Havarie Tanker blockiert Suez-Kanal

Ein Maschinenschaden mit großer Wirkung: Südlich von Port Said sitzt ein liberianischer Öltanker mit 85.000 Tonnen Ladung im Suez-Kanal fest. Der Havarist blockiert die Durchfahrt für die anderen Schiffe - eine der wichtigsten Pulsadern des Welthandels ist verstopft.

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US-Flugzeugträger Nimitz auf dem Suez-Kanal: Für eine Woche lässt sich Nachschubausfall überbrücken
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US-Flugzeugträger Nimitz auf dem Suez-Kanal: Für eine Woche lässt sich Nachschubausfall überbrücken

Kairo/Berlin - Zwischenfälle sind selten im Suez-Kanal. Doch wenn etwas passiert, dann bleibt nicht viel Spielraum. Am Sonntag wurde der Alptraum Admiral Ahmed Fadels, des Vorsitzenden der Suez-Kanal-Behörde wahr: Die "Tropic" funkte einen Notruf. Man habe Probleme mit dem Antrieb. Kurze Zeit später schrammte der Bug an der Uferböschung entlang, das Heck schwenkte in die Mitte der Fahrrinne - folgenden und entgegenkommenden Schiffen blieb nur das Kommando "volle Kraft zurück". Seitdem geht nichts mehr. Mehr als 40 Tanker, Containerschiffe und Frachter liegen inzwischen auf beiden Seiten des Kanals vor Anker. Einen derart schweren Zwischenfall hat es seit 1975 nicht mehr gegeben.

Derweil arbeiten die Techniker fieberhaft daran, den Havaristen wieder flott zu machen. Doch ganz so einfach scheint die Sache nicht zu sein. Der Suez-Kanal wird wohl für rund eine Woche gesperrt bleiben, kündigte Fadels Behörde heute an.

Die Auswirkungen sind weit reichend. Nach Angaben der Ägypter passieren rund 7,5 Prozent des weltweiten Frachtverkehrs die 190 Kilometer lange Fahrrinne, die rund 8000 Seemeilen um das sturmumtoste Horn von Afrika erspart. Der Regierung gehen durch die Blockierung des Suez-Kanals täglich Einnahmen in Höhe von geschätzt rund einer Million US-Dollar verloren. Allein im Fiskaljahr 2002/2003 - dem derzeitigen Rekordjahr seit der Einweihung 1869 - verdiente Ägypten damit 2,3 Milliarden Dollar.

Aber auch die Reeder kommen in arge Nöte. "Sollte der Kanal wirklich für eine Woche gesperrt sein, können die Wartezeiten leicht zwei Wochen und mehr betragen", sagt Manfred Zachcial, Direktor des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik an der Universität Bremen. Eine andere Möglichkeit als zu ankern gebe es nicht. Die Route um das Kap der guten Hoffnung lohne sich bei einer solchen Verzögerung noch nicht. Für die Containerschifffahrt bedeute das herbe Verluste. "Rechnen Sie bei großen Schiffen mit einem Verlust von bis zu 100.000 Dollar - pro Tag", erklärt Zachcial.

Denn zurzeit läuft der Containerfrachtverkehr auf Hochtouren. Und jeder Tag vor Anker reduziert die ohnehin knappen Kapazitäten weiter. "Die Frachtkosten werden deshalb noch weiter steigen", rechnet Zachial vor. Weit stärker noch wirke die Psychologie. "Es ist ähnlich wie beim Ölpreis. sobald eine gravierende Störung im System auftritt, reagieren die Spotmärkte."

Die Reeder selbst reagieren allerdings noch zurückhaltend. Zunächst müsse man abwarten, wie lange die Störung tatsächlich dauere, sagt Hapag-Lloyd-Sprecherin Eva Gjersnik. Möglicherweise werde die Sperrung auch viel schneller wieder aufgehoben als zunächst angekündigt.

Das hoffen womöglich auch die Logistiker der US-Armee. Diese nämlich wickeln den Löwenteil ihrer Nachschubtransporte über den Suez-Kanal ab. Während des Aufmarschs am Persischen Golf nahmen sie geschätzte sechs Prozent der gesamten Kapazität des Kanals in Anspruch. "Die Versorgungsstäbe werden mit Sicherheit umdisponieren müssen, wenn die Route längere Zeit verstopft ist", schätzt Thomas Papenroth, Militärexperte bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. "Für eine Woche oder zwei lässt sich stockender Nachschub aber weitestgehend problemlos überbrücken", zur Not lasse sich vieles auch per Luftfracht transportieren."

Schwierigkeiten könnten allerdings entstehen, wenn die Großoffensive der US-Streitkräfte gegen die Rebellenhochburg Falludscha ins Stocken gerate. Denn dafür bräuchten die Amerikaner schweres Gerät. "Dann müssten die Amerikaner Panzer und Munition aus anderen Landesteilen dort zusammenziehen, was ebendort zu Versorgungslücken führen könnte", schätzt Papenroth.



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