Hitze am Arbeitsplatz Mit Eiswürfeln bitte aufs Klo!

Man möchte schon den ersten Aufguss starten, da fällt einem ein, dass man im Büro sitzt und nicht in der Sauna. Die Temperaturen, die dieser Tage an manchem Arbeitsplatz herrschen, sind eine Zumutung. Dabei spricht der Gesetzgeber von einer maximalen Büro-Temperatur von 26 Grad.


Hamburg - So locker wie der Betreiber einer Trierer Wäscherei können es dieser Tage wohl nur wenige angehen: Er arbeitet zurzeit in Badehose, seine Frau trägt Bikini während des Waschens. "Im Raum sind 37 Grad, an der Heißmangel ist es sogar noch wärmer. Und wir haben ja keinen Publikumsverkehr, da stört das niemanden", sagt er fröhlich. Zwischendurch springen die beiden in den Swimmingpool im Garten, denn die Wäscherei ist direkt an das Wohnhaus angeschlossen.

Für die meisten anderen Arbeitnehmer in Deutschland gilt: Wehe dem, der nicht in einem Büro mit gut funktionierender Klimaanlage arbeitet. Da heißt es, sich durchzuschwitzen bis zum Feierabend. Denn einfordern lassen sich ein kühler Arbeitsplatz oder gar Hitzefrei für Erwachsene nur in Ausnahmefällen. Die gültige Arbeitsstätten-Richtlinie empfiehlt zwar Raumtemperaturen von höchstens 26 Grad, doch ein rechtlicher Anspruch lässt sich daraus nicht ableiten.

Verbindlich ist nur die Arbeitsstättenverordnung, und die ergeht sich in bürokratischer Schwammigkeit: Wenn "aus betriebstechnischer Sicht keine spezifischen Anforderungen an die Raumtemperatur" bestünden, müsse diese "gesundheitlich zuträglich" sein.

Wann das der Fall ist, ist offensichtlich Interpretationssache, wie ein Blick in Internetforen und Beratungschats zeigt. Von 45 Grad und mehr am Arbeitsplatz ist da nicht selten die Rede. Und bei den Klamotten zu sparen komme gar nicht gut, warnen Experten.

Während Schüler beim Sport umkippen und Ärzte von unzähligen Hitzeopfern in der Notaufnahme berichten, warnen Etikette-Fachleute stattdessen dringlich davor, wegen der tropischen Temperaturen im Geschäftsleben die Haltung zu verlieren. Da heißt es: Lieber das Jackett anbehalten und umkippen als zu leger aufzutreten. Wie üblich dürfe das schweißtreibende Herren-Kleidungsstück um Gottes Willen erst dann abgelegt werden, wenn es der Gastgeber vorgemacht hat, erklärt etwa Benimm-Expertin Nandine Meyer in der Zeitschrift "Guter Rat". Und die Krawatte gehöre auch dieser Tage natürlich an den Hals, und wehe, wenn sie nicht bis zur Gürtelschnalle reicht. "Das macht einen äußerst schlampigen Eindruck."

"Absolut tabu sind auch jetzt ein aufgeknöpftes Hemd und eine nur lose gebundene Krawatte", sagt die Beraterin weiter. Auch nackte Frauenbeine unterm Rock seien bei formellen Terminen ein absolutes No-No. Den Schweiß, der in die Nylons rinnt, sieht man schließlich nicht. Einzig, wer nur im Büro arbeite und keine Außentermine habe, könne Jacke und Krawatte ablegen - kurze Hosen dagegen seien unverzeihlich.

Auch sonst hat die Etikette-Fachfrau hilfreiche Tipps. So ist es okay, sich den Schweiß von der Stirn mit einem Kleenex abzutupfen. Wer sich aber etwa mit einem Eiswürfel über das glühende Gesicht fahren will, solle das doch lieber auf der Toilette tun. Dort kann er sich dann auch gleich einer der zahlreichen Waschungen unterziehen, die die Benimm-Expertin vorschlägt.

Einziger Trost für dampfende Bürohengste mag die Vorstellung sein, dass es noch weit schlimmer kommen kann. Hart trifft es etwa Bauarbeiter oder Dachdecker. Sie müssen wegen der Hitze zurzeit oft schon um 5.30 Uhr antreten. "Auf Flachdächern können bei diesem Wetter Temperaturen von bis zu 90 Grad entstehen", erklärt etwa der Hauptgeschäftsführer des Landesinnungsverbands der Dachdecker, Uwe Klehn.

Deshalb müssen die Arbeiter dort oft schon um halb sechs Uhr ran - sehr zum Unmut mancher Nachbarn der Baustellen. "Ich kann da nur um Verständnis bitten", kontert Klehn die zahlreichen Beschwerden. Die IG Bau fordert jetzt sogar ein Schönwettergeld für Menschen, die unter freiem Himmel arbeiten müssen.

ase/AFP/dpa



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