Steuerschuld von Hoeneß Sein Desaster

27,2 Millionen Euro soll Uli Hoeneß an Steuern hinterzogen haben. Die Summe ruiniert die Glaubwürdigkeit des Bayern-Präsidenten und macht ein mildes Urteil unwahrscheinlich. Welche Strategie verfolgt die Verteidigung nur?

Aus München berichten und

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Die Rosenheimer Steuerfahnderin verließ den Gerichtssaal nicht allein. Wenige Meter vor ihr ging ein Polizist, der einen großen, roten Wäschekorb trug. Darin lagen vier Ordner, ein Laptop und mehrere Datenträger. Die Beamtin hatte sich vorbereitet, um Ulrich Hoeneß am zweiten Prozesstag das gesamte Ausmaß seines Steuerbetrugs aufzuzeigen.

Akribisch habe sie zusammen mit ihren Kollegen tagelang die Unterlagen gesichtet, die Hoeneß' Anwälte ihr Ende Februar überbrachten, sagte sie am Dienstag im Münchner Justizpalast. (Lesen Sie das Minutenprotokoll des Prozesstags hier.) Mehrere USB-Sticks, mehr als 52.000 Blatt Papier, alles Material der Schweizer Vontobel Bank, bei der Hoeneß seine beiden Konten versteckte. "Ein großer Schuhkarton voller Unterlagen", sagte Richter Rupert Heindl. Es war purer Spott. Die Bezeichnung "Schuhkarton" wird von Steuerfahndern gerne benutzt, um die Belege für eine Steuererklärung oder Selbstanzeige als schlampig zu diskreditieren.

Die geladene Steuerfahnderin ging nicht auf Heindl ein und begann von ihrem Laptop abzulesen. Zahl für Zahl, Jahr für Jahr, sogar in Teilen Geschäft für Geschäft, die Hoeneß in den Jahren 2003 bis 2009 getätigt hatte, wurden von der Beamtin aufgedröselt. Die Zeugin referierte zunächst stundenlang die Erkenntnisse, auf deren Grundlage die Staatsanwaltschaft die Anklage gezimmert hatte. Also ohne die neuen, bislang unbekannten Vontobel-Papiere. Spannend wurde es, als sie Hoeneß' Kontohöchststand erwähnte: Etwas mehr als 155 Millionen Euro, erzielt im Jahr 2005. Der Angeklagte beobachtete die Monotonie der Steuerfahnderin mit stierem, geradem Blick. Hoeneß' Kopfröte ging dabei zunehmend in Richtung lila; im Saal war es heiß und stickig.

Der zweite Prozesstag entglitt ihm völlig

Als die Zeugin ankündigte, zum neuen, vor zwei Wochen erhaltenen Vontobel-Material zu berichten, richtete sich der sonst mehr liegende als sitzende Staatsanwalt Achim von Engel erstmals auf. Kurz darauf kündigte sie das "Höchstbetragsergebnis" an, das ihre Behörde für den Fall Hoeneß ermittelt habe. Im Saal wurde es still wie vor der Peripetie eines Dramas. "Ich kann ihnen die Zahl auch zeigen", sagte die Zeugin, als wolle sie ihren Auftritt vor dem rund hundertköpfigen Saalpublikum noch etwas genießen. Richter Heindl winkte sie, den Staatsanwalt und die Verteidigung an seinen Tisch.

Zehn Personen steckten die Köpfe übereinander zusammen, es wurde gemurmelt, einzelne Zahlen waren vernehmbar, das jüngste Bankmaterial wurde noch mal visualisiert. Und Heindl sagte zwischendurch: "Wir reden von 1,7 Millionen, von denen keiner weiß, wo sie stecken." Stille. Das ist das Hoeneß-Ausmaß: Es wird mit Millionenbeträgen jongliert und keiner kommt mehr hinterher. Da können scheinbar auch mal ein paar Millionen einfach vom Erdboden verschluckt werden.

Dann, völlig nebenbei, sagt die Zeugin die eigentliche Zahl: "Wir sprechen hier von 23,7 Millionen."

23,7 Millionen Euro. Steuerschulden. Zu der Summe werden noch die 3,5 Millionen aus der Anklage dazugerechnet: 27,2 Millionen in Gänze. Und das ist, so betont die Fahnderin, lediglich ein "Schätzbetrag". Es kann auch noch mehr werden.

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Prozess gegen Uli Hoeneß: Schwere Vorwürfe, ernste Gesichter

Heindl will erst mal eine Pause. Hoeneß eilt als erster und in höchstem Tempo aus dem Saal. Er hat die Zahl gehört, während er allein auf der Anklagebank saß. Hoeneß blieb reglos, fast versteinert sitzen. Zwischenzeitlich schlug er sich die Hände vors Gesicht, wischte sich die Stirn ab. Am ersten Tag hatte er eingeräumt, 18,5 Millionen Euro hinterzogen zu haben. Der zweite Prozesstag entglitt ihm völlig. Er wirkt beim Herauslaufen verzweifelt. Hoeneß muss jetzt die Härte des Gesetzes fürchten. Ein mildes Urteil erscheint an diesem Dienstag kaum noch möglich.

Retten, was gerade noch zu retten ist

Es ist fraglicher denn je, wie die Prozessstrategie der Hoeneß-Anwälte tatsächlich aussieht. Sah es zu Beginn des Prozesses noch so aus, als wolle man Hoeneß als glaubhaft reuigen Sünder präsentieren, so hat sich dieses Bild doch jäh gewandelt. Wer glaubt Hoeneß heute noch ein Wort, nachdem vor Gericht eine Bombe nach der anderen detoniert? Das kann keine wohlüberlegte Strategie, keine sorgfältige taktische Auffächerung der Beweislage durch die Verteidigung sein, sondern sieht eher nach dem Motto aus: Retten, was gerade noch zu retten ist.

Oder ist es ein äußerst geschickter Schachzug? Wenn der Staat nun nämlich nach dieser Riesensumme greifen möchte, muss er zumindest anerkennen, dass Hoeneß im höchsten Maße strafmildernd mitgearbeitet habe. Vielleicht sogar, dass seine Selbstanzeige in Teilen doch noch wirksam wird. Ohne Aufklärungshilfe von Hoeneß, das zeigt die dürftige Anklage, wäre die Staatsanwaltschaft an den Hürden des Schweizer Bankengeheimnisses gescheitert und hätte womöglich niemals etwas von dem Geld gesehen.

Nun wird es für Hoeneß auf seine Anwälte ankommen. Vor allem auf Staranwalt Hanns W. Feigen. Dieser hielt sich bislang sehr zurück. Lediglich am ersten Tag pfiff er Hoeneß zweimal so zurecht, dass keiner mehr verstand, was Feigen mit solchen Exzessen eigentlich beabsichtigt.

Hoeneß ist gewiss kein einfacher Mandant, schon deshalb, weil ihm wohl schon lange niemand mehr so über den Mund gefahren ist wie Feigen. An Selbstbewusstsein nehmen die beiden es miteinander auf. Ziemlich beratungsresistent sei Feigen, wird immer wieder gemunkelt.

Womöglich ist dies in diesem Fall die beste Verteidigungshaltung. Denn auf Hoeneß sollte vorerst besser niemand hören.

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Teamkollegen unter sich: Hoeneß (r.) und Gerd Müller 1973. Der heutige Bayern-Präsident wurde am 5. Januar 1952 in Ulm geboren. Als 18-Jähriger wechselte er zum FC Bayern. Dort gehörte er mit Müller, Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Co. zum Erfolgsteam, das in den Siebzigern Titel in Serie gewann.

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Damals entstanden in München und auch in der Nationalmannschaft Bande, die bis heute halten. Müller ist heute Co-Trainer der zweiten Mannschaft, Jupp Heynckes (r.) führte die Bayern vergangene Saison zum Triple aus Sieg in Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League.

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Unter Bundestrainer Helmut Schön debütierte Hoeneß (2.v.r.) 1972 in der Nationalmannschaft und traf gleich im ersten Spiel gegen Ungarn. Bereits einen Monat später erzielte er die frühe Führung im EM-Viertelfinale gegen England und wurde kurz darauf mit dem DFB-Team Europameister. 1973 nahm die Nationalmannschaft den Ohrwurm-Song auf: "Fußball ist unser Leben".

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1974 das Turnier im eigenen Land: Hier musste sich unter anderem der Australier James Mackay der Dynamik des Außenstürmers Hoeneß geschlagen geben. Beim 4:2 gegen Schweden traf Hoeneß zum Endstand.

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Nach dem gewonnenen WM-Finale gegen die Niederlande (2:1) feierte Hoeneß mit Beckenbauer den Titel. Es war der Höhepunkt einer kurzen Karriere, in der Hoeneß nahezu alle wichtigen Titel des Weltfußballs gewinnen konnte. Mit dem FC Bayern wurde er jeweils dreimal Deutscher Meister und Europapokalsieger der Landesmeister. Bereits im Alter von 27 Jahren musste er aber wegen eines Knorpelschadens im Knie seine Karriere beenden - und wechselte ins Management des FC Bayern.

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1982 überstand er nur knapp einen Flugzeugabsturz: Mit drei Freunden war Hoeneß zu einem Länderspiel nach Hannover geflogen, beim Anflug auf die Landeshauptstadt stürzte die Propellermaschine ab, der Bayern-Manager überlebte als Einziger. Als Hoeneß am nächsten Tag im Krankenhaus erwachte, fragte er: "Wie ist das Länderspiel ausgegangen?"

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Hoeneß professionalisierte den Verein und setzte auch bei seinen Trainern gern auf alte Freunde. Heynckes (3.v.r.) war erstmals von 1987 bis 1991 für die Mannschaft verantwortlich. Mit Kapitän Klaus Augenthaler (Mitte) feierten die Bayern-Bosse hier die Meisterschaft 1990.

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Heynckes und Augenthaler gehörten zum Bayern-Kosmos, den Hoeneß zusammenhielt. Neben aller Professionalität zeigte sich aber auch immer wieder das soziale Engagement des früheren Managers und heutigen Präsidenten. Als etwa Gerd Müller unter Alkoholsucht litt, war es Hoeneß, der dem ehemaligen Mitspieler wieder auf die Beine half und ihm einen Job beim Rekordmeister gab.

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Hoeneß gefiel sich auch in der Rolle des Gönners. So bot er dem FC St. Pauli ein Freundschaftsspiel an, um so den damals finanziell heftig angeschlagenen Hamburgern zu helfen. Dafür gab es vom damaligen St.-Pauli-Präsidenten Corny Littmann ein Retter-T-Shirt.

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Christoph Daum war über Jahre Hoeneߑ Intimfeind. Daum sollte 2000 deutscher Nationaltrainer werden. Doch Hoeneß machte Daums Kokainkonsum öffentlich, was zu heftigen Anfeindungen gegen den Bayern-Manager führte. Daum unterzog sich freiwillig einer Haarprobe mit den Worten: "Ich tue das, weil ich ein absolut reines Gewissen habe." Dummerweise bewies diese Haarprobe seinen Drogenmissbrauch, Hoeneß lag richtig.

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Ein inniger Freund von Hoeneß wurde der langjährige Bayern-Coach Ottmar Hitzfeld. Von 1998 bis 2004 und von 2007 bis 2008 war er Trainer in München, verlor 1999 im denkwürdigen Champions-League-Finale gegen Manchester United - und gewann den Titel zwei Jahre später gegen den FC Valencia.

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Auf Hitzfeld folgte Felix Magath, der beim VfB Stuttgart sein Händchen für talentierte Jungprofis unter Beweis gestellt hatte. Bei den Bayern gelangen Magath zwei Doubles aus Meisterschaft und Pokal in Folge. Doch der Trainer und Hoeneß rieben sich aneinander. Nach einem schlechten Rückrundenauftakt 2007 hatte der damalige Manager genug von seinem Coach, Magath musste gehen.

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Hitzfeld gab sein Comeback in München. Er sprang ein und blieb länger als ein Jahr. Im Mai 2008 verabschiedete sich Hitzfeld endgültig vom FC Bayern - mit der Meisterschaft und vielen Tränen. Da musste auch Hoeneß weinen.

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Nach dem emotionalen Abschied folgte Hoeneߑ wohl größtes Experiment: die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann. Der als Modernisierer und Reformer geholte Ex-Stürmer scheiterte und wurde im April 2009 nach nicht einmal einem Jahr gefeuert. "Bei Klinsmann haben wir viel Geld ausgegeben und wenig Erfolg gehabt", sagte Hoeneß später. Für den Rest der Saison übernahm Heynckes, der noch die Qualifikation für die Champions League schaffte.

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Es folgte der Neustart mit einem Niederländer: Louis van Gaal. Der führte die Bayern zum Sieg in Pokal und Meisterschaft sowie ins Finale der Champions League. Aber es prallten zwei gewaltige Egos aufeinander, van Gaals Zeit war bald abgelaufen. "Fachlich war er top. Dass er menschlich eine Katastrophe war, steht auf einem anderen Blatt", urteilte Hoeneß.

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Auf das holländische "Feierbiest" folgte wieder ein Mitglied der Bayern-Familie. Zum dritten Mal trat Heynckes die Trainerstelle beim FCB an - und stellte Hoeneß zufrieden. Heynckes habe die "kranke Seele" des Rekordmeisters geheilt, so der Präsident. Heynckes holte in seiner Abschiedssaison das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Im Sommer ging er in den Ruhestand.

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Die Steueraffäre wurde ausgerechnet im erfolgreichsten Jahr der Vereinsgeschichte öffentlich. 2013 holte der FC Bayern nämlich nicht nur das Triple, sondern zudem noch den europäischen Supercup und den Weltpokal. Hoeneߑ Auftritt bei der Jahreshauptversammlung im November wurde mit großer Spannung erwartet, die Affäre war seit einem halbem Jahr publik.

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Der Präsident hielt eine flammende Rede und wurde anschließend lautstark von den Mitgliedern gefeiert. Die "Uli, Uli"-Sprechchöre wollten kein Ende nehmen, was Hoeneß zu Tränen rührte. Wir, der FC Bayern München, sind eine Familie - das war die Botschaft an diesem Abend.

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Die Bayern-Familie wird Hoeneß vor Gericht nicht helfen können. Die Justiz entscheidet, ob der 62-Jährige wegen Steuerhinterziehung verurteilt wird und ob er womöglich ins Gefängnis muss.

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insgesamt 134 Beiträge
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stefan.bernstein 11.03.2014
1. Da gibts nichts mehr zu retten ..
... Hoeness hat genau gewusst was er da anstellt, jahrelang, und die Spenden aus unversteuerten Spekulationsgewinnen an irgendwelche wohltätigen Zwecke haben Ihren Glanz längst eingebüsst. Die Spenden dienten doch nur als Seelenbalsam und zur Gewissensberuhigung für die hinterzogenen Steuern . Und was soll die Verkündung der 18Mio, die hinten und vorne zu wenig waren? Soll dadurch das Urteil milder ausfallen? Bekommt ein Mörder der noch mehr Taten zugibt deswegen mildere Umstände? Lächerlich!
mazi2002 11.03.2014
2. Bewertung
Das Desaster scheint schon da loszugehen, dass vor Gericht die Staatsanwaltschaft "Experten" auffährt, die nie und nimmer Experten sein können. Jeder, der schon einmal ein Handelspotefolio zu bewerten hatte und bereits ein Ergebnis in den Raum stellte, bevor er alle Geschäfte erfasst hatte, weiss welchen Unsinn er verzapfte. Es ist eigentlich unerhört wie dieser Prozess geführt wird. Er erinnert stark an den Wulff- bzw. Mollath-Prozessoder gar an beide.
grizzly60 11.03.2014
3. falsch beraten, falsch verhalten
herr Höness wird jetzt lernen, warum der Ehrliche der Dumme ist, zumindest in der Behörden Republik Deutschland. Hätte er sich als gewerblicher Börsenhändler bzw. Aktienhändler betätigt so, hätte er wahrscheinlich deutliche geringere Steuern zu zahlen und auch seine Verluste falls vorhanden, hätte er für Ihn besser verrechnen können. Privat Personen im Aktienhandel stören das Geschäft. Privat Personen sollen die für Behörden und speziell beauftragten Personen günstigen Volksaktien kaufen und die Verluste tragen ala Telekom oder "Bahn". Höness stört dieses "deutsche" System und gehört deshalb in den Knast.
interdet 11.03.2014
4. Dies ALLES...
... entscheidnede Frage ist doch,. Warum hat Herr Hoeneß eigentlich ein Konto in der Schwiz eröffnet. Doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht, weil in D die Finanzberater alle unfähig sind und die Transaktionsgebühren deutlich günstiger. Nein, warum eigentlich??
stani 11.03.2014
5. Woher kam das Geld?
Zitat von sysopREUTERS27,2 Millionen Euro soll Uli Hoeneß an Steuern hinterzogen haben. Die Summe ruiniert die Glaubwürdigkeit des Bayern-Präsidenten und macht ein mildes Urteil unwahrscheinlich. Welche Srategie verfolgt die Verteidigung nur? http://www.spiegel.de/wirtschaft/hoeness-steuerschuld-von-27-2-millionen-macht-mildes-urteil-schwierig-a-958114.html
Mir ist das mit der Strafe eher egal, das soll das Gericht entscheiden, aber das ganze Gedöns mit den besonderen sozialen Wohltaten nervt. In Wikipedia heisst es zu dem Wurstunternehmen des Beschuldigten: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisierte im Herbst 2010, dass das Unternehmen keinen Betriebsrat habe, Branchentarifverträge nicht anwende und in großer Zahl Leiharbeiter einsetze.
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