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Hightech-Leben: Die schlaue Wohnung

Von Sebastian Knauer

Leben ist heute, E-Wohnen ist morgen. In Berlin hat ein Unternehmer eine Firma gegründet, die komplett vernetzte Wohnungen einrichten will. Ein Muster-Appartement zeigt, was technisch möglich ist. Ein Rundgang.

Hamburg - Benjamin Otto kann getrost als Pionier des E-Wohnens gelten, auch wenn das bisher niemand weiß. In seinem Elternhaus an der Elbe daddelte der Spross der Versandhausfamilie einst lieber auf seinem ersten Commodore C64 statt sich seinen Hausaufgaben zu widmen. Um dabei keine bösen Überraschungen zu erleben, stellte er zur Überwachung des Treppenaufgangs eine Kamera auf, die das Herannahen der Mutter oder anderer unerwünschter Aufsichtspersonen meldete und einem schnellen Wechsel von der Tastatur zum Matheheft ermöglichte.

Inzwischen hat Otto die Firma "Intelligent House Solutions" gegründet und seine Ideen für vernetztes Wohnen ordentlich weiterentwickelt - das wird spätestens nach dem Eintreten in die Berliner Drei-Zimmer-Musterwohnung der Firma klar. In sanften Tönen leuchtet im Flur eine lange Lichtwand, gegenüber ist ein DIN-A4-großes Display in die Wand eingelassen. Es hat schon gespeichert was der Wohnungsbesucher verpasst hat. Sowohl die Nachrichten derer, die vergebens angerufen haben oder vor der Tür standen, als auch mögliche Störungen in der Haustechnik. Inklusive der SMS, die deswegen automatisch an den Techniker versandt wurde.

Über das Display lässt sich mit einem Taststift eigentlich auch alles programmieren, was in der Wohnung vor dem Schlafengehen noch passieren soll: Das "Klima", die gewünschten Lichtverhältnisse ("Geschäftsessen" oder "Candlelight"), das abendliche DVD-Programm. Das Multimedia Center hält von der "Tagesschau" bis zum Piratenfilm alles bereit wonach dem Wohnungsbewohner gerade ist.

Nähert der Eintretende die Hand einer kleinen Stahlmünze neben der Tür, fährt die Schiebetür zur Garderobe leise auf ihren Schienen beiseite. Ein weiterer Sensor steuert die Rückwand der Garderobe, die ebenfalls zur Seite surrt und den Weg in das dahinter liegende Badezimmer freigibt wie zu einer verborgenen Schatzkammer in ägyptischen Grabanlagen.

Das Appartement soll aber nicht nur zeigen, was alles möglich ist - Otto glaubt fest, dass sogenannte intelligente Wohnungen und Häuser ganz neue Chancen auf dem Immobilienmarkt bieten. "Wir wollen einen neuen Markt entwickeln", erklärt er. Deshalb versuchte der 31-Jährige, allen denkbaren Wünschen vorzugreifen. Im Arbeitszimmer lassen sich die Bibliotheksregale trotz tonnenschwerer Last über den entsprechenden Sensor an die Wand verschieben, so dass Raum frei wird. Der Laptop versinkt auf Wunsch samt Monitor in der Tischplatte. Die Trennscheiben zwischen Wohn- und Schlafraum sind je nach Laune milchig oder klar.

Dabei sei die Hightech-Wohnung durchaus erschwinglich, sagt Otto: Alles in allem koste diese Lebenswelt der Zukunft 400.000 Euro. Und die Nachfrage nach solchen Wohnlösungen sei absehbar: Aus Sicherheitsgründen seien etwa in den USA Villenneubauten schon standardmäßig mit elektronisch vernetztem System ausgestattet. Zudem ist nach der Studie einer Unternehmensberatung im Auftrag seiner Firma auch der Energieverbrauch der elektronisch gesteuerten Wohnräume optimiert. Der Stromverbrauch liegt demnach auf Grund der Spar-Steuerung durch Bewegungsmelder um bis zu 30 Prozent niedriger.

Otto weiß: "Bei den Deutschen sind noch viele Vorbehalte gegen solche technischen Innovationen vorhanden." Aber die Bequemlichkeit der Menschen werde sich auch hier durchsetzen. "In jedem Auto steckt Elektronik, die das Fahren einfacher und komfortabler macht. Warum soll das mit Wohnungen nicht funktionieren?"

Pulsmessen über die "E-Health-Funktion"

Allerdings ist Otto nicht der einzige Unternehmer, der diesen neuen Markt für sich entdeckt hat. Microsoft-Gründer Bill Gates ließ bereits in den neunziger Jahren in seinem Landhaus in Medina am Lake Washington mehr als 80 Kilometer Glasfaserkabel verlegen. Auf 20.000 Quadratmeter steuern seitdem diverse Sensoren und Sender das Alltagsleben des reichsten Mannes der Welt. In München baute Gates' Unternehmen ein "Haus der Gegenwart" mit allermodernster Technik.

Auch die Telekom präsentierte auf der Internationalen Funkausstellung 2005 ihr "T-Com-Haus": In dem "digitalen Eigenheim" ist nach Konzernangaben sogar eine "E-Health-Funktion" angedacht. Mittels Sensor soll der Bewohner seine Körperwärme oder den Pulsschlag kontrollieren können.

In Zürich testet ein Gebäude-Netzwerk-Institut unterdessen den alltagstauglichen Einsatz so genannter Bus-Systeme, die verschiedene Anwendungen von der Alarmanlage bis zur Zentralsteuerung der Kinderzimmer-Überwachung vernetzen.

Otto selbst kam nach einem Besuch von Gates' verkabelter E-Wohnung auf seine Geschäftsidee. Und um die Alltagstauglichkeit seiner Wohnideen zu garantieren, lebte der Verlagshaus-Sohn schon im Selbstversuch über Monate hinweg in seiner Musterwohnung. "Da kriegt man ein Gefühl für Verbesserungen", sagt er.

Sicher wird sich nicht jeder elektronische Schickschnack durchsetzen. Ob wirklich ein klappbarer Küchentresen gefragt ist, der als Durchreiche und Wand programmiert werden kann, oder ob sich im Schlafzimmer ein Wandgemälde unbedingt zum verschiebbaren Plasma-Bildschirm mutieren muss, werden die Konsumenten entscheiden.

Vor allem aber gibt es an dem System noch ein paar Kinderkrankheiten auszumerzen: So reagieren die Radarfunk-gesteuerten Schalter unter Putz beispielsweise noch auf Handbewegungen aus ziemlich weiter Entfernung. Es wäre schon peinlich, wenn der Hausherr gerade auf dem Klo sitzen sollte und die Schiebetür aufgeht, weil der Besuch sich abrupt umdreht.

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Hightech-Wohnen: Ottos Berliner E-Appartment

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