Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Hohe Lebensmittelpreise: Klassenkampf mit Hühnerbeinen

Aus Cochabamba berichtet Knut Henkel

Schmutziges Spiel mit dem Hunger: Boliviens mächtige Agrarbarone haben die Lebensmittelpreise künstlich aufgebläht, um die ungeliebte Regierung von Präsident Morales aus dem Amt zu zwingen. Im Hintergrund tobt ein brutaler Machtkampf um den Zugang zu Ackerland.

Der Brotverkäufer auf dem Markt La Cancha heftet die frisch gemalten Preisschilder unter die Körbe mit dampfendem Brot. Knapp zwanzig Prozent mehr als früher berechnet er für den Laib - Mehl ist knapp in Bolivien, und die Preise auf dem Weltmarkt steigen.

Käufer wie Francisco Alvís nehmen das mürrisch zur Kenntnis. "Wir leben mit offener Inflation", ärgert sich der Rechtsanwaltsgehilfe, er deutet auf das Marktgewimmel um ihn herum. Für viele Bewohner von Cochabamba, der zweitgrößten Stadt Boliviens, ist La Cancha die Einkaufsadresse Nummer eins. An Preissprünge für Lebensmittel mussten sie sich inzwischen gewöhnen. "Erst waren es Huhn und Speiseöl, nun sind es Brot, Reis und Gemüse, die teurer werden", erklärt Alvís.

Weltweit steigen die Lebensmittelpreise, denn die globale Nachfrage wächst - Bolivien aber ist ein Spezialfall. Hier kommt ein nationaler, eminent politischer Faktor hinzu: "Bei Hühnern und Speiseöl war die Verteuerung künstlich", sagt der Agrarexperte Miguel Urioste.

Der Direktor der Stiftung "Tierra" stammt selbst aus einer Großgrundbesitzer-Familie - gibt aber den Agrarbaronen des Landes die Schuld an der Teuerung. Sein Vorwurf: Die Großagrarier haben absichtlich extrem viel exportiert, das Angebot im Inland damit verknappt und den Preis getrieben - alles, um Druck auf die ungeliebte Regierung von Präsident Evo Morales zu machen.

Das Kalkül: Wenn Lebensmittel knapp und teuer werden, so zeigt ein Blick in die bolivianische Geschichte, folgten fast immer Unruhen.

Fürs Erste hat die Regierung den Machtkampf gewonnen. "Diesmal blieb es trotz Preisaufschlägen von fünfzig Prozent bei Huhn und Speiseöl ruhig." Im März griff die Regierung per Dekret ein und unterband die enormen Exporte. Seitdem sind die Preise für Huhn und Speiseöl wieder auf einem passablen Niveau angelangt. Doch die Versorgung mit Nahrungsmitteln bleibt ein Streitfall.

Daran wird sich auch nichts ändern, solange die Regierung keine Reform der Landwirtschaft anschiebt. Auf diese Reform hoffen vor allem die Verbände der Kleinbauern. Sie dominieren die Landwirtschaft nicht nur im Hochland der Anden, sondern auch in den tiefer liegenden Kaffee- und Kakaoregionen des Landes. "Auf Kreditprogramme, Verbesserungen in der Infrastruktur und Exporthilfen warten wir seit der Wahl von Evo Morales in den Präsidentenpalast im Dezember 2006", sagt Policarpio Ali Cruz vom Verband der Kaffeeexporteure. "Wir könnten unsere Erntemenge in wenigen Jahren verdoppeln, wenn wir mehr Unterstützung hätten", sagt der Kaffee-Experte.

Fachleute meiden die Regierung

Doch die Regierung in La Paz tut sich schwer damit, konkrete Programme auf den Weg zu bringen. Das gibt auch Oscar Coca Antezano zu, Minister für Dienstleistungen und öffentliche Bauten. Er macht den Mangel an Fachleuten in den Ministerien dafür verantwortlich. "Uns fehlt das Personal, um zügig Investitions- und Entwicklungsprogramme zu schneidern und wir können Experten nicht ohne weiteres anwerben", erklärt der Minister.

Das Problem ist das Geld - Fachleute wollen nicht in den Staatsdienst, weil sie dort zu wenig verdienen. Seit Präsident Evo Morales sein Gehalt beim Regierungsantritt öffentlichkeitswirksam auf 2500 US-Dollar reduziert hat, gilt dieses Einkommen als Obergrenze. "Doch unter dieser Marge sind Planungs- und Entwicklungsexperten kaum zu haben", erklärt der 53-jährige Minister ohne Umschweife.

Seit Jahresanfang geht die Regierung angesichts der steigenden Inflation in die Offensive. Im März verabschiedete sie ein erstes Kleinkreditprogramm über einhundert Millionen US-Dollar, ein zweites über achtzig Millionen US-Dollar setzte der Wirtschaftsminister Ende April durch. Weitere Investitionen sollen folgen, um die Anbauflächen von 2,1 auf 2,5 Millionen Hektar zu erweitern.

Ziel der Regierung: Die "Ernährungssouveränität" zu erreichen. Dafür sollen zusätzliche Flächen für die Produktion von Lebensmitteln bereitgestellt werden - nicht aber für die Biosprit-Herstellung. Die Kleinbauern sollen Kredite und zusätzliche Produktionsanreize erhalten.

Besonders wichtig ist das im kargen Hochland der Anden. Dort haben die Bauern nicht nur mit schwierigen Bodenverhältnissen zu kämpfen, sondern auch mit Wassermangel. Viele geben die Landwirtschaft auf und wandern in die großen Städte wie El Alto ab, die über La Paz gelegene arme Oberstadt.

Klimawandel bedroht Landwirtschaft im Hochland

Aconstancia Pomar Taqui will auf keinen Fall weg. Die 39-jährige Bäuerin ist zufrieden in Jucuri, einem kleinen Dorf rund fünfzig Kilometer von La Paz. Hier bewirtschaftet sie mit ihrem Mann einen kleinen Hof, pflanzt Kartoffeln und Bohnen und hütet ein halbes Dutzend Milchkühe. Mit dem Verkauf von Milch, Joghurt und Käse hat die Familie ein bescheidenes Auskommen.

"Ohne das Wasser könnten wir hier aber nicht mehr leben", erklärt die Frau und deutet auf die Rohre, die das kleine Dorf versorgen. Einem Hilfsprojekt der evangelischen Kirche haben die Bauern zu verdanken, dass sie von ihren Feldern wieder leben können. Dass das bolivianische Hochplateau Altiplano langfristig weiter bewirtschaftet werden kann, bezweifeln aber viele Experten - zu verheerend sind die Einflüsse des Klimawandels.

"Die Erträge sinken und die Flächen, die auf dem Altiplano bewirtschaftet werden, sind oft zu klein, um die Familien zu ernähren. Daher steigt der Druck auf die riesigen Landflächen der Agrarelite im Tiefland", erklärt Miguel Urioste. Die befinden sich in der Hand weniger Familien - und große Flächen liegen brach.

Die Regierung von Evo Morales hat genau diese Flächen im Blick - und will sie an landlose Kleinbauern aus dem Hochland verteilen. So könnte die Landflucht gebremst werden, argumentiert Urioste. "Im Kern geht die Auseinandersetzung zwischen der linken Regierung und der rechten Opposition um die Landfrage. Die kann man nur im Dialog lösen."

Dafür aber scheinen beide Seiten noch nicht reif. So werden sich die Bolivianer wohl noch öfter über sprunghaft steigende Preise ärgern müssen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Chavez
So Long, Marianne, 01.06.2008
Zitat von sysopSchmutziges Spiel mit dem Hunger: Boliviens mächtige Agrarbarone haben die Lebensmittelpreise künstlich aufgebläht, um die ungeliebte Regierung von Präsident Morales aus dem Amt zu zwingen. Im Hintergrund tobt ein brutaler Machtkampf um den Zugang zu Ackerland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,555675,00.html
Die Hühnerbeine kosten in den von Chavez subventionierten Läden Venezuelas mehr als in Bolivien. Fakt ist: die Politik von Chavez treibt auch in Bolivien die Preise in die Höhe. Der Rest ist schlechter Spiegel-Journalismus
2. Verkennung und Verdrehung von Tatsachen
tropcon 01.06.2008
Die Regierung traegt ihren Klassenkampf mit rassistischen Zuegen auf Kosten des gesamten Volkes aus und entzweit das Land noch mehr. In den Ostprovinzen ist der Staat und die Regierung ueberhaupt nicht praesent und so gut wie jetzt, ging es den Kokabauern seit den fruehen 90er nicht mehr. Oder sie sind in die Minien zurueck, weil man da jetzt wieder gut verdient, oder gleich ab nach Spanien, weil es hier niemand mehr aushaelt vor lauter Demagogie. Schoene (Maerchen)-story Herr Henkel. Volker Lehmann Santa Cruz, Bolivia Capital de la Autonomie
3. hmm
Barath 01.06.2008
Zitat von So Long, MarianneDie Hühnerbeine kosten in den von Chavez subventionierten Läden Venezuelas mehr als in Bolivien. Fakt ist: die Politik von Chavez treibt auch in Bolivien die Preise in die Höhe. Der Rest ist schlechter Spiegel-Journalismus
Verstehe ich so noch nicht. Wie passiert das genau? Der Spiegel schreibt häufiger auch mal Blödsinn, aber etwas mehr als ein "Fakt ist: ..." sollte man schon dazu sagen.
4. @ tropcon
Fluktuation8 01.06.2008
Landbesitzer? ;-)
5. Spontane Vermutung
dosmundos, 01.06.2008
Zitat von BarathVerstehe ich so noch nicht. Wie passiert das genau? Der Spiegel schreibt häufiger auch mal Blödsinn, aber etwas mehr als ein "Fakt ist: ..." sollte man schon dazu sagen.
Ohne die Hühnerpreise in Venezuela zu kennen, wage ich jetzt einfach einmal zu behaupten, dass es nahezu unmöglich sein dürfte, einen Preisvergleich zwischen einem freien Markt in Bolivien und staatlichen Läden in Venezuela darzustellen. Zudem herrscht, so weit ich weiß, in Venezuela gallopierende Inflation, da wird's doppelt schwer mit der Vergleichbarkeit von Preisen. Warum über den Artikel gemeckert wird, verstehe ich nicht, stellt er doch ganz sachlich das zentrale Problem des Landes dar. Auf der einen Seite die Oligarchie der Großgrundbesitzer und Wirtschaftskapitäne, deren Denkweise aus historischer Prägung heraus konservativ bis zum Rassismus ist, auf der anderen Seite eine Regierung, die sich zwar links und volksnah gibt, aber eben auch an den eigenen Ansprüchen und Idealen krankt und zu scheitern droht. Ein Präsident, der sein eigenes Gehalt kürzt, mag ein leuchtendes Abziehbild für alle Globalisierungsgegner und Antikapitalisten sein. Sicherlich ist es auch kein schlechter Zug per se, insbesondere da Evo Morales ja allem Anschein nach auch tatsächlich das Wasser trinkt, das er predigt. Aber eben auch keine Lösung, da man mit schlechter Bezahlung nun einmal nicht die Leute in die richtigen und wichtigen Positionen lockt, auf die man dringend angewiesen ist, wenn man die chronischen Defizite in der Administration und im politischen Personal Boliviens ausgleichten will. Wieder einmal scheinen sozialromantische Ideale daran zu scheitern, dass der Mensch ökonomisch denkt und handelt und nicht nach den überkommenen Schablonen linker Ideologen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Lebensmittelkrise in Bolivien: Streit ums Land


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: