Von Tom Hillenbrand, New York
New York - Es war ein kalter Tag im Januar, als Jodie Lane ihre beiden Hunde im East Village spazieren führte. An der Ecke East 11th Street Street und 1st Ave, wo der Metalldeckel eines Versorgungsschachtes im Boden eingelassen ist, drehten die Tiere plötzlich durch und begannen nacheinander zu schnappen. Die 30-jährige Doktorandin versuchte, ihre Hunde zu beruhigen, wollte sie voneinander trennen. Lane griff nach einem der Tiere und bekam einen Stromschlag, der sie ohnmächtig werden ließ. Als es Rettungskräften später gelang, die junge Frau von der elektrifizierten Platte zu zerren, war sie bereits tot.
Der Fall Lane hat den Bürgern von New York wieder einmal bewusst gemacht, wie marode die Energieinfrastruktur in manchen Teilen der Stadt ist. In ihren Eingeweiden verlaufen gut 90.000 Meilen Stromkabel. Die Zugänge zum elektrischen Nervensystem sind in 260.000 Servicekästen unter metallenen Platten oder Gullideckeln verborgen, der Großteil davon auf Straßen oder Trottoirs. Verantwortlich für das Netz ist die örtliche Stromgesellschaft Con Edison, die Jahr für Jahr satt schwarze Zahlen schreibt. Auch dieses Jahr hat Con Ed wieder die Dividende für seine Aktionäre erhöht. Zum dreißigsten Mal in Folge.
Probleme mit Salzwasser
Gunnar Hellekson hat einen Schäferhund namens Elsa, wohnt im East Village und ist ein eher ruhiger Typ. "Ich war nie einer von diesen Aktivisten", meint der 28-jährige. Bis zu jenem Tag, als in seiner Nachbarschaft als Reaktion auf den Tod Lanes eine Versammlung abgehalten wurde. Dort, erinnert sich Hellekson, sei auch ein Vertreter Con Eds aufgetaucht. "Der wollte nicht einmal zugeben, dass Jodie durch einen Stromschlag getötet wurde", sagt Hellekson. "Das hat mich richtig wütend gemacht". Der Hundefan hat gemeinsam mit anderen eine Bürgerinitiative namens "Jodie Lane Project" gegründet. Diese wirft Con Ed vor, die Stromleitungen verrotten zu lassen. Der lokale Versorger, eine Tochter des Energiekonzerns Consolidated Edison Inc., gebe viel zuwenig Geld für Wartungen aus - nicht einmal das magere Inspektionsbudget, das der Konzern sich selbst gesetzt habe, sei in den vergangenen Jahren vollständig ausgegeben worden.
Con Eds Sprecher Chris Olert räumt auf Anfrage ein, dass man in der Vergangenheit die Leitungen zu selten inspiziert habe. Nach dem Tode Lanes habe Con Ed jedoch alle Gullis untersucht. "Und 99,9 Prozent waren in Ordnung", so Olert. In Zukunft werde man alle Serviceeinheiten im Jahresrhythmus überprüfen. Vorher hatte die Stromgesellschaft Kritikern zufolge immer erst reagiert, wenn etwas kaputt war.
Dabei gab es bereits in der Vergangenheit des Öfteren elektrifizierte Gullis. In Midtown Manhattan wurde im Jahr 1999 ein Pferd von einem Stromschlag getötet. Zudem kommt es immer mal wieder zu Bränden oder Explosionen, bei denen Gullideckel durch die Luft fliegen. Con Ed zufolge sind alle Kabel an den Metallplatten geerdet und isoliert. Allerdings bereite das winterliche Salzen der Straßen der Stromgesellschaft große Probleme - weil Salzwasser sehr gut leitet. Hellekson hält das für eine Ausrede: "Wenn die Leitungen tatsächlich alle isoliert sind, wieso ist Wasser, salzig oder süß, dann überhaupt ein Problem?"
Liste verdächtiger Hundewege
Nach Angaben des Con-Ed-Sprechers hat es seit dem Todesfall im Januar keine weiteren Zwischenfälle gegeben. Zwar erhalte das Unternehmen "beinahe täglich Hinweise" auf vermeintlich schadhafte Kabel, bisher habe man jedoch keine weiteren elektrifizierten Gullis entdeckt. Einem Artikel der Nachrichtenagentur Reuters zufolge sind seit Januar jedoch mindestens zwei weitere Hunde getötet worden. Auch die "New York Post" meldet weitere Fälle. Hundebesitzer berichten ferner, dass ihre Tiere bestimmte Gehwege meiden. Hundertprozentig nachprüfen lässt sich dies nicht. Bislang war Con Ed nicht einmal verpflichtet, der für die Überwachung der Versorger zuständigen Public Service Commission entsprechende Zwischenfälle zu melden. Erst vergangene Woche hat die Stadt eine so genannte stray voltage bill verabschiedet, die dies gesetzlich vorschreibt.
Kürzlich hat New Yorks Stromgesellschaft bei der zuständigen Regulierungsbehörde beantragt, die Preise erhöhen zu dürfen - um durchschnittlich 6,7 Prozent. Dadurch will das Unternehmen 550 Millionen Dollar pro Jahr zusätzlich einnehmen. Kritiker wenden ein, dass New Yorks Einwohner bereits die höchsten Strompreise der USA haben. Con Eds Präsident Kevin Burke will diesen Einwand nicht gelten lassen. " Con Edisons Netz ist das zuverlässigste der Nation", so der Manager vergangenen Freitag. "Aber dieses Netzwerk aufrecht zu erhalten … ist keine einfache Aufgabe".
Alle bekannten Fälle ereigneten sich im East Village. In der Regel erwischt es nicht die Herrchen, sondern die Hunde, "denn die tragen", wie Hellekson trocken bemerkt "keine Schuhe". Eine Erklärung für die geographische Häufung gibt es nicht. Vielleicht liegt es einfach daran, dass der in dem Alternativviertel gelegene Tompkins Park einen der größten Hundespielplätze New Yorks beherbergt und deshalb entsprechend viele Vierbeiner in der Gegend unterwegs sind. Das Jodie Lane Project hat im Internet eine Liste von mutmaßlichen Gefahrenzonen veröffentlicht. Dort steht beispielsweise: "an der Südostecke der vierzehnten Straße und Avenue B vor dem Dynasty Diner …Petey führte dort … immer einen kleinen Hüpftanz auf."
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