Wirtschaftswachstum Die Pessimisten sind los

Der versprochene Aufschwung droht auszufallen. Wieder mal schwächelt die Weltwirtschaft, schon ist vom Ende des Wachstums überhaupt die Rede. Doch die Schwarzmaler übersehen ein paar wichtige Trends.

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US-Ökonom Larry Summers: Prophezeiung ökonomischen Siechtums
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US-Ökonom Larry Summers: Prophezeiung ökonomischen Siechtums


Einnern Sie sich? 2014 sollte die Weltwirtschaft ordentlich Fahrt aufnehmen. Aufschwung, und zwar richtig - so lautete die Botschaft der gängigen Vorhersagen noch im Frühjahr. Dreieinhalb Prozent Plus seien drin. Und 2015 dürfe es noch etwas mehr sein. Ob Internationaler Währungsfonds (IWF), OECD oder die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute - es herrschte solider Optimismus.

Und jetzt? Jetzt trüben sich die Aussichten schon wieder ein. Wie stark, darüber wird die kommende Woche einigen Aufschluss geben: Am Donnerstag legt der IWF seine aktualisierte Prognose vor. Freitag veröffentlicht das Ifo-Institut neue Zahlen zur Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Die erwartete Richtung: abwärts.

Die Pessimisten sind los. Viele Ökonomen treibt inzwischen eine fundamentale Befürchtung um: dass nämlich die Ära des Wachstums ein für allemal vorbei sein könnte. So hat der US-Ökonom Larry Summers, einst Finanzminister unter Bill Clinton, den Begriff "säkulare Stagnation" aus der Mottenkiste seiner Disziplin gezerrt. Nun prophezeit er ein langes ökonomisches Siechtum um die Nulllinie. Ähnlich düster malt der französische Starökonom Thomas Piketty die Zukunft des Kapitalismus.

Schwächephase nicht unausweichlich von Dauer

Es stimmt schon: Auch fünf Jahre nach der tiefsten Rezession der Nachkriegszeit bekommt die globale Ökonomie kein stabiles Wachstum hin. Amerikas Wirtschaft enttäuscht, auch wenn wieder mehr Jobs entstehen. In der Euro-Zone hat die Schieflage der Bank Espírito Santo noch mal bestätigt, dass die Schuldenkrise längst nicht ausgestanden ist; Frankreich stagniert, Italien schrumpft. Japans Aufschwung stockt trotz superexpansiver Geld- und Finanzpolitik. China erreicht sein Wachstumsziel von 7,5 Prozent nur, weil die Behörden die Verschuldung noch weiter in die Höhe treiben lassen. Russland riskiert eine Rezession und flirtet mit Autarkie. Die Liste ließe sich verlängern.

Was ist hier eigentlich los? Haben Oberpessimisten wie Summers und Piketty recht?

Ich sehe vor allem drei Gründe für die lange Schwächephase. Alle drei sind zugegebenermaßen schwerwiegend, aber keineswegs unausweichlich schicksalhaft.

  • Grund 1: Geld. Die Notenbanken haben die Zinsen immer weiter gesenkt, die Regulierer haben den Banken erlaubt, immer neue Kredite zu vergeben. So geht das seit Jahrzehnten. Die Ära des lockeren Geldes hat aber bestenfalls in ihrer Frühphase in den Neunzigerjahren dazu geführt, dass mehr in produktive Kapazitäten investiert wurde. Längst ist das System degeneriert: zu einer kreditgetriebenen Spekulationswirtschaft, die gefährliche Blasen auf den Immobilienmärkten und an den Börsen entstehen lässt. Und sie hat hohe private und staatliche Schulden entstehen lassen, die nun den Spielraum für echte, risikoreiche Investitionen einschränken.
  • Grund 2: Demografie. Unbestreitbar dämpft die Alterung und Schrumpfung der westlichen Gesellschaft die Wirtschaftsentwicklung. Der Anteil der 15- bis 64-Jährigen an der Bevölkerung geht fast überall zurück. Noch schwieriger ist die Entwicklung in Osteuropa, zumal in Russland. Auch in Schwellenländern wie China gehen die demografisch günstigen Zeiten allmählich zu Ende.
  • Grund 3: Digitalisierung. Dieser Punkt mag zunächst überraschen, denn die Steigerung der Computerkapazitäten und die zunehmende Vernetzung sollten eigentlich die Produktivität steigern. Inzwischen aber erfasst die Digitalisierung immer mehr Wirtschaftsbereiche - von Medien über Banken bis zu Mobilitätsdienstleistungen. Fast immer löst sie einen Preisverfall aus. Häufig verwandelt sie bislang relativ kostspielige Produkte in quasi freie Güter, die umsonst und überall verfügbar sind. So kostete etwa früher ein Lexikon Hunderte Euro, heute bekommen Sie eine ähnliche Leistung umsonst im Internet. Mit dem Effekt, dass solche nun freien Güter in den volkswirtschaftlichen Rechenwerken gar nicht mehr auftauchen.

Wie gesagt, ein dauerhaftes Siechtum an der Nulllinie ist kein unausweichliches Schicksal. Denn:

Die immer noch hohen Schulden lassen sich abbauen - etwa durch stringente Insolvenzverfahren für Unternehmen, Banken und Staaten. Wenn die Verbindlichkeiten erst abgebaut sind, ließe sich ein Finanzsystem etablieren, in dem Geld tatsächlich wieder knapp gehalten wird.

Die Demografie wiederum spricht dafür, dass die Wachstumsraten insgesamt gar nicht mehr so hoch sein müssen, um spürbare Wohlstandszuwächse zu erzielen. Andererseits könnten Menschen viel länger produktiv und die Lebensarbeitszeit um viele Jahre länger sein als heute, würden die Bildungs- und Beschäftigungssysteme an die Arbeits- und Lernbedürfnisse älterer Beschäftigter angepasst.

Die Effekte der Digitalisierung legen den Schluss nahe, dass die offiziellen Wachstumszahlen den tatsächlichen Fortschritt nicht mehr richtig widerspiegeln. Womöglich ist die Situation in Wahrheit besser, als wir glauben.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Montag

AMSTERDAM/DALLAS - Zwischenstand - Philips und Texas Instruments legen Zahlen fürs zweite Quartal vor.

Dienstag

BRÜSSEL - Spannungen - Während sich die Ukraine-Spitze weiter zuspitzt, treffen sich die EU-Außenminister.

CUPERTINO/REDMOND - Stimmung - Apple und Microsoft legen Quartalszahlen vor.

HAMBURG - Frust - Gläubigerversammlung der insolventen Windkraftfirma Prokon

Mittwoch

BRÜSSEL - Konsum - Neue Zahlen zum Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone

Berichtssaison - Viele Quartalszahlen, unter anderem von den amerikanischen Schwergewichten Facebook, Dow Chemical, Boeing und AT&T sowie von europäischen Konzernen, darunter ABB, Glaxosmithkline und Iberdrola.

Donnerstag

MEXIKO-STADT Ausblick - Der Internationale Währungsfonds stellt sein Update zum World Economic Outlook vor.

PEKING - Test - Neue Zahlen zur Stimmung bei Chinas industriellen Einkaufsmanagern.

FRANKFURT ETC. - Deutsche Zahlen - Eine Reihe deutscher Konzerne legen Quartalsergebnisse vor, darunter BASF, Deutsche Börse und MTU.

PARIS/DETROIT ETC. - Internationale Zahlen - Die Berichtssaison erfasst weitere internationale Schwergewichte, darunter LVMH, Ford, General Motors, Amazon, Roche, Eli Lilly.

Freitag

TOKIO - Zurück in die Deflation? - Neue Daten zur Verbraucherpreisentwicklung in Japan

MÜNCHEN/NÜRNBERG - Deutsche Launen - Neue Zahlen vom Ifo-Institut zum Geschäftsklima bei deutschen Managern und von der GfK zur Stimmung bei Verbrauchern.

LONDON - Wahl und Wirklichkeit - Neue Schätzung zum BIP-Wachstum in Großbritannien.

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Hilfskraft 20.07.2014
1. wie ...
... kann auf Dauer eine Wirtschaft boomen, wenn die dafür nötige Infrastruktur vor sich hin bröselt? Eine Wirtschaft auf Dauer flott zu halten bedeutet, eine intakte Infrastruktur, eine starke Binnennachfrage und einen starken Export. Merkels Regierung setzt seit fast 10 Jahren einzig auf starken Export. Sie macht sich dabei nicht einmal Gedanken darüber, wie die Exportgüter zum nächsten Hafen/Flughafen gelangen sollen, wenn Brücken für LKW geschlossen werden müssen, wie es bei uns der Fall ist ... Geh´ ganz lange wandern ... Angela!
jaloms 20.07.2014
2. Dumme SChwarzmaler !
Zitat von sysopREUTERSDer versprochene Aufschwung droht auszufallen. Wieder mal schwächelt die Weltwirtschaft, schon ist vom Ende des Wachstums überhaupt die Rede. Doch die Schwarzmaler übersehen ein paar wichtige Trends. http://www.spiegel.de/wirtschaft/henrik-mueller-ueber-wirtschaftswachstum-2014-die-pessimisten-sind-los-a-981977.html
Klar geht es wieder bergauf ! Es ist wissenschaftlich erwiesen, und auch der gesunde Menschenverstand gibt vor, dass der menschliche Fortschritt und sein Witrtschaftswachstum gar nicht aufzuhalten ist. Natuerliche Grenzen hat er ja keine ! Also, was kann schiefgehen ? Immer mehr, immer besser, immer schneller, immer essen.
mk70666 20.07.2014
3.
Prominente Wirtschaftspessimisten treten immer dann in den Vordergrund, wenn Lohnforderungen der Arbeitnehmer drohen.
DerNachfrager 20.07.2014
4. Aber bitte...
Wollen sie denn den Kapitalismusweltuntergangspredigern das Geschäftsmodell versauen ?
rus13 20.07.2014
5.
Wachstum ist generell eine begrenzte Sache, weil schon die Ressourcen auf der Erde begrenzt sind. Bei derzeitigen Trends werden die Grenzen des Wachstums auf jeden fall in diesem Jahrhundert erreicht. Zu stoppen ist dies nur mit einen stabilen ökonomischen und ökologischen Gleichgewicht. Ebenso müssen die Grundbedürfnisse aller Menschen befriedigt werden und Chancengleichheit herrschen. Leider stehen diese Ziele gegen die Interessen der mächtigen. Aber noch vor 2100 wird die soziale Lage sich extrem verschärfen und viele Menschen an Mangelernährung und fehlender medizinischer Grundversorgung sterben.
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