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Holtzbrincks Web-2.0-Deal: "Ein riskantes Investment"

Rund 85 Millionen Euro hat der Holtzbrinck-Verlag für StudiVZ bezahlt - obwohl das Online-Studentennetzwerk bislang keinerlei Umsätze macht. Im Interview erklärt Konstantin Urban, Chef von Holtzbrinck Networks, wie er die Summe wieder einspielen will.

manager-magazin.de: Beim Kauf des Studentennetzwerks StudiVZ hat Holtzbrinck pro User umgerechnet 100 Euro bezahlt. Ist ein einfacher Internetnutzer, selbst wenn er ein "High Potential" ist, wirklich so viel wert?

Holtzbrinck-Networks-Geschäftsführer Urban: "Wir setzen auf das derzeitige Management"

Holtzbrinck-Networks-Geschäftsführer Urban: "Wir setzen auf das derzeitige Management"

Urban: Diese Frage kann ich erst in zwei Jahren beantworten. Ich gehe aber davon aus, dass die Höhe des Kaufpreises gerechtfertigt ist. Dies zeigt bereits die Tatsache, dass StudiVZ bei den Studenten in Deutschland die absolute Nummer eins ist und eine gewaltige Marktdurchdringung hat. Zusammen mit den Fachhochschülern gibt es in Deutschland rund zwei Millionen Studenten, eine Million Nutzerprofile wurden bereits bei StudiVZ angelegt. Aber: Allein von den Nutzern können wir sicherlich nicht leben.

mm.de: Wie hoch sind die Verluste, die StudiVZ derzeit monatlich macht?

Urban: Das kann ich Ihnen nicht sagen, Zahlen zum Geschäftsverlauf geben wir nicht heraus. Bisher macht StudiVZ jedenfalls noch keinen Umsatz. Es ist nicht so, dass es keinen Bedarf nach Werbung auf der Seite gibt oder dass sich keine Werbekunden finden. Bislang wurde einfach noch nicht versucht, mit Werbung zu arbeiten. Genau das kommt jetzt auf das Unternehmen zu.

Es steht allerdings nicht erst seit der Übernahme durch Holtzbrinck fest, dass Werbung geschaltet wird. Das sieht der Businessplan für 2007 ohnehin vor. Sicher ist allerdings auch, dass es keine Abogebühren geben wird - die Webseite wird für die Nutzer kostenfrei bleiben.

mm.de: Umsatz und Profite sollen also vorrangig durch Reklame erzielt werden?

Urban: Der Kauf von StudiVZ soll sich natürlich betriebswirtschaftlich für uns auszahlen. Es geht uns nicht nur darum, einen strategischen Markt zu besetzen und möglichst hohen Publikumsverkehr zu haben. Das Unternehmen selber soll natürlich irgendwann Gewinne schreiben, damit sich der Kaufpreis rechtfertigt.

Ein positives Beispiel liefert das US-Studentennetzwerk Facebook, das im vergangenen Jahr etwa 50 Millionen Dollar umgesetzt hat. Der Plan für 2007 sieht sogar einen Umsatz von mehr als 170 Millionen Dollar vor. Bislang haben sich die Nutzer dadurch nicht beeinträchtigt gefühlt.

Als mögliche Einnahmenquelle für uns gibt es zum einen die altbekannte Bannerwerbung. Außerdem kann man spezielle Sponsoren für bestimmte Bereiche innerhalb von StudiVZ suchen. Die Diskussionsgruppe "Reisen nach Mallorca" könnte zum Beispiel von einem Reiseveranstalter gesponsert werden.

mm.de: Ihr Vorhaben ist sehr riskant. Stellen Sie sich vor, einige internetaffine Studenten kommen auf die Idee, eine ähnliche Seite wie StudiVZ zu kreieren. Auch eine Expansion des großen US-Vorbilds Facebook auf den deutschen Markt ist nicht ganz abwegig. Dann könnte sich die Zahl der StudiVZ-Nutzer plötzlich drastisch reduzieren.

Urban: Ich stimme zu, dass wir ein riskantes Investment getätigt haben - völlig klar. Mögliche Wettbewerber in Deutschland bereiten mir jedoch überhaupt keine Kopfschmerzen. Bei Community-Seiten im Internet kann es immer nur einen großen Anbieter geben. Für mich als Nutzer ist eine Seite wie StudiVZ nur dann sinnvoll, wenn ich alle meine Bekannten dort treffen kann.

So lange man keine entscheidenden Fehler macht, gibt es für den einzelnen User keinen Grund für einen Wechsel. Denn dann müsste er auch alle seine Freunde zu einem Wechsel bewegen. Wir befinden uns in einem The-Winner-takes-it-all-Markt, und neben StudiVZ gibt es derzeit keinen ernstzunehmenden Konkurrenten in Deutschland.

mm.de: Für die Marketingindustrie sind besonders die persönlichen Nutzerdaten interessant - ob Geburtsdatum, Musikgeschmack oder Beziehungsstatus. Haben solche Informationen auch einen Kaufanreiz für Sie geboten?

Urban: Nein. Die Nutzerdaten sollen nicht innerhalb der Holtzbrinck-Gruppe verwendet werden. Einen Austausch der Daten mit anderen Unternehmen haben wir schon gar nicht vor. Das gab es bei uns noch nie, und das machen wir auch in Zukunft nicht.

mm.de: Viele Nutzerdaten sind für jeden sichtbar. Eine Bank könnte beispielsweise gezielt BWL-Studenten für ihre Angebote werben.

Urban: Fest steht, dass die Studentenschaft für die Marketingindustrie eine interessante Gruppe darstellt. Aber wir werden sicherlich nie private Daten - beispielsweise den E-Mail-Austausch zwischen Studenten - preisgeben. Wir bieten der Marketingindustrie lediglich eine Plattform. Dann können die Nutzer immer noch selbst entscheiden, ob sie an dem Produkt interessiert sind oder nicht.

mm.de: StudiVZ steckt momentan in einer Imagekrise. Probleme mit der Datensicherheit wurden bekannt, außerdem kam Gründer Ehssan Dariani wegen seltsamer Web-Veröffentlichungen ins Gerede - beispielsweise wegen seiner öffentlichen Geburtstagseinladung im Stil des Nazi-Blattes "Völkischer Beobachter". Warum haben Sie gerade in diesen Zeiten zugeschlagen?

Urban: Wenn das tatsächlich eine Krise ist, dann stört sie mich zumindest nicht. Die Traffic-Zahlen und die Zahl der Anmeldungen haben weiterhin rasant zugenommen. Damit will ich nicht rechtfertigen, was in der Vergangenheit passiert ist.

StudiVZ ist ein Unternehmen, das in den vergangenen Jahren unglaublich schnell gewachsen ist, Milliarden an Zugriffen zu verzeichnen hat und gewaltige Serverkapazitäten braucht. Da ist es nicht verwunderlich, dass es in der Zeit nach der Firmengründung teilweise noch technische Probleme gegeben hat.

Selbstverständlich musste man nachrüsten, und das hat StudiVZ getan. Die Datensicherheit ist jetzt gegeben. Unlängst hat der Chaos Computer Club vergebens versucht, sich ins System zu hacken. Auch die Seite ist jetzt stabil. Was ansonsten passiert ist, die Geburtstagseinladung beispielsweise, war unschön und bedauerlich. Aber irgendwann sollte man Dinge gut sein lassen. Immerhin liegt dieser Vorfall schon Monate zurück.

mm.de: Ist das derzeitige Management noch tragbar? Gibt es schon Pläne, wann es abgelöst werden soll?

Urban: Nein, ganz und gar nicht. Wir setzen auf das derzeitige Management, dem wir zu verdanken haben, dass die Webseite sich durchgesetzt hat. Wir werden aber sicherlich das erweiterte Management in Absprache mit den Gründern punktuell ergänzen. Das ist ein völlig normaler Prozess.

mm.de: Wieso haben Sie den Zuschlag für den Kauf bekommen - obwohl der Axel Springer Verlag mehr geboten hat?

Urban: Ich kann nur sagen, dass es andere Gebote gab, und dass wir nicht das höchste Gebot abgegeben haben. Unser großer Vorteil bestand darin, dass wir mit Holtzbrinck Ventures bereits an StudiVZ beteiligt waren. Die Gründer kannten uns und wussten, wie wir als Gesellschafter agieren.

mm.de: Wie sind Ihre langfristigen Pläne? Wäre ein Börsengang von StudiVZ denkbar?

Urban: Wir sind keine Händler. Es geht uns also nicht darum, StudiVZ weiterzuverkaufen - weder komplett noch in Teilen. Wir haben StudiVZ erworben, weil es sehr gut zu uns passt. Wir freuen uns auf die nächsten Jahre, denn wir wollen die Seite behalten und zum betriebswirtschaftlichen Erfolg führen. Es gibt keine Pläne, an die Börse zu gehen.

mm.de: Ist eine weitere Expansion geplant? Nach Unternehmensangaben gibt es bereits StudiVZ-Ableger in Polen, Frankreich und Italien.

Urban: Die Expansionsstrategie ist gut und wird von uns unterstützt. Doch letztlich ist das eine Entscheidung des Managements. Wir als Gesellschafter werden das Ganze beobachten und sehen, ob die Strategie langfristig Erfolg haben wird oder nicht.

Das Interview führte Simon Hage

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