oreal & Co. muss man auch bereits über 10 Euro bezahlen und viele Drogerien bieten günstige Eigenmarken an. Wer sich nicht sicher ist, ob es sich um echte Naturkosmetik handelt oder 'Greenwashing' betrieben wird, kann zb. auf das NATRUE Siegel achten. Viele Hersteller werben zwar mit 'natürlichen Inhaltstoffen', sind aber Mogelpackungen, weil sie beispielsweise dennoch Parabene und Silikone enthalten, was bei zertifizierter Naturkosmetik ausgeschlossen werden kann. Je nach Hersteller ist dekorative Kosmetik ebenfalls sehr haltbar, ich brauche aber auch keine Grundierung, die 24h hält ;) Ich denke, dass man längerfristig gesehen sich und seiner Gesundheit etwas Gutes tut, wenn man auf Naturkosmetik umsattelt. Ich schmiere mir jedenfalls nichts anderes mehr auf meine Haut.
Chemie ist überall drin. Auch in ihrem Körper.
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