Honorarärzte in Deutschland: Unterwegs im Dienst der Gesundheit

Von Henning Zander

Sie operieren, kurieren, diagnostizieren stets dann, wenn kurzfristig Not herrscht: Immer mehr Ärzte helfen als Honorarkräfte in Kliniken und Praxen aus. Ohne die flexiblen Springerkräfte wäre in vielen Krankenhäusern kein regulärer Betrieb mehr möglich - und der Bedarf steigt, gerade auf dem Land.

Berlin - Es ist ein durchschnittlicher Tag im Operationssaal eines Berliner Krankenhauses. Ein junger Mann hat sich bei einer Schießübung verletzt. Später eine Phimose-Behandlung, also eine Vorhautbeschneidung. Schließlich eine Blinddarmoperation. Anästhesist Michael Weber ist für die fachgerechte Narkose und lokale Betäubung zuständig. Sein Team arbeitet gut zusammen - obwohl der 41-Jährige viele Kollegen im Operationssaal nur flüchtig kennt. Denn er springt immer nur dann ein, wenn er gebraucht wird. Wenn der OP nicht mit festangestellten Ärzten besetzt werden kann.

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Ärzte eines Berliner Krankenhauses: "Ohne Honorarärzte wäre in vielen Kliniken kein ordnungsgemäßer Betrieb mehr möglich"

Denn Michael Weber ist Honorararzt. Er ist selbständig, ohne sich mit einer Praxis niedergelassen zu haben. Er ist einer von 500 bis 800 Ärzten, die nach Schätzungen des Bundesverbands der Honorarärzte täglich an Kliniken und Praxen vermittelt werden, um dort auf Honorarbasis zu arbeiten. Sie helfen kurzfristig aus, wenn durch Krankheit oder andere Gründe zu wenig feste Arbeitskräfte im Dienst sind. Damit haben sie im Gesundheitssystem eine bedeutende Stellung eingenommen. Insgesamt wird die Zahl der Ärzte, die auf diese Weise haupt- oder nebenberuflich ihren Lebensunterhalt verdienen, auf 3000 bis 4000 Ärzte geschätzt.

Bewusste Entscheidung

Und sie werden gebraucht: "Ohne Honorarärzte wäre in vielen Kliniken kein ordnungsgemäßer Betrieb mehr möglich", sagt Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer. Viele Stellen für Ärzte könnten derzeit nicht anders besetzt werden. Der Einsatz von Honorarärzten böte zudem eine hohe Flexibilität. Der Bedarf könne kurzfristig gedeckt werden, ohne langfristig Personal aufbauen zu müssen. "Im Moment ist diese Entwicklung notwendig, weil es anders nicht funktioniert", sagt Hoppe.

Tatsächlich entscheiden sich inzwischen viele Ärzte bewusst für diesen Weg - und gegen eine Festanstellung in einer Klinik. "Nachdem ich aus England wiederkam, wusste ich, dass ich nicht mehr wie zuvor in Deutschland arbeiten wollte", sagt etwa Michael Weber. Zwei Jahre war er im Ausland, die meiste Zeit davon auf der Isle of Wight. Das kollegiale Miteinander dort habe er zu schätzen gelernt. Es sei anders als die strengen deutschen Hierarchien, an deren Spitze die Ober- und Chefärzte stünden.

In England hat Weber auch das Prinzip der Locum Doctors kennen gelernt: Ärzte, die ihre Arbeitskraft einer Klinik auf Zeit und gegen Honorar zur Verfügung stellen. Als Selbständige sind sie ihr eigener Chef, können frei über ihre Aufträge und Arbeitszeiten entscheiden.

Und das Prinzip hat Michael Weber überzeugt: 2005 gründete er deshalb die Agentur Hire a Doctor und bringt Ärzte und Kliniken zusammen. Kliniken können sich an die Agentur wenden, angeben, welche Fachrichtung sie von dem Arzt wünschen und über welchen Zeitraum sie sich das Engagement wünschen. Ähnlich wie bei einem Makler bezahlen sie dafür eine Provision. Rund 4000 Ärzte hat Weber in seiner Kartei. Davon würden rund tausend aktiv die Angebote der Agentur wahrnehmen. Um das Gefühl für die Praxis zu behalten, übernimmt Michael Weber selbst immer noch Dienste.

Alternative zur Selbständigkeit

Die Arbeit wird von vielen Honorarärzten auch als Alternative zur Selbständigkeit als niedergelassener Arzt angesehen. "Selbst eine Praxis zu eröffnen, scheitert meist an drei Punkten: Dem Standort, der Familie und den Investitionen", sagt Nicolai Schäfer, Vorsitzender des Bundesverbands der Honorarärzte in Deutschland. Vor allem jüngere Kollegen könnten die Kosten für die Einrichtung einer Praxis nicht finanzieren, würden von Banken nur selten mit Darlehen unterstützt. "Als Honorarärzte bleiben sie dem System erhalten", sagt Schäfer. Schließlich spielen viele Ärzte mit dem Gedanken, als Alternative ins Ausland zu gehen. Als Honorararzt in Deutschland verdienen sie jedoch verhältnismäßig gut: Allgemeinmediziner erhalten als Honorar einen Stundensatz zwischen 50 und 75 Euro, gefragte Spezialisten, etwa in der Onkologie, können auch über 100 Euro verdienen.

Deshalb haben sich in den vergangenen vier Jahren neben Hire a Doctor ein Dutzend weitere Ärztevermittlungen gegründet. Und sie haben es sich in ihrer Nische gut eingerichtet - denn der Bedarf an Honorarärzten ist groß. Die Gebühr für eine Vermittlung liegt ungefähr bei acht Prozent der ausgehandelten Honorarsumme.

Vor allem auf dem Land werden die Honorarärzte gerne als Praxisvertretung gebucht. Wegen der Abwanderung und der Überalterung der Ärzteschaft gibt es hier immer öfter keine Kollegen mehr, die im Notfall einspringen könnten. In der Stadt hingegen ist der verstärkte Einsatz von Honorarärzten ein klares Zeichen für Rationalisierungen beim Personal. "Auf diese Weise teilen sich gleich mehrere Kliniken einen Arzt", sagt Navid Lodhia, Gründer und Chef der Ärztevermittlung Lodhiamedics.

Trotz aller Vorteile ist aber auch klar: Die Honorarärzte stehen jeden Tag von neuem unter dem Druck, sich in neue Teams einarbeiten und mit den Prozessen vertraut machen zu müssen. Dies sei eine besondere Herausforderung des Berufs, sagt Navid Lodhia. Dass man diesen Weg freiwillig wähle, rufe bei einigen festangestellten Ärzten immer wieder Unverständnis hervor, sagt Anästhesist Michael Weber: "Ein älterer Kollege hat mich mal zur Seite genommen und gefragt, ob ich nichts anderes gefunden hätte."

Von einer Notlösung indes kann man bei vielen Honorarärzten nicht mehr sprechen. Sie sind Selbständige in einem wachsenden Markt der Gesundheitsbranche.

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