Boom von Hofgemeinschaften: Kochen mit der Kohl-Flatrate

Von Hendrik Steinkuhl, Bramsche

Obst, Gemüse, Brot und Fleisch ohne Ende - und das zum monatlichen Festpreis: Sogenannte Hofgemeinschaften gewinnen in Deutschland immer mehr Anhänger. Das aus den USA importierte Konzept überzeugt selbst Menschen, die sonst nichts von gesunder Ernährung wissen wollen.

Hof Pente: Obst, Gemüse und Fleisch zum Festpreis Fotos
Hendrik Steinkuhl

Im Winter hat Sandra Pavicic gelernt zu improvisieren. Erst hat sie für ihre Familie sämtliche einheimischen Kohlgerichte durchgekocht, dann alle Borschtsch-Varianten, die sie finden konnte. "Und als die Kinder den Kohl nicht mehr sehen konnten, habe ich ihn eben in Kartoffel-Weißkohl-Röstis reingemogelt."

Seit einem Jahr ist Sandra Pavicic mit ihrer fünfköpfigen Familie Mitglied einer Hofgemeinschaft. Sie und ihr Mann zahlen pro Monat jeweils 95 Euro, die Kinder sind zum halben Preis dabei. Rund 330 Euro überweisen die Pavicics alle vier Wochen; dafür bekommt die Familie so viel Gemüse, Salat, Brot, Eier und Fleisch, dass sie keine Lebensmittel mehr dazukaufen muss. "Es rentiert sich absolut. In den Supermarkt müssen wir nur noch für Drogen wie Wein, Tabak und Schokolade", sagt Sandra Pavicic. Für das Gefühl, sich im Einklang mit den Jahreszeiten zu ernähren, habe sie auch die langen winterlichen Kohl-Wochen in Kauf genommen.

Der neue Ernährer von Familie Pavicic heißt Tobias Hartkemeyer. Der Landwirt führt den Hof Pente, der nördlich von Osnabrück liegt. Vor einem Jahr hat sich Hartkemeyer dazu entschieden, die gängigen Vertriebswege zu verlassen und keine Käufer mehr zu werben, sondern Mitglieder. "Die Landwirtschaft in ihrer bisherigen Form ist ein Auslaufmodell", sagt Hartkemeyer. Subventionswahnsinn, Monokulturen, Milchpreis-Tief - Hartkemeyer hatte auf all das keine Lust mehr und suchte sich ein Konzept, das in seinen Augen mehr Zukunft hat: "Community Supported Agriculture", abgekürzt CSA. Auf Deutsch und noch sperriger: Gemeinschaftsgetragene Landbaukultur.

200 Menschen erhalten Bio-Lebensmittel zum monatlichen Festpreis

Der Begriff steht für eine Hofgemeinschaft, die Bio-Nahrung zum monatlichen Festpreis bezieht. Die Kluft zwischen Landwirt und Verbraucher fällt dabei weg. Das hat mehrere Vorteile: Die Mitglieder der Gemeinschaft wissen nicht nur genau, woher ihr Fleisch und ihr Gemüse kommt; sie haben auch ein Mitspracherecht. "Im vergangenen Jahr haben uns viele Mitglieder gesagt, dass sie mit dem Brot nicht so zufrieden sind. Daraufhin haben wir den Bäcker gewechselt", sagt Tobias Hartkemeyer.

Wie viel sie monatlich bezahlen, handeln die Mitglieder zusammen mit Tobias Hartkemeyer auf einer Jahresversammlung aus. Danach kommen sie an ein bis zwei Abholtagen in der Woche auf den Hof und können aus dem aktuellen Lebensmittelangebot frei wählen. Wer Brot oder Fleisch möchte, bestellt vor.

Hartkemeyers Hof ist ein Erfolgsmodell. Vor dem Start hatte der Landwirt mit 30 Teilnehmern im ersten Jahr gerechnet. Am Ende waren es 170, mehr als 30 standen noch auf der Warteliste. Jetzt versorgt der Hof mehr als 200 Menschen mit biodynamisch angebautem Gemüse und Fleisch von Tieren aus Freilandhaltung.

Dass Tobias Hartkemeyer schon jetzt so viele Menschen versorgen kann, ist nur dank vieler Unterstützer möglich. Seine gesamte Familie hilft mit, dazu Nachbarn und Lehrlinge, die alle auf dem Hof leben. Und es gibt unter den Mitgliedern einige ehrenamtliche Helfer, die jeden Tag vorbeikommen. Einer von ihnen ist Jürgen Krupp. "Ich beteilige mich hier an etwas, von dem ich aus meinem innersten Verständnis heraus überzeugt bin", sagt der Rentner.

Jeden Mittag fährt Krupp auf den Hof, isst mit der Hofgemeinschaft und repariert und konstruiert danach so geschickt, dass die anderen manchmal nur staunen. "Als er mal verreisen wollte, hat er mir vorher einen Urlaubsantrag gegeben, obwohl er hier freiwillig mithilft, "sagt Tobias Hartkemeyer.

"Ich bin ein alter Sack, ich rauche und trinke"

Wer etwas über die Ursprünge der CSA-Bewegung in Deutschland erfahren will, muss sich mit Wolfgang Stränz unterhalten. Seit 25 Jahren ist er ehrenamtlicher Kassenwart des bei Hamburg gelegenen Buschberghofs. "Ich bin ein alter Sack, ich rauche und trinke", sagt Stränz. Sich biologisch zu ernähren, sei in seinem Fall ein totaler Widerspruch. "Mit meinem Engagement tue ich aber etwas für den Boden, ich tue etwas für die Pflanzen. Und das ist doch ein sinnvolles Motiv."

Die inzwischen mehr als 300 Mitglieder des Buschberghofes sind ähnliche Überzeugungstäter wie die Hofgemeinschaft bei Osnabrück. In 25 Jahren habe es nur ein einziges Mitglied gegeben, das seine Beiträge nicht regelmäßig habe zahlen wollen, sagt Stränz. Er wirbt für das CSA-Konzept, vor kurzem auch in England, wo die gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft eine vergleichbare Entwicklung durchmacht wie in Deutschland. "1988 waren wir vom Buschberghof noch die einzigen", sagt Stränz. "2008 waren es dann acht Betriebe, und heute sind es schon mehr als 20 Höfe in ganz Deutschland."

Für Sandra Pavicic und ihre Familie wiederum hat die Mitgliedschaft in der Hofgemeinschaft den Alltag völlig verändert - und das nicht nur wegen des vielen Kohls im Winter. Die Pacicics leben inzwischen beinahe autark: "Wenn wir mal kein Brot mehr haben, backen wir lieber noch eins, als es zu kaufen."

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insgesamt 73 Beiträge
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1.
waterfork 01.05.2012
Für Familien mit vielen Kinder zahlt sich das sicher aus. Wie schaut es mit den Beiträgen genau aus, wird der Pro-Kopf berechnet?
2.
jujo 01.05.2012
Zitat von waterforkFür Familien mit vielen Kinder zahlt sich das sicher aus. Wie schaut es mit den Beiträgen genau aus, wird der Pro-Kopf berechnet?
Das Konzept hat etwas, mit etwas mehr Hintergrundwissen, könnte ich mir vorstellen mich an so etwas zu beteiligen, da könnte es ruhig etwas mehr kosten als im normal Geschäft!
3.
chb_74 01.05.2012
"[...]Sie und ihr Mann zahlen pro Monat jeweils 95 Euro, die Kinder sind zum halben Preis dabei. Rund 330 Euro überweisen die Pavicics alle vier Wochen [...]" - Daraus könnte man schließen, dass pro Kopf bezahlt wird. :-)
4.
Questions 01.05.2012
sogar mit Harz IV. Man muß halt nur wollen, und einen entsprechenden Hof um die Ecke haben. Hoffentlich macht diese Idee Schule!
5.
spon-spezi 01.05.2012
> Danach kommen sie an ein bis zwei Abholtagen in der Woche auf den Hof statt dass 1 LKW die Waren auf einmal bringt fahren dann also hunderte PKWs einzeln zum Hof. Das ist doch ökologischer Wahnsinn! Und wenn man die Fahrkosten und Zeit dazurechnet, macht es bestimmt auch finanziell keinen Sinn
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