Altkanzler Helmut Schmidt Unser Weltökonom

Lieber fünf Prozent Inflation als fünf Prozent Arbeitslosigkeit: Kein Kanzler hat so ökonomisch gedacht wie der Volkswirt Helmut Schmidt. Selbstbewusst erklärte er seinen Mitmenschen die Welt der Finanzen - und lag doch bisweilen falsch.

Von Wolfgang Kaden

Helmut Schmidt mit Valery Giscard d'Estaing: Erfinder des Weltwirtschaftsgipfels
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Helmut Schmidt mit Valery Giscard d'Estaing: Erfinder des Weltwirtschaftsgipfels


Meine letzte Begegnung mit Helmut Schmidt liegt drei Jahre zurück. Bei der Feier zur Verleihung des Helmut-Schmidt-Journalistenpreises kam ich an seinem Tisch vorbei. Er erkannte mich, obwohl wir uns viele Jahre nicht gesehen hatten, und wollte wissen, was ich so mache. Die Antwort schien ihn nicht ganz zufriedenzustellen. "Sie müssen Bücher schreiben", bekam ich mit auf den weiteren Lebensweg, "damit kann man viel Geld verdienen."

Der Altkanzler sprach aus Erfahrung. Seine Tätigkeit als Publizist währte so lange wie sein Wirken als Politiker. Er schrieb ein Buch nach dem anderen, meist Bestseller. Mit seinen Büchern, Artikeln und TV-Auftritten war er die wenig umstrittene Autorität, die den Deutschen die komplizierte Welt der Ökonomie erklärte. Immer ein wenig pädagogisierend und apodiktisch, aber stets klug analysierend und gut lesbar. Eben unser Weltökonom.

Der ehemalige Bundeskanzler war nicht nur wirtschaftlich kenntnisreich. Er konnte von sich behaupten (und tat das auch ungeniert), auf nahezu allen Feldern der Politik bewandert zu sein. Aber keinem anderen Fachgebiet maß der Diplom-Volkswirt eine solche Bedeutung zu wie der Ökonomie. Das Ansehen, das er weit über Deutschland hinaus erworben hatte, gründete vor allem auf seiner wirtschaftlichen Expertise.

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Helmut Schmidt: Politiker, Publizist und Philosoph
Schmidt war geprägt vom Niedergang der Weimarer Republik, von der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre, die den Nationalsozialisten den Weg an die Macht eröffnet hatte. Florierende Unternehmen und wirtschaftliches Wohlergehen waren für ihn die Basis politischer Stabilität und eines demokratischen Regierungssystems in Deutschland. "Das ökonomische Sein bestimmt das Bewusstsein", lautet eine Kapitelüberschrift in einem seiner Bücher.

"Ich habe Angst gehabt vor dem Amt", dem Kanzleramt, sagte er uns 1993 in einem SPIEGEL-Gespräch. Es war vor allem die Angst davor, die damalige Krise - Ölboykott der arabischen Länder, Währungsturbulenzen, dürftiges Wachstum, hohe Preissteigerung - nicht meistern zu können; die Angst davor, wie ein Heinrich Brüning zu enden, der durch falsche wirtschafts- und finanzpolitische Entscheidungen wesentlich zum Ende der Weimarer Republik beigetragen hatte. Kein anderer Begriff tauchte in den Interviews, die wir vom SPIEGEL mit Schmidt während seiner Kanzlerschaft führten, so häufig auf wie der einer "Weltwirtschaftskrise".

Er glänzte in seiner Zeit als Kanzler (1974 bis 1982) als der ökonomisch versierteste unter den Regierungschefs der bedeutenden Industrienationen. Die Globalisierung war für ihn schon in den Siebzigern ein nicht aufzuhaltender Prozess. Eine Erkenntnis, die manch ein Politiker erst viele Jahre später hatte.

Schmidt brauchte die Krisen - und die Krisen brauchten ihn

Und weil Deutschland wie kein anderes Land von dieser Weltwirtschaft abhängig war, fühlte er sich verpflichtet, die Regierungen der wichtigsten westlichen Industriestaaten zur Kooperation zu bringen - einer Zusammenarbeit, an der es in den Dreißigern gemangelt hatte, als sich die Staaten in einem Abwertungswettlauf wechselseitig zugrunde richteten. Der bis heute einmal jährlich stattfindende "Weltwirtschaftsgipfel" war die Erfindung des deutschen Kanzlers Schmidt und des französischen Präsidenten (und späteren Schmidt-Freunds) Valéry Giscard d'Estaing.

Der Weltökonom Schmidt fand seine Bestätigung in permanentem Krisenmanagement. Irgendwo brannte es immer, beim Dollar, beim Öl, bei der Konjunktur. Helmut Schmidt brauchte die Krisen, und die Krisen brauchten ihn. Man fragt sich, wenn man heute die Berichte aus der Zeit seiner Kanzlerschaft liest, wie sich die Erde ohne einen wie ihn eigentlich weiterdrehen konnte.

Nicht verwunderlich daher, was dieser einstmals omnipräsente Mann in den letzten Jahren am meisten beklagte: dass es heute in der Welt an einer Führungspersönlichkeit fehle, vor allem einer mit ökonomischem Sachverstand, die eine Neuordnung der Finanzmärkte vorantreiben könne. Einen wie ihn eben.

In seinen ökonomischen Grundüberzeugungen war der Sozialdemokrat Schmidt zwar Marktwirtschaftler, geprägt von seinem akademischen Lehrmeister Karl Schiller (den er allerdings Jahrzehnte später, im Kabinett, aufs Heftigste bekämpfte). Zu viel Markt sollte es dann aber auch nicht sein, wie sich in seiner Währungspolitik ablesen lässt.

Wegbereiter für den Euro

Gemeinsam mit Giscard d'Estaing sorgte der deutsche Kanzler ab 1978 dafür, dass die europäischen Währungen eng miteinander verknüpft wurden, in einem Europäischen Währungssystem (EWS). Dieser Verbund wurde zum Vorläufer des Vertrags von Maastricht, in dem sich die damaligen EG-Staaten, mit Ausnahme von Großbritannien und Dänemark, verpflichteten, bis spätestens 1999 eine gemeinsame Währung einzuführen.

In Deutschland wurden der Vertrag und die Einführung des Euro aufs Heftigste kritisiert, von Wirtschaftsprofessoren, von Politikern, von Journalisten. Die europäischen Volkswirtschaften, hieß es, seien zu unterschiedlich, um sie in einer Union miteinander zu verbinden. Die europäische Währung, so die düstere Prognose, würde eine Weich-Währung werden.

Schmidt wischte alle Bedenken beiseite und prophezeite dem Euro eine große Zukunft. Apodiktisch verwarf er das Argument, die Währungsunion benötige eine engere Abstimmung der Wirtschafts- und Finanzpolitik: "Selbstverständlich geht das auch ohne."

Wie wir heute wissen, ist das eben nicht so selbstverständlich. Das Verbot im Maastricht-Vertrag, dass Eurostaaten sich bei Haushaltsproblemen nicht beispringen dürften, war seit dem Kollaps Griechenlands nicht mehr durchzuhalten. Seither ist klar: Ein Mindestmaß an Solidität in den staatlichen Haushalten ist unverzichtbar. Und das bedeutet eine viel bessere Koordination in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, nicht zuletzt auch harte Sanktionen für Fehlverhalten.

Schmidts wirtschaftspolitische Bilanz ist nicht makellos

Nein, gegen Irrtümer war auch der Großökonom Schmidt nicht gefeit. Hinter dem, was der Altkanzler in den vergangenen 28 Jahren als Publizist und Redner verbreitet hat, verschwindet so gänzlich, dass dessen wirtschafts- und sozialpolitische Bilanz im eigenen Land keineswegs so strahlend ist, wie sie in manchem unkritischen Rückblick heute erscheint. Viele Sünden aus jener Zeit wirken bis heute nach.

Das gilt vor allem für den Start in eine massive Staatsverschuldung. Die Nettokreditaufnahme des Bundes erhöhte sich von 9,5 Milliarden Mark bei Schmidts Amtsantritt 1974 auf 40 Milliarden im Jahr 1982 bei seinem Abschied. Schmidt war tief wachstumsgläubig, geprägt von den Wirtschaftswunderjahren nach dem Krieg. Wachstum musste her, mit allen Mitteln, auch mit immer höheren Schulden. Stets aufs Neue versuchte seine Regierung, im Sinne von John Maynard Keynes Konjunkturkrisen mit schuldenfinanzierten staatlichen Investitionen zu überwinden - ohne dass die Schulden später durch Überschüsse wieder ausgeglichen wurden.

Das gilt auch für seine Einstellung zur Geldentwertung. In der Ära Schmidt hielt sich die Teuerungsrate auf einem aus heutiger Sicht hohen Niveau. Sie lag 1974 zum Amtsantritt bei 7,0 Prozent, 1982 bei Schmidts Abgang waren es immer noch 5,2 Prozent. Die Inflation nahm Schmidt lange Zeit nicht ernst. In Erinnerung blieb vielen Deutschen sein populistischer Satz aus dem Wahlkampf 1972: "Fünf Prozent Preisanstieg sind leichter zu ertragen als fünf Prozent Arbeitslosigkeit." Er unterstellte, dass mit ein wenig Inflation Beschäftigung geschaffen würde, was zumindest mittel- und langfristig nicht funktioniert hat.

So entwickelte sich die deutsche Wirtschaft unter Helmut Schmidt

Unter Kanzler Schmidt begann auch der hemmungslose Ausbau des Sozialstaats. Er versuchte zwar immer wieder, die Ausgabenwut seiner Parteifreunde in der SPD-Bundestagsfraktion zu bremsen. Aber dass der deutsche Wohlfahrtsstaat auf Dauer die Wirtschaftskraft des Landes überfordern würde, blieb ihm lange Zeit verschlossen. So unterschätzte er völlig die Folgen der demografischen Entwicklung für die Rentenkassen.

Ein Pragmatiker, kein Visionär

Bei solchen Fehlurteilen wird ein Defizit in Schmidts ökonomischem Weltbild sichtbar: Er war ein Mann der Tat, ein Pragmatiker; keiner, der langfristige wirtschaftliche oder gesellschaftliche Entwicklungen antizipierte und in seine Entscheidungen einband. Sein böses Wort, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen, fällt auf ihn selbst zurück.

Der Mangel an perspektivischem Denken wurde vor allem auf einem Feld der Politik sichtbar, das Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger die SPD-Führung vor ganz neue Herausforderungen stellte: dem Erhalt der Umwelt. Schmidt, wie vielen seiner Generation, mangelte es an Verständnis für die Gegner der Atomkraft, für die aufkommende Wachstumsskepsis, für den Kampf um die Erhaltung der Natur. Die neue Denkströmung und die Protestaktionen verunglimpfte er als die Spinnereien einiger Verirrter, denen es zu gut gehe. "Die Mode ist in zehn Jahren sowieso vorbei", sagte er 1979. Und glaubte das auch.

Es bleibt offen, ob das Erstarken der Grünen und die Etablierung eines Vierparteiensystems hätte vermieden werden können, wenn sich der damalige sozialdemokratische Kanzler nicht so entschieden gegen eine rechtzeitige ökologische Neuorientierung der SPD gestemmt hätte. Unstrittig ist jedenfalls, dass Schmidt eine Trendwende nicht erkannte, die einen tiefen Einschnitt für das politische Bewusstsein bedeutete, nicht nur in Deutschland.

Lob für die Regierungen von China und Russland

Perfekt war eben auch der Weltökonom aus Hamburg-Langenhorn nicht, obwohl er sich nur allzu gern mit dieser Aura umgab.

In den letzten Jahren bewegte er sich zunehmend ins politische Abseits, als er mit der ihm eigenen Allwissenheits-Attitüde die Regime in Peking und Moskau in Schutz nahm. Er lobpreiste die wirtschaftlichen Erfolge der chinesischen Diktatoren, die Gewalt gegen politische Gegner interessierte ihn nicht; und er zeigte großes Verständnis für die Einnahme der Krim durch Putins Russland. Die Universalität der Menschenrechte zählte für ihn nicht: "Ich bleibe ein Anhänger der Nichteinmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates."

Aber über den Fehlurteilen und den Defiziten stehen die großen Leistungen. Er meisterte als Regierungschef die schwierige Umbruchphase nach den Jahren des Wirtschaftswunders; er war maßgeblich am Bau einer neuen Währungsordnung für die Welt und für Europa beteiligt; er kritisierte immer wieder die verantwortungslosen Umtriebe der Investmentbanker und die Regellosigkeit der Finanzmärkte; er war, als Publizist, einer der wenigen, die vor einem Mega-Crash warnten, wie er 2008 über die Welt kam.

Helmut Schmidt faszinierte immer, als Politiker und später als Kommentator, durch die Klarheit seines Urteils, durch seine analytische Schärfe, durch seine Verknüpfung von Erfahrung und theoretischem Wissen. Er konnte, nicht zuletzt dank seines rhetorischen und schreiberischen Talents, den Deutschen Orientierung geben. Und das war nicht wenig, in diesen wirtschaftlich wie politisch so unübersichtlichen Zeiten.

Im Video: Altkanzler Helmut Schmidt mit 96 Jahren verstorben

Holde Schneider/ VISUM
Zum Autor
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Wolfgang Kaden leitete ab 1979 das Ressort Wirtschaft des SPIEGEL und übernahm dort 1991 die Chefredaktion. Von 1994 bis Juni 2003 war er Chefredakteur des manager magazins.

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insgesamt 82 Beiträge
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Seite 1
peterbuske 11.11.2015
1. Katastrophe auf Andage
"Die europäischen Volkswirtschaften, hieß es, seien zu unterschiedlich, um sie in einer Union miteinander zu verbinden. " Das war also schon seit den 70ern bekannt? Absoluter Wahnsinn.
In Vino Veritas 11.11.2015
2.
In der Zeit konnte man ökonomisch nichts falsch machen. Leider wurden gerade in dieser Zeit basierend auf der Prognose eines immerwährenden Wirtschaftswachstums grundlegende Dinge für die Zukunft verschlafen, die uns heute vor die Füsse fallen. Verschärft dadurch, dass Politiker nie unliebsame Entscheidungen treffen werden, und alles von vornherein sowieso im juristischen Wirrwarr verloren ist. Somit wird regiert, bis die Kasse leer ist. Aussitzen - merkeln - die erfolgreiche Art als Politiker beliebt zu sein. Tja, bis dann die Probleme so spürbar sind, dass das Volk plötzlich aufwacht. Was aber bleibt ist der juristische Wahnsinn, der alles lähmt. Jubelgesänge auf alte Politiker kann man sich deswegen sparen - würden es heute nicht besser machen.
hansaeuropa 11.11.2015
3. selbstverständlich geht es auch ohne!
Ich muss dem Autor widersprechen und Schmidt recht geben. Wir wissen heute eben nicht, was eine Währungsunion braucht. Es ist eben einzig die Festlegung des Inflationszieles festzulegen. Abgestimmt werden muss sich lediglich in der Einigung, keinen Unterbietungswettkampf zu führen. Leider sind wir heute wieder näher an Brünning, weil ganz Europa von schwarzen Nullen regiert wird. Das wird an dem Tag, an dem uns einer der Besten verlässt, besonders deutlich.
restauradores 11.11.2015
4. Tschüss Helmut!
Niemand hat in den letzten 50 Jahren mit so wenig Worten so viel sagen können, gesagt.
egal 11.11.2015
5. Ich bin begeistert
Ein sehr ausgewigener Artikel. Die ohne Frage großen Leistungen wie das Trockenlegen Hamburger Keller, die Initiation der deutsch-französischen Freundschaft und der kantige Charakter werden stehen den typischen Sozimängeln gegenüber. Geldausgeben van anderen ist auf Dauer problematisch und ein halber Keynes ist Mist. In der Krise Schulden machen und im Aufschwung halt noch mehr ist klassische Linkenpolitik auf Kosten anderer (nächste Generation) und vom Dauerquarzer salonfähig gemacht worden.
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