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Hoher Ölpreis: "Wir steuern auf einen Engpass zu"

Von Kai Lange

Die Weltwirtschaft wird sich für die nächsten zehn Jahre auf hohe Ölpreise einstellen müssen, so die Befürchtung von Goldman Sachs. Schlimmer noch: Ohne massive Investionen wird sich die Situation nach Meinung der Experten weiter verschärfen.

London - "Wir beobachten einen tiefen, grundlegenden Wandel. Der Preis für ein Barrel Öl könnte über die nächsten zehn Jahre deutlich über der Marke von 30 Dollar bleiben", befürchtet Jeff Currie, Chefstratege für den Bereich Rohstoffe bei Goldman Sachs. Erstmals könne die steigende Nachfrage kaum noch durch das Angebot befriedigt werden: Die Ölanbieter hätten nur geringen Spielraum, ihre Förderkapazität zu erhöhen.

Pipeline in Basra: "Wir werden uns an Preise deutlich über 30 Dollar gewöhnen müssen"
AP

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Die Gründe für diesen Versorgungsengpass liegen mehr als 20 Jahre zurück. "Seitdem sind die Förderkapazität kaum erhöht und der Sektor vernachlässigt worden", sagt Currie. Seit den 80er Jahren hätten Unternehmen nur spärlich in Ölförderungsanlagen investiert. Staatliche Vorgaben hätten die Kosten erhöht und eine weitere Expansion unattraktiv erscheinen lassen. Der Energiesektor habe sich für weitere Investitionen nicht mehr aufgedrängt: "Das Geld floss in den vergangenen Jahren eher in Hochtechnologie und Telekommunikation als in die Ölindustrie. Das rächt sich nun", so Currie.

"Es gibt genug Öl - aber noch keinen Zugang dazu"

Dringend nötig sei eine "neue Investitionsphase" im Ölsektor wie in den 70er Jahren. Die "Ölprojekte der nächsten Generation" müssten Reserven in der Nordsee, in Westafrika und Russland erschließen. "Es gibt genug Öl, aber noch keinen Zugang zu diesen Reserven", sagt Currie. Für die Erschließung werde viel Geld gebraucht: Rund 200 Milliarden Dollar Investitionen pro Jahr seien während der kommenden Jahre nötig, um eine Versorgungsinfrastruktur aufzubauen, die den weltweit steigenden Bedarf befriedigen könne.

"Derzeit fördern die Anbieter nah am Limit, wir steuern auf einen Engpass zu. Das ist eine Folge der Unterinvestitionen der Vergangenheit", so der Experte von Goldman Sachs. Massive Investitionen seien der einzige Weg, diesen Mangel zu beheben und der Nachfrage gerecht zu werden. Auf Sicht von zwölf Monaten werden die Ölförderländer zwar mehr Öl anbieten können. Da der Bedarf aber in gleichem Maße steige, sei keine Entlastung zu erwarten.

Selbst wenn China sein starkes Wachstum ein wenig drosseln sollte, werde dies kaum Auswirkungen auf die globalen Ölpreise haben. Chinas Energiehunger habe das Problem seit dem Frühjahr verschärft und die Preise weiter in die Höhe getrieben - um die Preise dauerhaft zu senken, bedürfe es aber globaler Lösungen.

Teures Öl treibt Inflation und dämpft Konsum

Rekordpreise von rund 44 Dollar pro Barrel wie in diesen Tagen seien allerdings auch spekulationsgetrieben. Bis Ende des Jahres dürfte der Ölpreis von diesem Level wieder auf rund 38 Dollar fallen, so die Prognose von Goldman Sachs.

Peter Oppenheimer: "Zehn Prozent Preisanstieg bei Öl kostet Europas Aktienmarkt acht Prozent Performance"

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Dieses Niveau sei aber kein Grund zur Entspannung. "Der Preis kann jederzeit wieder sehr schnell steigen, sobald es neue Unruhen im Nahen Osten oder schlechte Nachrichten von der Förderseite gibt", meint Currie.

Die weltweiten Aktienmärkte werden sich auf eine Belastung durch dauerhaft hohe Ölpreise einstellen müssen, meint Peter Oppenheimer, Chefstratege bei Goldman Sachs. "Der negative Effekt durch teures Öl wird jetzt noch verstärkt, da die Wirkungen der Steuersenkungen in den USA ausklingen". Das Bruttoinlandsprodukt der USA werde so direkt von dem Versorgungsengpass auf dem Ölmarkt getroffen: Ein Anstieg um zehn Prozent koste 0,3 Prozent globales Wirtschaftswachstum.

Weniger Wachstum, mehr Inflation: Fed in der Klemme

Oppenheimer sieht das Risiko steigender Inflation und steigender Zinsen. "Wenn der Ölpreis von 25 auf 50 Dollar pro Barrel steigt, wird die Inflation allein dadurch um etwa 1,5 Prozentpunkte steigen", schätzt der Chefstratege der US-Investmentbank. Dies erhöhe den Druck auf die US-Notenbank, die Zinsen trotz einer sich abschwächenden Konjunktur weiter zu erhöhen.

"Ein Ölpreisanstieg um zehn Dollar pro Barrel kostet die amerikanischen Konsumenten rund 50 Milliarden Dollar pro Jahr", rechnet Oppenheimer vor. "Dieses Geld fehlt dann für anderweitigen Konsum". Der private Konsum ist für etwa zwei Drittel der US-Wirtschaftsleistung verantwortlich.

Die Weltwirtschaft verliert an Dynamik, während gleichzeitig die Preise steigen: Dieses Stagflationsszenario (wirtschaftliche Stagnation bei steigender Inflation) ist Gift für die Börse, weil Notenbanker in diesem Szenario die Nachfrage nicht mehr mit Zinssenkungen ankurbeln können. Ein noch schnellerer Preisanstieg wäre die Folge.

Risiken für den Aktienmarkt

Die Folgen der Energieklemme werden in Europa und Japan noch stärker zu spüren sein als in den USA, schätzt Oppenheimer. Europa und Japan seien stärker von Ölimporten abhängig und reagierten daher noch sensibler.

Während der vergangenen zwölf Monate ist der Ölpreis um rund 20 Prozent gestiegen. Für die europäischen Unternehmen außerhalb der Ölbranche dürfte dies bedeuten, dass ihre Gewinne im Durchschnitt um etwa 2,5 Prozent niedriger ausfallen - doch damit ist es nicht getan.

"Für den Aktienmarkt werden dauerhaft hohe Ölpreise gravierendere Folgen haben, da sie nicht nur die Gewinne der Unternehmen, sondern auch Inflation und Konsum beeinflussen", meint Oppenheimer. Für besonders anfällig hält er auf Grund steigender Inflation derzeit den Finanzsektor.

Doch die schwierige Situation am Energiemarkt werde fast alle Branchen treffen. Ein Anstieg der Ölpreise um zehn Prozent, so die Prognose von Oppenheimer, dürfte zu einem Rückgang um acht Prozent am europäischen Aktienmarkt führen.

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