Hörspiel-Szene Die Pubertätsleiden der "Drei ???"

Die Kassettenkinder sind längst erwachsen, das Medium Hörspiel dagegen nicht: Viele Fans lauschen auch mit Ende 30 noch "Drei ???" und "TKKG". Für Action, Anspruch und Avantgarde gibt es kaum einen Markt - dabei ist die Kreativ-Szene groß. Ein Rundgang über die Hamburger Hörspielmesse.

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Hamburg - Stimmen altern langsam. Schließt man die Augen, schenken sie Menschen den Anschein ewiger Jugend.

Bei den "Drei ???", der mit Abstand erfolgreichsten deutschen Hörspielserie, funktioniert diese Illusion seit den siebziger Jahren. Die Sprecher der drei Detektive sind längst erwachsen geworden. Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews aber stecken auch 2009, in der aktuellen 130. Folge, noch immer in der Pubertät.

Auch auf der 2. deutschen Hörspielmesse gibt es viele Kassettenkinder, die längst erwachsen sind. 37 Verlage und Audiolabels präsentieren am Samstag in Hamburg ihre neuen Produktionen einem Publikum, dessen Durchschnittsalter um die 30 liegen dürfte. Und in weißen Regalen stehen Kassettenrecorder aus Holz und schwarzem Plastik wie prähistorische Präparate.

Gäste, die durch die enge Ausstellung wandern, sehen ein Medium im Spannungsfeld von Nostalgie und Avantgarde - und einen Markt, der laut Statistik schrumpft. Die Hörspiel-Verkäufe gingen 2008 laut Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) um über 13 Prozent zurück - von 13,8 Millionen auf zwölf Millionen Tonträger. Gleichzeitig sanken die Preise pro verkaufter Einheit.

Die Zahlen sind nur bedingt aussagekräftig - sie umfassen nur einen Teil der vielfältigen Verkaufskanäle, die Ohrenkino-Produzenten nutzen. Bessere Werte sind allerdings nicht öffentlich zugänglich: Die großen Verlage hüten die Verkaufszahlen ihrer Produkte wie den heiligen Gral. Labels wie Europa, Universal und der Lübbe-Audioverlag antworten auch nach mehrfachen Anfragen nur sehr ausweichend.

Die Grundtendenz aber ist klar: "Unter Jugendlichen wird Hörspielhören zusehends durch andere Freizeitbeschäftigungen wie DVDs oder Computerspiele abgelöst", sagt Elisa Stefan, Marketing-Managerin bei Sony Music, dessen Hörspiel-Label Europa mit Serien wie "TKKG", "Hui Buh, das Schlossgespenst" und "Die drei ???" eine Großzahl der Audio-Bestseller herausgibt. Insgesamt schrumpfe der Markt dadurch allmählich.

Auf der Hamburger Hörspielmesse gibt es einen größeren Saal für das Kinderprogramm - er ist vielleicht zu zwei Dritteln mit Erwachsenen gefüllt. Auf der Bühne liest ein Sprecher mit fiepsiger Stimme "Piggeldy und Frederik". Jedes Abenteuer der Kult-Schweinchen startet mit demselben einprägsamen Satz, den das Publikum auch prompt mitspricht. "Nichts einfacher wie dies", brummelt es aus vielleicht 200 Erwachsenen- und einigen Kinderkehlen. "Komm mit. Und Piggeldy folgte Frederik."

40 Millionen verkaufte "Drei ???"-Folgen

Geschätzte zwei Millionen Erwachsene hören regelmäßig Hörspiele. Für bekennende Kassettenkinder wie Oliver, 36, ist Ohrenkino eine Zeitmaschine in eine heilere Welt. Er trägt ein "Drei ???"-Shirt. Er sagt, dass er alle 130 Folgen der Serie besitze - und die Abenteuer noch immer meist abends unter der Bettdecke hört. "Hörspiele sind in einem Punkt besser als Computerspiele oder Filme", sagt er. "Sie lassen Raum für Phantasie. Man kann, während man ihnen lauscht, die Geschichte selbst erschaffen."

Der Hörspielmarkt schrumpft dennoch - und er würde es vermutlich noch viel stärker tun, wenn da nicht die "Drei ???" wären. "Mehr als 100.000-mal verkauft sich jede neue Folge in den ersten drei Monaten nach Erscheinen", sagt Björn Akstinat, Autor eines "Drei ???"-Buchs* und Herausgeber der monatlichen Hörspiel-Hitparade. "Die Hörspiele gehen damit öfter über den Ladentisch als manches Album eines internationalen Popstars." Insgesamt wurden laut Europa mehr als 40 Millionen Tonträger der Kult-Serie verkauft.

Die Serie allein macht laut Akstinat rund 40 Prozent des gesamten Hörspielmarkts aus. Auch sonst bestimmt Hör-Hollywood ein Oligopol. Wenige Jugendserien produzieren fünf- bis sechsstellige Verkaufszahlen - und damit den Großteil des Marktumsatzes: "TKKG", "Fünf Freunde", "Bibi Blocksberg", "Benjamin Blümchen", "John Sinclair" und "Hui Buh, das Schlossgespenst". Daneben gibt es noch rund 500 insignifikante Mini-Labels, die zwischen zwei bis sechs Mitarbeiter haben, die ihre Hörspiele in kleinen, rumpeligen Studios produzieren, die von jeder Folge einige tausend Stück verkaufen, meist wesentlich weniger.

Revolution im Untergrund

Tatsächlich aber könnten vor allem diese Kleinstfirmen das Hörspiel vor der Vergreisung bewahren. Gerade sie bringen das Medium als Ganzes voran. Einige produzieren qualitativ hochwertiges Ohrenkino für Erwachsene - allen voran das Label Lausch. Dessen Chef ist Günther Merlau, ein drahtiger, schwarzhaariger Enddreißiger, Typ Künstler, der auch die Hamburger Hörspielmesse organisiert hat.

Lausch vertont Geschichten wie die Comic-Serie "Hellboy" oder die Serie "Caine", in der ein untoter Spion in den schattigen Straßenschluchten San Franciscos für verschwörerische Dunkelelfen Aufträge erfüllt.

Die Plots sind kompliziert, die historischen Referenzen teils dicht, und die meisten Lausch-Serien sind durchgehend von harter Action geprägt. Sogar eine Vergewaltigung hat Merlau vertont - psychologisch anspruchsvoll, aus der Perspektive des Täters, der sein Verbrechen selbst gar nicht realisiert. Kinofilme wie Lars von Triers "Dogville" haben Vergewaltigungen schon thematisiert - Merlau aber bekam von einem Teil seiner Hörerschaft Hass-Mails.

"Schon faszinierend", sagt er. "Wir orientieren uns bei unseren Produktionen am Stil von Quentin Tarantino oder Guy Ritchie. Doch was im Kino hoch beliebt ist, verprellt im Ohrenkino noch immer einen Teil der Hörerschaft. Für Action, Anspruch und Avantgarde gibt es bislang kaum einen Markt."

Experimentelles für Ohren-Cineasten

Merlau will die Kassettenkinder auf seiner Hörspielmesse nicht nur in Nostalgie schwelgen lassen - er will sie auch an Erwachsenen-Produktionen heranführen. Der Avantgarde räumt er daher viel Ausstellungsfläche ein.

So stellt unter anderem der Buchverlag Zaubermond seine Vertonungen der Fantasy-Buchreihe "Dorian Hunter" vor. Die Serie handelt von einem Reporter, der Dämonen meuchelt - eine Art "Herr der Ringe" im Snuff-Film-Stil. Wie Lausch setzt auch Zaubermond auf prominente Sprecher und aufwendige Sound-Collagen. Den Titelsong zur Serie hat Düsterkünstler Joachim Witt beigesteuert.

Noch tiefer im Hörspiel-Untergrund produzieren Klein-Labels ironischen Trash für Splitterzielgruppen und Hardcore-Nerds. Das Label "Mind Crusher Studios" beispielsweise, das mit "Experiment Zero" den Kultfilm "Cube" weiterspinnt - und in dem Gratis-Hörspiel "Der Boon" die Demütigungen und das psychische Innenleben eines Anfängers aus dem Online-Rollenspiel "World of Warcraft" erörtert ("Boon" = rückwärts "Noob" = Abkürzung für "Newbie" = Anfänger).

Einen Stand weiter präsentiert Tobias Graf-Carl eine "Drei ???"-Persiflage, die sinnbildlich für die Pubertätsleiden der Kassettenkinder stehen könnte. Die zwölfteilige Audio-Serie trägt den Titel "Junior Detektei Jammerthal". Es ist eine Parallelwelt, in der die "Drei ???" sich verklemmt und ungeschickt durch die Irrungen und Wirrungen ihrer Adoleszenz murksen. Die Geschichten tragen Namen tragen wie "Der Schwäbische Zyklop" oder "Das Schlecht Beleuchtete Riesenrad". Die Sprache ist bisweilen derb, und wahrscheinlich würden die Junior-Detektive nie einen Fall lösen, hätten sie nicht durch einen Giftmüllunfall Superkräfte bekommen.

Nach eigenen Angaben verkauft Graf-Carl von jeder Folge nur rund hundert Stück. Er ist nur nebenberuflich Hörspiel-Label-Chef. Aber er ist zuversichtlich. "Das Medium Hörspiel befindet sich im Umbruch", hofft er. "Es wäre schön, wenn jetzt recht bald der Stimmbruch einsetzen würde."


* Björn Akstinat, "Das ABC der drei Fragezeichen", Humboldt-Verlag, 12,90 Euro



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Seite 1
Miss Ann Trophy 13.06.2009
1. ...
...habe gerade meine "John Sinclair" Kassetten (Tonstudio Braun) digitalisiert, damit das alte Material geschont wird. Die Drei ??? gibt es auch auf CD, aber da ist die Hintergrundmusik neu abgemischt worden, da ist die ganze Nostalgie hin, schade... Verstehe nicht warum die jungen Leute keine Zeit für Hörspiele mehr haben, Gruselkassetten hört man nachts zum einschlafen...
kommentar.h 13.06.2009
2. "Schweinezyklus!"
Zitat von sysopDie Kassettenkinder sind längst erwachsen, das Medium Hörspiel dagegen nicht: Viele Fans lauschen auch mit Ende 30 noch "Drei ???" und "TKKG". Für Action, Anspruch und Avantgarde gibt es kaum einen Markt - dabei ist die Kreativ-Szene groß. Ein Rundgang über die Hamburger Hörspielmesse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,630309,00.html
Mal 'ehrlich'! - JEDER kennt DAS: Die Interessen schwanken in 'Wellen'. Zum Bleistift: RADIO hören ./. TV schauen JEDER kennt dieses 'Gefühl' beim Rückblick auf den eigenen Medienkonsum! FÜR MICH war nicht nachvollziehbar, wieso Kids TV-Serien wie KNIGHT RIDER als Audiofile von MC hörten. ... Die TKKG-??? haben als Hörbuch ihren Reiz. DA ist Vorlage das Buch. ########## "Vom Winde verweht!" ########## Analog zum Henne-Ei-Problem: "Haben Sie ERST das Buch gelesen, oder den Film gesehen?"
rabenkrähe 13.06.2009
3. Gute Qualität
Zitat von Miss Ann Trophy...habe gerade meine "John Sinclair" Kassetten (Tonstudio Braun) digitalisiert, damit das alte Material geschont wird. Die Drei ??? gibt es auch auf CD, aber da ist die Hintergrundmusik neu abgemischt worden, da ist die ganze Nostalgie hin, schade... Verstehe nicht warum die jungen Leute keine Zeit für Hörspiele mehr haben, Gruselkassetten hört man nachts zum einschlafen...
... Die rund 30 wöchentlichen Hörspiele der örs erfreuen sich einer kleinen, aber zuverlässigen Hörerschaft und sind, mehrheitlich, von bemerkenswertem Niveau. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, daß die frühere DDR mit ihren Sendern sich sehr um das Hörspiel mühte und auch heute noch auf dem Gebiet der neuen Bundesländer die treueste Zuhörerschaft zu finden ist. rabenkrähe
Nuraf 13.06.2009
4. Erwachsen?
Schön zu wissen das ich als 19-Jähriger endlich mal als "Erwachsener" wargenommen werde. *betrachtet andächtig die "Die 3 Fragezeichen" Kassettensammlung in seinem Regal* Sooo alt ist die Kassette nun wieder auch nicht, werte Redakteure. Oder ich bin einfach nur eine Aussnahme. Geistig zu alt für diese Welt. Genau, dass wirds sein. :P
El Ackabar, 13.06.2009
5. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von Miss Ann Trophy...habe gerade meine "John Sinclair" Kassetten (Tonstudio Braun) digitalisiert, damit das alte Material geschont wird. Die Drei ??? gibt es auch auf CD, aber da ist die Hintergrundmusik neu abgemischt worden, da ist die ganze Nostalgie hin, schade... Verstehe nicht warum die jungen Leute keine Zeit für Hörspiele mehr haben, Gruselkassetten hört man nachts zum einschlafen...
Wau, das waren ja noch Kracher! Aber man muss zugeben: Wenn man die mit zwanzig Jahren Abstand hört, ohne eigene Jugenderinnerungen daran knüpfen zu können, ist es nichts anderes als billigst produzierter Trash - dass da das jüngere Publikum keinen Zugang zu findet, ist verständlich. Doch man muss auch sagen: Die neuen John-Sinclair-Hörspiele sind dem technischen Fortschritt zum Trotz eigentlich kaum besser. Peinliche Trivialliteratur bleibt peinliche Trivialliteratur, auch wenn man mit besseren Sprechern und Effekten protzen kann. Was von den ??? über Folge 40 hinausgeht, betrachte ich als neumodischen Schnickschnack und Ketzerei. Von der Neuabmischung der Urfassungen mal ganz zu schweigen (sind diese auch juristischen Widrigkeiten geschuldet).
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