Niedrige Renten So schützen Sie sich am besten vor Altersarmut

Was bleibt von der Rente? Für viele Menschen nicht viel. Gerade Geringverdienern und Teilzeitbeschäftigten droht die Altersarmut. Private Vorsorge kann helfen - doch auch dabei lauern Fallstricke.

Senioren im Ruhrgebiet
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Senioren im Ruhrgebiet

Eine Kolumne von


Mehr als die Hälfte aller Menschen hierzulande hat Angst vor Altersarmut. Angst ist ein schlechter Ratgeber, doch die Sorge, im Alter nicht genug zum Leben zu haben, ist berechtigt. Umso schlimmer ist es, dass auch die aktuellen Diskussionen um Rentenniveau und Fehler der Riester-Rente an den Ursachen vorbeigehen.

Die Basis der Absicherung im Alter ist für die meisten Menschen hierzulande nach wie vor die gesetzliche Rente. Und die wird nicht für die Erhaltung des Lebensstandards reichen. Sie wird zunehmend nicht einmal dafür reichen, das menschenwürdige Existenzminimum zu garantieren. Millionen Menschen werden auf die steuerfinanzierte Grundrente (Hartz IV für Rentner) angewiesen sein, die das Existenzminimum sichert. Ob die Bezieher gearbeitet haben oder nicht, macht für sie in der Rente finanziell dann keinen Unterschied.

Punkte sammeln bis zur Rente

Das liegt am System. Wie viel Rente man aus der gesetzlichen Rentenversicherung bekommt, hängt davon ab, wie viel man eingezahlt hat. Wer zum Beispiel als Durchschnittsverdiener (nach der Definition der Rentenkasse 36.267 Euro brutto im Jahr) sein Leben lang Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt hat, erwirbt dafür pro Jahr einen Rentenpunkt. Ein solcher Rentenpunkt ist in Westdeutschland 29,21 Euro spätere Rente wert, in Ostdeutschland 27,05 Euro.

Es lässt sich daraus leicht berechnen, wie viel Rente ein Durchschnittsverdiener erwarten kann: Nach dreißig Arbeitsjahren bekommt ein Rentner in Westdeutschland zum Beispiel gut 870 Euro Rente, also etwas mehr als das Existenzminimum. Nach 40 Jahren sind es 290 Euro mehr, also gut 1.160 Euro; nach 45 vollen Beitragsjahren sind es sogar 435 Euro mehr, also gut 1.300 Euro. Netto hat der Rentner allerdings weniger, denn er muss aus seiner Rente die Beiträge zur Krankenkasse bezahlen, außerdem muss er die Rente versteuern.

Was tut aber jemand, der lange Jahre wenig verdient hat? Wer heute zum Beispiel den Mindestlohn von 8,50 Euro in der Stunde verdient, bekommt am Monatsende bei 160 Arbeitsstunden knapp 1.400 Euro brutto heraus. Im Jahr sind das 16.800 Euro - noch nicht einmal die Hälfte des deutschen Durchschnittseinkommens. Diese Arbeitsleistung entspricht 0,46 Rentenpunkten im Jahr. Um im Alter auf eine Rente in Höhe des Existenzminimums zu kommen, müsste ein solcher Geringverdiener 63 Jahre lang voll arbeiten und einzahlen - also als 16-Jähriger mit dem Arbeiten beginnen und als 79-Jähriger aufhören.

Sie meinen jetzt vielleicht, das betrifft nicht so viele Bürger. Na ja. Teilzeitbeschäftigte erwerben auch keine großen Rentenansprüche. Es gibt nur wenige Arbeitnehmer, die Teilzeit 36.000 Euro im Jahr verdienen und somit einen ganzen Rentenpunkt gutgeschrieben bekommen. Länger selbstständig ohne durchgreifenden Erfolg? Schlecht für die Rente! Arbeitslos? Schlecht für die Rente! Krank? Schlecht für die Rente! Es zählt das Durcharbeiten bis 67.

In Deutschland ist die Verbindung zwischen niedrigen Löhnen und drohender Altersarmut so ausgeprägt wie nirgendwo sonst in Europa. Viele Menschen haben zusätzliche Altersvorsorge betrieben. Sie stellen sich eine Reihe von Fragen. Welche Form der Altersvorsorge soll ich wählen? Bei welchem Anbieter? Und was habe ich davon?

Für Geringverdiener lohnt sich Riestern oft nicht

Das sind drei sehr berechtigte Fragen. Zuerst klärt man am besten, ob ein Riester-Vertrag infrage kommt, eine betriebliche Altersvorsorge oder ob man versucht, selbstständig, also ohne Förderung, Geld anzusparen. Für die meisten Sparer ist die Förderung hilfreich. Eine Betriebsrente kommt infrage, wenn der Chef ordentlich mithilft.

Sparer müssen aber in jedem Fall genau hinschauen. Denn die Unterschiede zwischen einem guten Riester-Vertrag und einem schlechten Riester-Vertrag machen (egal wann sie ihn abgeschlossen haben) beim Ansparen oft den Preis eines Kleinwagens aus. Die Unterschiede zwischen einer guten und einer miserablen Betriebsrente sind genauso groß.

In der Ansparphase können gute Riester Verträge für Niedrigverdiener durchaus lohnend sein. Die Förderung sorgt hier für eine ordentliche Rendite. Zur Verdeutlichung muss man nicht mal den Fall nehmen, dass ein Azubi mit wenigen Euro Einzahlung im Monat 154 Euro Förderung und 200 Euro Abschlussprämie einstreicht.

Doch dann kommt die entscheidende Frage: Habe ich etwas davon? Lohnt sich der Verzicht auf Kinokarten oder Eis essen mit der Familie, um stattdessen fürs Alter vorzusorgen? Hier zeigt sich die Ungerechtigkeit des Systems. Denn für viele Niedrigverdiener lohnt sich die Riester-Rente oder Betriebsrente trotz ordentlicher staatlicher Förderung nicht.

Aus zwei Gründen: Wenn man aus der gesetzlichen Rente weniger als das Existenzminimum herausbekommt, werden Riester-Renten und Betriebsrenten angerechnet auf die zu zahlende Grundrente. Die Riester-Rente wird gezahlt, der entsprechende Teil der Grundrente entfällt. Der arme Rentner hat trotz jahrzehntelangen Verzichts für seine Riester-Rente nicht mehr Geld in der Tasche.

Und dann haben arme Rentner auch noch deutlich kürzer etwas von ihrer Rente. Das Robert Koch Institut hat ausgerechnet, dass die Lebenserwartung armer Rentner rund zehn Jahre kürzer ist als die der wohlbetuchten. Das heißt: Sie bekommen in Summe weniger gesetzliche Rente heraus und oft nicht einmal die schöne Sparsumme ihres Riester-Vertrages ausgezahlt, bevor sie sterben. Doppelter Mist!

Was tun? Trotzdem privat vorsorgen! Mit etwas beruflichem Erfolg ergibt die gesetzliche Rente mehr als das Existenzminimum und dann lohnen eigene zusätzliche Anstrengungen.

Finanztip ermittelt regelmäßig gute Riester-Verträge. Die entsprechenden Ratgeber zu Riester-Versicherern , Fonds , Banksparplänen und Baufinanzierung finden sie hier. Gute Tests liefert auch die Stiftung Warentest.

Wenn der Chef Geld dazugibt und die Kosten nicht so hoch sind, ist eine betriebliche Altersvorsorge eine gute, manchmal die bessere Alternative.

Heiraten wäre auch eine Option - aber nur jemanden mit besseren Rentenaussichten. Liebe vergeht, Hektar besteht, hieß es früher in der Landwirtschaft.

Zwei Grundprobleme können nur unsere Politiker lösen. Erstens müssen sie dafür sorgen, dass die Steuergelder zur Förderung der privaten Altersvorsorge tatsächlich bei den Kunden ankommen und nicht bei Finanzdienstleistern versickern. Sie dürfen auch nicht verschwinden, weil sie auf die Grundsicherung angerechnet werden. Riester-Verträge müssen zertifiziert werden. Nach meiner Kenntnis ist trotz bekannter Probleme nie einem Anbieter das Zertifikat entzogen worden.

Zweitens brauchen wir eine grundlegende Reform der gesetzlichen Rente, die das Thema Altersarmut angeht. Das Schrauben an den Rentenniveaus und Diskussionen über längere Lebensarbeitszeiten bringen dieses Problem seiner Lösung kaum näher.


Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.
Haftpflicht, Rente, Zahnersatz
insgesamt 420 Beiträge
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Seite 1
Rassek 23.04.2016
1. An der
Wirklichkeit vorbei ! Wir können bei diesen Löhnen nix ansparen !!! Wir können unsere Kinder auch nicht auf bessere Schulen schicken. Das soll so sein und ist kein Zufall.
INGXXL 23.04.2016
2. Der best Schutz gegen
Alert Armut ist ein gutbezahlter Job bei einem Konzern der eine gute Betriebliche Altersversorgung hat. Der zweit beste Weg ist Beamter zu werden. Wer halbtags arbeitet muss es sich halt leisten können.
El pato clavado 23.04.2016
3. Wer jetzt schon nichts hat
hat auch im Alter nichts.Wo von denn auch. Ich kann diese dämlichen Ratschläge nicht mehr hören
emmimaus 23.04.2016
4. Hartz lV
Am Ende wird sich zeigen, ob Hartz lV in der Lage sein wird, nicht leistungsfähige Rentner zu unterhalten. Zwangsläufig muss es ja dazu kommen. Oder man geht endgültig zum Kopfgeld für alle über. Aber am sinnvollsten halte ich die Abwandlung auf ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Schon allein durch das Einsparungspotential in der Verwaltung wären 2/3 des Aufkommens gesichert.
HaMü 23.04.2016
5.
Reich heiraten? Super Tip.
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