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Hedgefonds-Milliardär Paulson: Der neue König des Geldes

Von , New York

Ein Mann, ein Superlativ: Ausgerechnet die Kreditkrise hat John Paulson zum Topverdiener der Wall Street gemacht. 3,7 Milliarden Dollar nahm er 2007 durch clevere Spekulation ein, so viel wie kein Hedgefonds-Manager zuvor. Dabei lebt er relativ bescheiden - und hilft bankrotten Hausbesitzern.

New York - John Paulson führt ein für seine Verhältnisse recht einfaches Leben: Jeden Morgen nimmt er, meist im korrekten, dunklen Anzug, den Bus in sein Büro an der East 57th Street. Pünktlich zum Essen ist er wieder zu Hause. Um Stress abzubauen segelt er oder joggt durch den Central Park.

Hedgefonds-Manager Paulson: Auf das Platzen der Blase gewettet
REUTERS

Hedgefonds-Manager Paulson: Auf das Platzen der Blase gewettet

Sein einziger Luxus, so scheint es, ist das prächtige, fünfstöckige Stadthaus, in dem er mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern wohnt: 2600 Quadratmeter auf der Upper East Side, gleich um die Ecke der Fifth Avenue und des Metropolitan Museums. Paulson erstand die Villa, die 1916 für den prominenten Banker und Pferdezüchter William Woodward erbaut worden war, 2004 für 14,7 Millionen Dollar.

Hinter der zurückhaltenden Fassade verbirgt sich jedoch ein eiskalter Finanzhai, der weiß, wie man aus dem Unglück anderer Geld macht. Der 52-Jährige hat im vorigen Jahr sage und schreibe 3,7 Milliarden Dollar verdient - durch die Hypothekenkrise, die Millionen andere ins Verderben gerissen hat.

Es ist eine atemberaubende Rekordsumme: Noch nie zuvor hat ein Wall-Street-Jongleur in einem Jahr so viel abkassiert. Der bisher nur wenig bekannte Paulson verwies damit sogar die legendären Mega-Spekulanten George Soros (2,9 Milliarden Dollar) und James Simons (2,8 Milliarden Dollar) auf die hinteren Plätze. "The Kings of Cash", betitelte das Investment-Magazin "Alpha" seine diesjährige Rangliste der Top-Hedgefonds-Manager, die Paulson erstmals anführt. Deren akkumulierter Reichtum, begeisterte sich das Blatt, sei "die tollste Zurschaustellung privater Vermögensbildung in der modernen Finanzgeschichte".

Paulson erkannte die Zeichen der Zeit

Und das zu einer Zeit, da andere Milliardenverluste machen und der Rest der Wall Street, ja, die gesamte US-Konjunktur immer tiefer in die Rezession rasselt. So tief, dass auch George Soros die Lage kürzlich als einmalig und keineswegs ausgestanden bezeichnet hat: "Ich sehe dies als die schlimmste Krise zu meinen Lebzeiten."

Für Paulson, der sein Geld genau darauf setzt, sind das gute Nachrichten. "Subprime-Superstar", nennt ihn der TV-Wirtschaftssender CNBC: Paulson war einer der Ersten, die erkannten, dass sich der selbst für Experten und Ratingagenturen oft undurchschaubare Spekulationsmarkt mit Ramschkrediten nicht halten würde. Und der in aller Ruhe begann, auf eben diese Katastrophe zu spekulieren.

Denn der gebürtige New Yorker versteht sein Handwerk, das er ausgerechnet bei der ins Trudeln geratenen Investmentbank Bear Stearns gelernt hat. Dort traf er den Arbitrage-Händler Marty Gruss, der ihn fürs Risiko begeisterte und in dessen Firma er später eintrat. "Ich merkte, dass man mit Kommissionen nur limitiert verdienen kann", sagte Paulson der Investmentzeitung "Pension & Investments", "und dass die höchste Belohnung davon kommt, dein eigenes Geld zu investieren." Also machte er sich 1994 selbständig - mit Paulson & Co., ein paar Mitarbeitern und zwei Millionen Dollar Einlagen.

"Achte auf den Abwärtstrend"

Von Marty Gruss übernahm Paulson auch seine Investment-Philosophie, die ihn bis heute prägt: "Achte auf den Abwärtstrend, und der Aufwärtstrend wird sich von selbst erledigen." Auf der Suche nach einer "Blase, von der wir profitieren können", glaubte Paulson Anfang 2005 fündig geworden zu sein - im überheizten US-Immobilienmarkt, der sich auf Subprime-Hypotheken stützte, also Billigkredite, deren Wucherkonditionen Millionen Hausbesitzern eines Tages das Genick brechen würden. Die Wall Street hatte diese Hypotheken wiederum zu riskanten Spekulationsvehikeln gebündelt.

Paulson sah seine Chance und begann, sogenannte Kreditausfall-Swaps aufzukaufen. Diese obskuren Investment-Produkte steigen im Wert, je mehr Hypotheken wegen Zahlungsrückstand zusammenbrechen. Sprich: Während andere Hedgefonds auf eine Fortsetzung des Ramsch-Booms setzten, schwamm Paulson forsch gegen den Strom.

Das zahlte sich nicht sofort aus, denn noch hielt sich der US- Immobilienmarkt stabil. Für 2006 führte das Börsenmagazin "Trader Monthly" Paulson noch mit einem Jahresverdienst von 100 bis 150 Millionen Dollar - enorm für Normalsterbliche, doch "Peanuts" für seine Branche. "Es scheint", prognostizierte die Hochglanz-Zeitschrift aber schon da, "als stünden seine größten Gewinne noch aus."

Bei der Frau um Geduld gebeten

Paulson bat sein Team aus Tradern und Analysten - die er am Gewinn beteiligt - um Geduld. Und, wie er später dem "Wall Street Journal" beichtete, auch seine Frau. "Dies ist nur eine Frage des Wartens", habe er sie beruhigt. Gemäß seinem Lieblingszitat von Winston Churchill, anno 1941: "Gib niemals klein bei."

Top-Verdiener der Wall Street 2007
Name Firma Verdienst in Dollar
John Paulson Paulson & Co. 3,7 Mrd
George Soros Soros Fund Management 2,9 Mrd
James Simons Renaissance Technologies 2,8 Mrd
Philip Falcone Harbinger Capital Partners 1,7 Mrd
Kenneth Griffin Citadel Investment 1,5 Mrd
Steven Cohen SAC Capital Advisors 900 Mio
Timothy Barakett Atticus Capital 750 Mio
Stephen Mandel Jr. Lone Pine Capital 710 Mio
John Griffin Blue Ridge Capital 625 Mio
O.Andreas Halvorsen Viking Global Investors 520 Mio
John Arnold Centaurus Energy 480 Mio
James Dinan York Capital Management 470 Mio
Joseph DiMenna Zweig-DiMenna Partners 450 Mio
David Slager Atticus Capital 450 Mio
Seth Klarman Baupost Gruppe 425 Mio
Lawrence Robbins Glenview Capital Management 420 Mio
William von Mueffling Cantillon Capital Management 410 Mio
Charles Payson Coleman III Tiger Global Management 400 Mio
Raymond Dalio Bridgewater Associates 400 Mio
Israel Englander Millennium Partners 400 Mio
Quelle: Alpha Magazine, 2008

Er sollte Recht behalten: Ein Jahr, nachdem er sein Milliardenspiel begonnen hatte, ermittelten 49 US-Bundesstaaten wegen illegaler Geschäftsmethoden gegen die Hypothekenbank Ameriquest. Das Verfahren endete im Vergleich, bei dem Ameriquest rund 300 Millionen Dollar an geschädigte Kunden zahlen musste.

Paulson sah sich bestätigt: Der Subprime-Markt stank. Im Juli 2006 gründete er einen Hedgefonds mit der alleinigen Strategie, auf den Kollaps des Kartenhauses zu setzen - den Credit Opportunities Fund. In seiner "gesamten Karriere", schrieb er an die Investoren, habe er "noch nie eine so große Gelegenheit gesehen".

Rat von Ratingagenturen ignoriert

Im ersten Quartal 2007 fuhr der Fonds eine Rendite von satten 71 Prozent ein und Paulson machte daraus eine kleine Fonds-Familie. In den ersten neun Monaten 2007 stieg deren Wert um im Schnitt 340 Prozent.

Damit erklomm Paulson die "Forbes"-Liste der reichsten 400 Amerikaner. Aus dem Nichts schob er sich voriges Jahr auf Platz 165, den er sich, mit einem geschätzten Vermögen von 2,5 Milliarden Dollar, auf Anhieb mit Oprah Winfrey teilte, der reichsten Entertainerin der Welt. Die seither dazuverdienten 3,7 Milliarden Dollar würden ihn auf Platz 51 katapultieren - vor Apple-Chef Steve Jobs.

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

Paulson begnügte sich aber nicht nur damit, gegen den Trend zu setzen. Er entwickelte ein kompliziertes - und streng geheimes - System aus Portfolios, um sich abzusichern. Dabei ignorierte er den Rat von Ratingagenturen wie Moody's oder Standard & Poor's, die die Krise ebenso unterschätzten wie die Großbanken. Wer sich auf die traditionellen Weisheiten der Wall Street verlasse, warnte er in einem Investorenbericht, "wird unweigerlich verbrannt werden". Seine Mitarbeiter vertieften sich lieber selber in das "Minenfeld" der Subprime-Spekulation, wie er es nannte.

Heute managt Paulson zwölf Fonds mit Einlagen von fast 24 Milliarden Dollar. Allein sein ursprünglicher Credit Opportunities Fund legte voriges Jahr 590 Prozent zu. Paulson hat ausgerechnet, dass die lukrative Krise noch gut drei Jahre andauern dürfte. "Ich glaube, dass wir erst 25 Prozent des Potentials ausgeschöpft haben", sagte er zu "Pension & Investments". Einer seiner neuesten Berater ist ausgerechnet Ex-Notenbankchef Alan Greenspan, dessen Zinspolitik das Kreditdrama nach Ansicht von Kritikern beschleunigt hat.

Trotzdem scheint es Paulson doch zu berühren, dass er Profit zieht aus dem Elend armer Hypothekenschuldner, die ihre Häuser verlieren. Im Herbst spendete er 15 Millionen Dollar für die Gründung einer gemeinnützigen Einrichtung namens Institute for Foreclosure Legal Assistance in North Carolina. Die soll Familien helfen, die von Zwangsversteigerungen und Ruin bedroht sind.

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